Monogamie war gestern: Katholische Theologen entdecken die Vielehe

(David Berger) Wer einmal beginnt, Ausnahmen von der unveränderlichen katholischen Glaubens- und Sittenlehre zuzulassen, darf sich nicht wundern, wenn bald die nächste Forderung erhoben wird. Was gestern noch als undenkbar galt, wird heute diskutiert und morgen womöglich als pastorale Notwendigkeit verkauft. Jüngstes Beispiel: die Polygamie.

Es ist das alte Prinzip der schiefen Ebene. Hat man erst einmal die ersten Breschen in die Festungsmauern des Naturrechts geschlagen, dringen immer neue Forderungen in die Stadt Gottes ein. Auf die Zulassung weiblicher Ministranten folgte die Forderung nach Diakoninnen, auf diese die nach Priesterinnen. Und irgendwann standen sogar heidnische Pachamama-Figuren im Vatikan. Nicht jeder dieser Schritte ist theologisch gleich zu bewerten. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass die Grenzen dessen, was innerhalb der Kirche als selbstverständlich gelten darf, immer weiter verschoben werden. Nach Fiducia supplicans und der umstrittenen Möglichkeit, Paare in irregulären Verbindungen zu segnen, steht nun die nächste Bastion zur Debatte: die Einehe.

Wie katholisch.de berichtet, fordert der Münsteraner Priester und Theologe Égide Muziazia einen differenzierten Umgang mit der in Teilen Afrikas verbreiteten Polygamie. Diese dürfe nicht pauschal als Ausdruck moralischer Rückständigkeit betrachtet werden. Vielmehr müsse der kulturelle Kontext berücksichtigt werden. Nun ist es selbstverständlich richtig, dass die Kirche Menschen, die in polygamen Verhältnissen leben, nicht einfach ihrem Schicksal überlassen darf. Das hat sie auch niemals gelehrt. Die Frage ist jedoch, ob aus der gebotenen pastoralen Rücksichtnahme irgendwann eine Relativierung der sittlichen Norm wird.

Besonders hellhörig sollte man werden, wenn der kulturelle Kontext zum entscheidenden theologischen Maßstab erhoben wird. Denn das Naturrecht heißt gerade deshalb Naturrecht, weil es nicht von kulturellen Gewohnheiten, gesellschaftlichen Mehrheiten oder wechselnden historischen Umständen abhängt. Das gilt selbstredend auch für die unveränderlichen Teile der Glaubens- und Sittenlehre, die dem Naturrecht nie widersprechen.

Was bleibt von der Unveränderlichkeit der Lehre?

Christus selbst hat die ursprüngliche Ordnung der Ehe gegen die Zugeständnisse menschlicher Gesetzgebung verteidigt: „Am Anfang war das nicht so“ (Mt 19,8). Die Ehe als ausschließliche Verbindung eines Mannes und einer Frau ist für die katholische Lehre keine beliebig veränderbare europäische Kulturkonvention. Thomas von Aquin wusste sehr wohl zwischen der objektiven Ordnung des Sittlichen und der subjektiven Schuld des Einzelnen zu unterscheiden. Aber aus dieser Unterscheidung folgt gerade nicht, dass die objektive Norm je nach Kulturkreis außer Kraft gesetzt werden könnte.

Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika Veritatis splendor mit großer Klarheit vor einer Moraltheologie gewarnt, die aus Umständen, Absichten und Folgen eine Rechtfertigung für Handlungen ableiten möchte, die ihrem Gegenstand nach sittlich ungeordnet sind. Genau diese Unterscheidung zwischen pastoraler Begleitung und sittlicher Rechtfertigung droht heute immer häufiger zu verschwimmen.

Die schiefe Ebene kennt keinen Haltepunkt

Das eigentliche Problem liegt deshalb tiefer als in der aktuellen Diskussion über die Vielehe. Es liegt in einer theologischen Denkweise, die das Unveränderliche zunehmend als Hindernis empfindet, das man durch pastorale Kreativität überwinden müsse. Oder wie der Münchner Kardinal Marx vor kurzem zu sagen pflegte: „Kirche ist kein sinkendes Schiff, sie wird nur umgebaut“.

Heute sind es homosexuelle Partnerschaften, morgen polygame Verbindungen. Welche Lebensform wird übermorgen unter Berufung auf kulturelle Besonderheiten oder individuelle Lebenswirklichkeiten eine kirchliche Anerkennung beanspruchen? Die Kirche hat nicht den Auftrag, das Naturrecht und die Basics der christlichen Sittenlehre den wechselnden Wünschen der Menschen anzupassen. Sie hat den Auftrag, die Menschen zur Wahrheit zu führen – auch und gerade dann, wenn diese Wahrheit unbequem ist. Eine Kirche, die aus Angst vor der Welt ihre eigenen Festungsmauern niederreißt, braucht sich nicht zu wundern, wenn am Ende von der Festung nichts mehr übrig bleibt. Das Schiff, das Kardinal Marx vor Augen steht, dürfte ein Seelenverkäufer auf dem Meer des Zeitgeistes werden.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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