
(David Berger) Es sind Bilder, die sich ARD & Co auch in Deutschland genauer ansehen sollten. In Ceuta richtet sich die Wut der Bevölkerung längst nicht mehr nur gegen die Regierung von Pedro Sánchez und deren Umgang mit der Migrationskrise. Inzwischen trifft sie auch jene Medien, die den Bürgern erklären wollen, wie sie über diese Krise zu denken haben.
Ein Team des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE wurde bei den Protesten bedrängt und beschimpft. Schon zuvor hatte ein Team des privaten Senders La Sexta unter lautstarken „¡Fuera, fuera!“-Rufen – „Raus, raus!“ – den Rückzug antreten müssen. Eine RTVE-Reporterin soll zeitweise sogar ohne den auffälligen Mikrofonüberzug mit Senderlogo berichtet haben. Natürlich rechtfertigt der Zorn über die Berichterstattung keine körperlichen Übergriffe auf Reporter. Aber die Szenen werfen eine andere Frage auf: Wie konnte ein öffentlich-rechtlicher Sender bei Teilen der Bevölkerung derart viel Vertrauen verspielen?
Was die Menschen in der spanischen Exklave erleben, ist keine akademische Debatte über Migration. Am 30. und 31. Juli gelangten nach Regierungsangaben innerhalb kürzester Zeit rund 72.000 Menschen irregulär nach Ceuta – in eine Stadt mit gerade einmal rund 83.000 Einwohnern. Selbst einen Monat später hielten sich dort noch etwa 5.000 Migranten auf, darunter rund 1.500 Minderjährige. Die Folgen sind entsprechend drastisch. Unterkünfte und öffentliche Einrichtungen stehen unter enormem Druck, der reguläre Betrieb städtischer Kindertagesstätten wurde verschoben. Die Handelskammer bezifferte die unmittelbaren wirtschaftlichen Schäden inzwischen auf 33 Millionen Euro. Polizei, Feuerwehr, Sanitäter und andere Beschäftigte der kritischen Infrastruktur gingen selbst auf die Straße und warnten davor, dass Ceuta seine Belastungsgrenze erreicht habe. Ende August wurden zudem vier irregulär eingereiste Marokkaner nach einer erneuten Steinattacke auf Soldaten festgenommen. Bei einem vorherigen Angriff waren bereits vier Militärangehörige verletzt worden. Kein Wunder also, dass viele Einwohner genug haben.
Der Staatsfunk entdeckt den „Hass“
RTVE beschäftigte unterdessen auffallend intensiv eine andere Frage: Wie viel „Hass“ steckt in der Reaktion der Bevölkerung? Am 30. August veröffentlichte der Sender einen großen Beitrag unter der Überschrift: „Entmenschlichung, Falschmeldungen und Legitimierung von Gewalt: So hat sich der Hass in den sozialen Netzwerken während der Ceuta-Krise ausgebreitet.“ In der Bildbeschreibung war sogar von einer „rassistischen Hasskampagne“ die Rede. Schon zuvor hatte RTVE über 9.600 angebliche „Hassbotschaften“ im Zusammenhang mit der Masseneinreise berichtet.
Natürlich gab es rassistische und widerwärtige Äußerungen. Aber man muss sich die Verschiebung der Perspektive einmal vor Augen führen: Eine Stadt mit 83.000 Einwohnern erlebt innerhalb von zwei Tagen die irreguläre Einreise Zehntausender Menschen. Wochen später befinden sich noch Tausende von ihnen dort. Bürger beklagen Unsicherheit, Einschränkungen ihres Alltags und das Gefühl, von Madrid im Stich gelassen worden zu sein. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk zählt Hasskommentare. Wie weit dieses mediale Framing an der Stimmung vor Ort vorbeigeht, musste RTVE schließlich selbst dokumentieren. Am 29. August veröffentlichte der Sender einen Bericht unter der bemerkenswerten Überschrift: „Der Überdruss erfasst die Ceutíes: Wir sind weder Rassisten noch gewalttätig, aber man hat uns unsere Freiheit genommen.“
¡Fuera!
Einwohner berichten darin, dass sie sich in ihrer eigenen Stadt nicht mehr frei fühlten. „No se puede salir“ – man könne nicht mehr hinausgehen, sagt eine Frau. Kinder könnten nicht zur Schule gehen, normale Bewegungsfreiheit sei nicht mehr selbstverständlich. Ein anderer Einwohner fasst das Gefühl vieler mit zwei Worten zusammen: „Estamos abandonados“ – „Wir sind im Stich gelassen worden.“ Das sind keine anonymen Internet-Trolle, sondern Menschen, die jeden Tag mit den Folgen einer Politik leben müssen, über die andere aus sicherer Entfernung moralisieren. Natürlich kam es auch zu Ausschreitungen. (PP hat darüber berichtet) Barrikaden wurden errichtet, Container umgeworfen, Migrantenunterkünfte beschädigt und Journalisten angegangen. Doch daraus einen Generalverdacht gegen eine Bevölkerung zu konstruieren, die zu großen Teilen friedlich protestiert, wäre ebenso bequem wie unehrlich.
Der Staatsfunk scheint in Spanien ein ähnliches Problem wie in Deutschland zu haben. Journalismus soll Wirklichkeit beschreiben. Er soll nicht zuerst darüber befinden, welche Reaktion der Bürger auf diese Wirklichkeit moralisch noch zulässig ist. Doch das Muster kennt man längst: Aus Sorge wird „Angst“, aus Angst „Ressentiment“, aus Ressentiment „Hass“ – und am Ende steht irgendwo zuverlässig der „Rassismus“. Und dann nimmt man es mit der Wahrheit auch nicht mehr ganz so genau, wenn diese die Zuschauer „verunsichern“ könnte: Bezüglich Ceuta etwa logen der ÖRR und die Mainstreampresse auch uns dreist an: alle Invasoren seien zurückgekehrt. Es gebe hier hetzt nichts mehr zu sehen, man möge doch weitergehen und sich über Klimawandel und die russischen Kriegsplänen gegen die EU echauffieren In Ceuta sah das ganz anders aus. Zudem harren an den Grenzen zu Europa tausende weitere marokkanische und andere afrikanische Siedler aus für den nächsten Sturm.
Wer so berichtet, muss sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann niemand mehr glaubt. Die „Fuera!“-Rufe von Ceuta sind deshalb mehr als eine unschöne Szene am Rande einer Demonstration. Sie sind Ausdruck eines tiefen Vertrauensverlustes. Selbst RTVE spricht inzwischen vom „hartazgo“, vom Überdruss der Bevölkerung. Vielleicht hätte man diesem Überdruss früher zuhören sollen, anstatt ihn zunächst in die üblichen Schubladen von Hass, Desinformation und Rassismus zu sortieren. Ceuta liefert damit eine Lektion, die auch der deutsche Staatsfunk beherzigen könnte: Wer den Bürgern lange genug erklärt, ihre Wahrnehmung sei falsch und ihre Wut moralisch verdächtig, darf sich nicht wundern, wenn diese irgendwann keine Belehrungen mehr hören wollen. In Ceuta haben sie dafür inzwischen ein sehr kurzes Wort: ¡Fuera!
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