Drohnen, KI und Atomwaffen: Warum die Lehre vom gerechten Krieg nicht überholt ist

(David Berger) Papst Leo XIV. hält die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg angesichts moderner Waffensysteme für überholt. Ein Blick in die katholische Naturrechtslehre und den Katechismus zeigt jedoch: Nicht die Grundsätze haben ihre Gültigkeit verloren – sondern ihre Anwendung ist heute strenger denn je. Warum die klassische katholische Friedensethik auch im Zeitalter von Drohnen und Atomwaffen nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.

Als Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ erklärte, die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg sei angesichts der modernen Kriegsführung „überholt“, sorgte diese Aussage weit über den kirchlichen Raum hinaus für Verwirrung. Auf der einen Seite erscheint der Wunsch nach einer Welt ohne Krieg angesichts atomarer Abschreckung, autonomer Waffensysteme und künstlicher Intelligenz zunächst verständlich und zutiefst christlich. Jeder Mensch guten Willens wird das Anliegen teilen, Gewalt möglichst zu verhindern und den Frieden zu fördern.

Auf der anderen Seite konnte sich der Eindruck aufdrängen, dass diese – angesichts der katholischen Ethik- und Theologiegeschichte – bizarre erscheinende Äußerung von Leo mehr seiner Aversion gegen Donald Trump und die Seinen und einer seltsamen Flower-Power-Sentimentalität geschuldet ist als rationalen Überlegungen.

Doch gerade weil der Friede ein so hohes Gut ist, verdient die Frage über bloße Gefühle hinaus eine sorgfältige ethische und theologische Prüfung. Kann eine Lehre, deren Wurzeln bis in die Väterzeit zurückreichen und die über anderthalb Jahrtausende hinweg Bestandteil der katholischen Morallehre war, schlicht als „überholt“ bezeichnet werden? Oder liegt hier vielmehr eine Verwechslung zwischen den ewigen Prinzipien des Naturrechts und den geschichtlichen Bedingungen ihrer Anwendung vor?

Frieden ist Frucht der Gerechtigkeit

Fest steht unzweifelhaft zu aller erst: Die Kirche hat den Krieg niemals verherrlicht. Im Gegenteil: Seit den ersten Jahrhunderten betrachtete sie ihn als Folge der gefallenen Natur des Menschen. Dennoch hat sie nie gelehrt, jede Anwendung militärischer Gewalt sei schlechthin unmoralisch. Bereits der heilige Augustinus, also jener Mann, der als Vater des Ordens gilt, aus dem Leo hervorgegangen ist, formulierte den berühmten Satz: „Pax omnium rerum tranquillitas ordinis: Der Friede ist die Ruhe der Ordnung.“.

Friede bedeutet demnach nicht einfach die Abwesenheit von Waffen oder Konflikten. Ein Friede, der auf Unterdrückung, Terror oder dem Sieg des Unrechts beruht, ist kein wahrer Friede. Oder innenpolitisch und demokratisch gedacht: Ein gesellschaftlicher Friede, der auf Zensur und Einschränkung von Meinungsfreiheiten beruht, verdient diesen Namen nicht. Frieden setzt vielmehr eine gerechte Ordnung voraus. Genau an diesem Punkt setzt die klassische Lehre vom gerechten Krieg an.

Oft wird der Eindruck erweckt, die Theorie des gerechten Krieges sei eine kirchliche Rechtfertigung militärischer Gewalt gewesen. Das Gegenteil trifft zu. Sie entstand gerade deshalb, um den Krieg möglichst eng einzugrenzen. Der heilige Thomas von Aquin nennt in der Summa Theologiae drei Grundbedingungen: eine legitime Autorität, einen gerechten Grund und eine rechte Absicht. Spätere Moraltheologen ergänzten diese Kriterien um die Verhältnismäßigkeit der Mittel, die begründete Aussicht auf Erfolg und den Grundsatz, dass alle friedlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sein müssen.

Der Dominikaner Dominicus Prümmer OP, dessen „Manuale Theologiae Moralis“ jahrzehntelang zu den wichtigsten Lehrbüchern katholischer Priesterseminare gehörte, fasst den Grundgedanken prägnant zusammen: „Bellum est licitum tantum sub certissimis condicionibus: Ein Krieg ist nur unter ganz bestimmten, äußerst strengen Voraussetzungen erlaubt.“

Damit wird deutlich: Die klassische Moraltheologie sucht nicht nach Gründen für den Krieg, sondern nach Gründen, ihn möglichst zu verhindern.

Naturrecht kennt kein Verfallsdatum

Der eigentliche Kern der Debatte liegt jedoch tiefer. Die katholische Morallehre gründet nicht auf wechselnden politischen Konstellationen, sondern auf dem Naturrecht. Naturrecht bedeutet, dass bestimmte sittliche Grundwahrheiten aus dem Wesen (der Natur) des Menschen selbst hervorgehen. Dass Unschuldige geschützt werden müssen, dass Aggression Unrecht ist oder dass Notwehr grundsätzlich erlaubt sein kann, hängt nicht davon ab, ob Menschen mit Pfeil und Bogen, Musketen oder Hyperschallraketen kämpfen. Gerade die großen Moraltheologen der Neuscholastik haben diesen Zusammenhang immer wieder betont.

Der Dominikaner Benedictus Henricus Merkelbach schreibt in seiner „Summa Theologiae Moralis“, das Recht eines Staates auf Selbstverteidigung gründe unmittelbar im Naturrecht und im Auftrag des Staates, das Gemeinwohl zu schützen. Der Staat dürfe Gewalt niemals aus Eroberungslust anwenden, wohl aber zur Abwehr schwerer Ungerechtigkeit. Auch der Jesuit Arthur Vermeersch unterstreicht in seiner Theologia Moralis, dass militärische Gewalt niemals Selbstzweck sei, sondern ausschließlich dem Schutz der Gerechtigkeit dienen dürfe.

Gemeinsam ist allen diesen Autoren die Überzeugung: Nicht der Krieg besitzt moralischen Wert, sondern allein die Wiederherstellung einer gerechten Ordnung, aus der dann der Frieder hervorgeht.

Moderne Waffen widerlegen die Lehre nicht

Gerade hier liegt ein entscheidender Denkfehler vieler gegenwärtiger Debatten. Die Entwicklung immer zerstörerischerer Waffen und die Propaganda von allen Seiten, mit der wir überschüttet werden, die uns unfähig macht zu entscheiden, wer die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind, verändert zweifellos die praktische Beurteilung konkreter Kriege. Je größer die Gefahr unterschiedsloser Vernichtung und der einseitigen Positionierung, die uns selbst zu Kriegstreibern macht, desto schwieriger wird es, die Forderung der Verhältnismäßigkeit einzuhalten.

Doch daraus folgt nicht, dass die moralischen Prinzipien selbst ihre Gültigkeit verlieren. Im Gegenteil. Man könnte sogar sagen: Gerade weil moderne Waffen so zerstörerisch geworden sind, bestätigt sich die Weisheit der klassischen Lehre. Wenn kaum noch ein militärischer Konflikt ihre strengen Voraussetzungen erfüllt, spricht das gegen die Art moderner Kriegsführung – nicht gegen die Lehre selbst.

Zwischen Pazifismus und Militarismus

Die katholische Tradition hat auch hier den typisch katholischen Mittelweg gewählt (via catholica semper via media incedit“, Garrigou-Lagrange) stets zwei Extreme abgelehnt. Sie verwarf den Militarismus, der Gewalt zum politischen Instrument erhebt. Ebenso wenig bekannte sie sich jedoch zu einem absoluten Pazifismus, der jede Anwendung staatlicher Gewalt unabhängig von den Umständen ausschließt.

Der Kapuziner Heribert Jone formuliert in seiner weit verbreiteten Katholischen Moraltheologie, die soeben neu aufgelegt wurde, der Staat habe nicht nur das Recht, sondern unter Umständen sogar die Pflicht, seine Bürger gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen. Wer auf diese Pflicht verzichte, verletze unter Umständen selbst das Gemeinwohl. Diese Überlegung besitzt bis heute große Aktualität. Und das nicht nur im Hinblick auf den Krieg, sondern den immer gefährlicher werdenden Alltag in den von der Massenmigration überschwemmten Ländern.

Ein Staat trägt Verantwortung für das Leben seiner Bürger. Er darf sie nicht schutzlos einer Aggression preisgeben. Dieser Gedanke findet sich bereits beim Propheten Jesaja und zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte katholische Soziallehre. Frieden ohne Wahrheit wird zur Illusion. Frieden ohne Gerechtigkeit bleibt instabil. Frieden ohne Ordnung endet früher oder später in neuer Gewalt.

Johannes Paul II und der „Katechismus der Katholischen Kirche“

Auch Johannes Paul II., der wohl entschiedenste Friedenspapst des 20. Jahrhunderts, hat niemals bestritten, dass Staaten ein Recht auf legitime Selbstverteidigung besitzen. Gerade weil er die Schrecken des Krieges aus eigener Erfahrung kannte, unterschied Johannes Paul II. sorgfältig zwischen Angriffskrieg und legitimer Verteidigung.

Diese Differenzierung übernimmt bis heute ausdrücklich auch der „Katechismus der Katholischen Kirche“. Entgegen der häufig anzutreffenden Behauptung hat die Kirche die Lehre vom gerechten Krieg dort keineswegs aufgegeben, sondern sie unter den Bedingungen der modernen Welt präzisiert und noch strenger gefasst. In den Nummern 2307 bis 2317 greift der Katechismus die klassische Tradition des bellum iustum auf, wie sie von Augustinus und Thomas von Aquin entwickelt wurde. Danach ist militärische Gewalt nur dann sittlich zulässig, wenn der von einem Angreifer verursachte Schaden dauerhaft, schwerwiegend und sicher ist, alle friedlichen Mittel nachweislich ausgeschöpft wurden, eine begründete Aussicht auf Erfolg besteht und der Einsatz der Waffen nicht größere Übel hervorruft als jene, die abgewehrt werden sollen. Gerade die moderne Zerstörungskraft von Atomwaffen, Raketen und autonomen Waffensystemen verleiht dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit dabei besonderes Gewicht. Zugleich erinnert der Katechismus daran, dass die Entscheidung über den Einsatz militärischer Gewalt der legitimen staatlichen Autorität obliegt, die ihrerseits an die unveränderlichen Maßstäbe des Naturrechts gebunden bleibt. Ebenso wenig wie das Recht auf Notwehr jede Form von Gewalt rechtfertigt, erlaubt auch ein gerechter Verteidigungskrieg beliebige Mittel. Deshalb verurteilt der Katechismus ausdrücklich Angriffe auf die Zivilbevölkerung, die vorsätzliche Zerstörung ganzer Städte sowie jede Form von Völkermord und hält unmissverständlich fest: „Nicht alles ist erlaubt zwischen Kriegführenden“ (KKK 2313).

Der Katechismus bestätigt damit einerseits das naturrechtlich begründete Recht und unter Umständen sogar die Pflicht eines Staates, seine Bürger gegen einen ungerechten Angreifer zu schützen, macht andererseits aber ebenso deutlich, dass jeder Krieg nur als äußerstes Mittel zur Wiederherstellung eines gerechten Friedens in Betracht kommen kann. Denn der Friede bleibt nach katholischem Verständnis, wie der Katechismus unter Bezugnahme auf Jesaja formuliert, das „Werk der Gerechtigkeit und die Frucht der Liebe“ (KKK 2304).

Die Lehre vom gerechten Krieg ist deshalb keine Legitimation militärischer Gewalt, sondern ein außerordentlich strenger moralischer Maßstab, der den Rückgriff auf bewaffnete Gewalt auf eng begrenzte Ausnahmefälle beschränkt.

Die katholische Kirche lebt aus der Kontinuität ihrer Lehre

Selbstverständlich entwickelt sich das Verständnis einzelner Fragen weiter. Doch Entwicklung bedeutet Vertiefung, nicht Widerspruch. Wenn heute gesagt wird, die Lehre vom gerechten Krieg sei „überholt“, entsteht leicht der katastrophale Eindruck, als habe sich die Kirche über viele Jahrhunderte hinweg in einer fundamentalen Frage der Morallehre geirrt. Eine solche Schlussfolgerung wäre mit dem katholischen Verständnis der Lehrentwicklung schwer vereinbar. Treffender wäre daher eine andere Formulierung: Nicht die Lehre vom gerechten Krieg ist überholt. Überholt ist vielmehr die Vorstellung, moderne Kriege könnten leichtfertig geführt werden, ohne die strengen Anforderungen des Naturrechts zu verletzen.

Die Kirche wird niemals aufhören dürfen, für den Frieden einzutreten. Gerade in einer Welt atomarer Bedrohung muss sie mit prophetischer Klarheit gegen Krieg, Aufrüstung und Gewalt sprechen. Dies tut Papst Leo ohne Zweifel auf bewundernswerte Weise. Doch sein größter Beitrag zum Frieden besteht nicht darin, jahrhundertealte moralische Grundsätze preiszugeben. Sein eigentlicher Auftrag ist es vielmehr, die unveränderlichen Prinzipien des Naturrechts immer neu auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeit anzuwenden.

Die klassische Lehre vom gerechten Krieg gehört zu diesen Prinzipien. Sie ist keine Kriegsideologie, sondern eine Ethik der äußersten Zurückhaltung. Sie schützt nicht die Gewalt, sondern den Frieden; nicht den Angreifer, sondern den Bedrängten; nicht die Macht, sondern das Recht. Gerade deshalb erscheint sie in den gegenwärtigen Zeiten primitivster Kriegstreiberei (Frieden gibt´s nur auf dem Friedhof – Friedrich Merz) vielleicht aktueller denn je.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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