(David Berger) Der britische Publizist und frühere Breitbart-Star Milo Yiannopoulos sitzt in Abschiebehaft. Die US-Einwanderungsbehörde ICE nahm ihn am Flughafen von New Orleans fest. Der Fall besitzt eine bizarre Ironie: Yiannopoulos selbst gehörte zu den lautstarken Befürwortern einer kompromisslosen Abschiebungspolitik. Für Philosophia Perennis ist die Nachricht aber mehr als eine Meldung aus Amerika. Wir erinnern uns an einen Mann, dem wir 2019 nach seiner Ausladung in Berlin eine Bühne verschafften – und dessen späterer Weg zurück zum katholischen Glauben uns beeindruckte.
Es ist eine jener Geschichten, die ein Drehbuchautor vermutlich als zu dick aufgetragen zurückweisen würde: Milo Yiannopoulos, jahrelang einer der schillerndsten Provokateure der internationalen Rechten und selbst ein entschiedener Befürworter einer harten amerikanischen Abschiebungspolitik, ist von der US-Einwanderungsbehörde ICE festgenommen worden. Wie das Department of Homeland Security mitteilte, erfolgte die Festnahme am 27. August am Louis Armstrong New Orleans International Airport in Louisiana. Der britische Staatsbürger befindet sich nun in ICE-Gewahrsam und soll abgeschoben werden.
Nach Darstellung der Behörden war Yiannopoulos am 14. Mai 2019 legal über New York in die Vereinigten Staaten eingereist, blieb jedoch über die erlaubte Aufenthaltsdauer hinaus. Zu einer Anhörung in seinem Einwanderungsverfahren erschien er nicht. Am 22. Juli dieses Jahres erließ ein Einwanderungsrichter daraufhin einen endgültigen Ausweisungsbeschluss.
Ausgerechnet Milo
Die Ironie ist kaum zu übersehen. Yiannopoulos hatte selbst eine rigorose Durchsetzung des amerikanischen Einwanderungsrechts verlangt. Nun wendet der amerikanische Staat dieses Prinzip auf ihn selbst an. Dass ein Brite ohne gültigen Aufenthaltstitel nicht deshalb in den Vereinigten Staaten bleiben darf, weil er Milo Yiannopoulos heißt, ist zunächst einmal konsequent. Dennoch besitzt der Fall eine Vorgeschichte, die ihn weit interessanter macht als eine gewöhnliche Meldung über einen abgelaufenen Aufenthaltstitel.
Denn Milo hat in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms war Yiannopoulos eine nahezu maßgeschneiderte Provokation der politischen Linken: schwul, extravagant, schlagfertig, hemmungslos politisch unkorrekt und zugleich ein erbitterter Gegner von Feminismus, Gender-Ideologie und linker Identitätspolitik. Gerade weil er sich so wenig in die üblichen Schubladen einordnen ließ, brachte er seine Gegner zur Weißglut.
2021 kam dann eine Wendung, über die er zuvor schon mit mir kommuniziert hatte, mit der aber sonst kaum jemand gerechnet hatte. Yiannopoulos bekannte sich öffentlich zur Rückkehr zu seinem katholischen Glauben. Er erklärte, künftig enthaltsam zu leben, bezeichnete sich selbst mit der für ihn typischen Lust an der Provokation als „ex-gay“ und begann, öffentlich über katholische Sexualmoral, Sünde, Beichte und die Gottesmutter zu sprechen. Er berichtete später auch von seiner Hinwendung zur traditionellen lateinischen Liturgie und von der Bedeutung, die der Rosenkranz für ihn gewonnen habe.
Man muss nicht jede Formulierung und erst recht nicht jede Inszenierung Milos übernehmen, um anzuerkennen, dass hinter dieser Entwicklung mehr steckte als ein gewöhnlicher Imagewechsel. Ausgerechnet einer der berühmtesten homosexuellen Provokateure der westlichen Medienwelt bekannte öffentlich, dass die katholische Kirche mit ihrer Sexualmoral recht habe – und versuchte, sein eigenes Leben danach auszurichten. In einer Zeit, in der selbst Teile der kirchlichen Hierarchie den Eindruck erwecken, die überlieferte Sexualmoral möglichst geräuschlos entsorgen zu wollen, war das ein bemerkenswertes Zeugnis.
Milo wurde damit für ein bestimmtes Milieu allerdings noch unbequemer als zuvor. Früher konnte man ihn immerhin als exzentrischen schwulen Konservativen behandeln. Nun stellte er eines der zentralen Dogmen der sexuellen Revolution in Frage: dass sexuelle Orientierung Schicksal und Identität sei und jeder Versuch, das eigene Leben einer objektiven moralischen Ordnung unterzuordnen, als Unterdrückung gelten müsse.
Allerdings verlor er in den letzten Jahren immer mehr Freunde, seine Rolle wurde von mal zu mal undurchsichtiger. Der bekannte Youtuber Benny Johnson schreibt: „Milo ist nicht „Far-Right.“ Medien müssen das korrigieren. Milo hat für die Linke gearbeitet, um Trumps Koalition zu spalten, zu verleumden und über sie zu lügen, um sie zu zerbrechen. Das war Lehrbuch-Links-ähnliche ausländische Wahlbeeinflussung. Tage nachdem Charlie Kirk ermordet wurde, warf er Charlie vor, schwul zu sein und Erika zu betrügen. Böse, kranke Lüge. Null Reue. Null Beweise. Reiner Abwasser und Verleumdung. Es geschah systematisch bei fast jedem prominenten Mitglied der America-First-Bewegung. Unser Land ist besser dran, wenn Milo in einem Flüchtlingslager in England sitzt.“
Laura Loomer und die Abrechnung mit einem alten Gegner
Hier kommt Laura Loomer ins Spiel. Die rechtsgerichtete jüdische Aktivistin und Trump-Unterstützerin erklärte nach Yiannopoulos‘ Festnahme, sie habe ihn bei den Einwanderungsbehörden gemeldet. Zwischen Loomer und Yiannopoulos besteht seit längerem eine erbitterte Feindschaft. Ob ihr Hinweis tatsächlich für die Festnahme ausschlaggebend war, ist bislang nicht unabhängig belegt. Dass Loomer seinen Fall öffentlich zu ihrem persönlichen Triumph erklärt, ist dagegen unübersehbar. Zu dieser Feindschaft gehören politische und persönliche Konflikte. Gerade schreibt Loomer: „Der illegale Ausländer Milo Yiannopoulos befindet sich nun in einem Flugzeug zurück in die UK. Sein Abschiebungsflug ist bereits gestartet. Dieser subversive ausländische Agent ist bereits aus den Vereinigten Staaten heraus und DHS teilt mir mit, dass er NIEMALS wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehren darf.“
Für Philosophia Perennis besitzt die Nachricht noch eine sehr persönliche Dimension. Denn mit Milo verbindet uns eine Episode aus der Frühgeschichte der „Konferenz der freien Medien“. Am 11. Mai 2019 fand im Deutschen Bundestag der erste Kongress der freien Medien statt. Yiannopoulos sollte ursprünglich teilnehmen, war jedoch kurzfristig ausgeladen worden. Zahlreiche etablierte Medien berichteten darüber mit unverkennbarer Genugtuung. Damit wollten wir uns nicht abfinden. Nachdem Petr Bystron die offizielle Veranstaltung im Bundestag beendet hatte, übernahm ich das Mikrofon und lud die versammelten Journalisten und Publizisten zu einer kurzfristig organisierten Veranstaltung nahe dem Brandenburger Tor ein.
Wenn die freien Medien etwas verbinden sollte, dann der Einsatz für Presse- und Meinungsfreiheit. Einen unbequemen Redner aufgrund politischen Drucks auszuladen und anschließend zur Tagesordnung überzugehen, kam deshalb nicht in Frage. Und Milo kam doch. Mehr als hundert Publizisten und Journalisten empfingen ihn. Als Yiannopoulos den Raum betrat, erhoben sich „Milo“-Rufe und frenetischer Applaus. Der Saal war derart überfüllt, dass Menschen auf Stühlen, Tischen und Fensterbänken standen. Hier unser damaliger PP-Bericht. Es gehört zu den Erinnerungen aus der Geschichte von PP, auf die wir mit Freude zurückblicken. Zwei Tage später begann die Geschichte, die ihn jetzt einholt Im Rückblick bekommt die Berliner Episode durch ein Datum eine geradezu filmreife Pointe.
Diese Messe ist noch nicht zuende gesungen
Unser Bericht über Milos Auftritt erschien am 12. Mai 2019. Nach Angaben des amerikanischen Heimatschutzministeriums reiste Yiannopoulos am 14. Mai 2019, gerade einmal zwei Tage später, legal über New York in die Vereinigten Staaten ein. Es war jene Einreise, deren erlaubte Aufenthaltsdauer er später überschreiten sollte – und die mehr als sieben Jahre danach in seiner Festnahme endet. Damals hatten wir dafür gesorgt, dass Milo nach einer Ausladung doch noch zu Wort kam. Heute können wir ihm seine Schwierigkeiten mit dem amerikanischen Einwanderungsrecht nicht abnehmen. Aber noch andere Äußerungen verwirrten. Vor wenigen Monaten trauerte Milo Yiannopoulos öffentlich um Khamenei. Vor einigen Wochen ließ er gar Andeutungen über eine mögliche Konversion zum Islam fallen, so Ryan Mauro.
Milo hat sich in den letzten Jahren mehr Feinde als Freunde gemacht. Er hat selbst enorme Fehler gemacht. Und dass ausgerechnet ein Verfechter harter Abschiebungen nun selbst von ICE abgeschoben werden soll, besitzt eine Ironie, die auch seine Freunde kaum übersehen können. Wer ihn und die Schlangengruben ein wenig kennt, in denen er zuhause war, muss nicht viel Phantasie haben, um zu ahnen, dass das letzte Milo-Kapitel noch nicht geschrieben ist. Kein Geringerer als Breitbart-Legende Raheem J. Kassam schreibt: „Und doch wird er natürlich bald in Britannien wieder auftauchen. Vielleicht als Berater für Rupert Lowe oder vielleicht als Kandidat in einer drittklassigen Reality-TV-Show.“
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