50 Jahre nach seinem Flammentod: Oskar Brüsewitz und die angepasste Kirche

(David Berger) Am 18. August vor 50 Jahren setzte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Protest gegen die kommunistische Unterdrückung von Kirche und Christen in der DDR selbst in Brand. Die SED versuchte anschließend, den unbequemen Geistlichen als psychisch labilen Fanatiker abzutun. Sein Fanal ist heute wieder von beklemmender Aktualität: Die aus der SED hervorgegangene Linkspartei erlebt ausgerechnet in Berlin einen neuen Höhenflug – und auch die evangelische Kirche scheint die alte Versuchung der Anpassung an den politischen Zeitgeist keineswegs überwunden zu haben.

Am Vormittag des 18. August 1976 fährt ein Wartburg vor der Michaeliskirche in Zeitz vor. Ein Mann im schwarzen Talar steigt aus. Es ist der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz. Auf dem Dach seines Autos befestigt er Transparente. Auf einem davon steht: „Funkspruch an alle … Wir klagen den Kommunismus an wegen: Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen!“ Dann nimmt Brüsewitz eine mit Benzin gefüllte Milchkanne aus seinem Wagen, übergießt sich und setzt seine Kleidung in Brand. Vier Tage später, am 22. August 1976, stirbt er im Krankenhaus in Halle an seinen schweren Verbrennungen.

Das Geschehen ist bis in Einzelheiten dokumentiert. Die Staatssicherheit befragte Zeugen, rekonstruierte den Ablauf und beobachtete anschließend genau, welche Reaktionen die Tat in Bevölkerung und Kirche hervorrief. Die entsprechenden Unterlagen befinden sich heute im Bundesarchiv. Zum 50. Jahrestag wird in Zeitz wieder an den Pfarrer erinnert. Der MDR spricht vom „Fanal von Zeitz“ und erinnert daran, dass sich Brüsewitz ausdrücklich gegen die Kirchen- und Bildungspolitik des SED-Staates wandte. Doch Oskar Brüsewitz gehört nicht ins Museum. Seine Geschichte stellt Fragen, die im Deutschland des Jahres 2026 wieder unangenehm aktuell geworden sind.

Ein Pfarrer, der sich nicht anpassen wollte

Brüsewitz war alles andere als ein bequemer Kirchenmann im Stil heutiger Bischöfe. Der 1929 geborene ehemalige Schuhmacher war erst vergleichsweise spät Pfarrer geworden. 1970 übernahm er die evangelische Pfarrstelle in Rippicha bei Zeitz. Dort entwickelte er einen missionarischen Eifer, der sowohl die Staatsmacht als auch Teile seiner eigenen Kirche irritierte. Er ließ ein weithin sichtbares Leuchtkreuz anbringen und antwortete auf die allgegenwärtigen politischen Parolen des Sozialismus mit demonstrativ christlichen Botschaften.

Das war keineswegs harmlose religiöse Folklore. Die DDR beanspruchte gerade die Jugend für sich. Die Erziehung zum „sozialistischen Menschen“ sollte die nachwachsende Generation prägen, während der Einfluss von Kirche und Christentum zurückgedrängt wurde. Christliche Jugendliche mussten mit Benachteiligungen rechnen, wenn sie sich der gewünschten weltanschaulichen Anpassung widersetzten.

Brüsewitz wollte darüber nicht schweigen. Er war auch nicht bereit, sich mit jenem vorsichtigen Arrangement abzufinden, das andere Kirchenvertreter unter den Bedingungen der Diktatur für notwendig hielten. Das machte ihn unbequem – für den Staat, aber zunehmend auch für seine eigene Kirche. Die Radikalität seiner letzten Handlung darf dabei nicht romantisiert werden. Selbstverbrennung ist kein christliches Mittel des politischen Protestes, und auch die gelegentliche Bezeichnung Brüsewitz‘ als „Märtyrer“ ist theologisch problematisch. Bereits vor zehn Jahren habe ich auf Philosophia Perennis anlässlich des 40. Jahrestages darauf hingewiesen, dass die Tat selbst kritisch beurteilt werden muss. (Mein damaliger PP-Beitrag zum 40. Jahrestag) Aber die moralische Problematik seiner Selbsttötung darf nicht dazu benutzt werden, die Botschaft verschwinden zu lassen, für die Brüsewitz sterben wollte. Genau das versuchte nämlich die SED.

Wie aus dem Ankläger ein „Verrückter“ gemacht wurde

Die Selbstverbrennung eines evangelischen Pfarrers mitten in einer DDR-Stadt war für das Regime eine propagandistische Katastrophe. Brüsewitz hatte nicht nur einzelne Missstände beklagt. Seine Anklage richtete sich gegen das System selbst: „Wir klagen den Kommunismus an.“ Damit berührte er einen empfindlichen Punkt. Der sozialistische Staat wollte sich schließlich nicht als Unterdrücker, sondern als moralisch überlegene Gesellschaftsordnung präsentieren. Ein brennender Pfarrer vor einer Kirche passte denkbar schlecht zu diesem Selbstbild.

Die Reaktion folgte einem bekannten Muster. Nicht die Anklage sollte diskutiert, sondern der Ankläger diskreditiert werden. Die SED versuchte, Brüsewitz als psychisch labilen Sonderling erscheinen zu lassen. Die Staatssicherheit sammelte derweil minutiös Informationen über Reaktionen auf seine Tat. Das MfS sprach unter anderem von seinem „fanatischen Glauben“. Interessante weitere Hintergründe zu Brüsewitz‘ letzten Tagen und seinen Motiven hat später auch der „Spiegel“ zusammengetragen (DER SPIEGEL: „Ich opfere mich“)

Die Methode ist bis heute sehr beliebt: Wenn eine Anklage politisch gefährlich wird, richtet sich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihren Inhalt, sondern auf die Person desjenigen, der sie erhebt. Brüsewitz sollte nicht als Zeuge gegen den Kommunismus in Erinnerung bleiben, sondern als jemand, mit dem angeblich etwas nicht stimmte. Doch das Fanal ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Es wurde im Westen bekannt und löste auch innerhalb der DDR Diskussionen aus. Nur wenige Monate später folgte mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns die nächste schwere Auseinandersetzung zwischen SED-Staat und kritischen Künstlern und Intellektuellen. In der Rückschau erscheint das Jahr 1976 damit als eine wichtige Wegmarke auf jenem langen Weg, der schließlich 1989 zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft führte.

Die unangenehme Rolle der Kirche

Die Geschichte von Brüsewitz ist allerdings nicht nur für die ehemaligen SED-Funktionäre unbequem. Auch Teile der evangelischen Kirche wussten zunächst nicht recht, was sie mit diesem Mann anfangen sollten. Die „Kirche im Sozialismus“, ein Hauptanliegen auch des Vaters von Angela Merkel, konnte einen solchen Märtyrer gegen den Kommunismus nicht gebrauchen: Jedes Arrangement mit der Macht birgt eine Gefahr. Aus vermeintlicher Klugheit kann Gewöhnung werden, aus Gewöhnung Anpassung – und irgendwann wird nicht mehr der Druck von außen als eigentliches Problem empfunden, sondern derjenige in den eigenen Reihen, der das Arrangement stört.

Genau ein solcher Störenfried war Brüsewitz. Er fragte nicht danach, welche Kritik gegenüber der SED noch opportun war. Er fragte danach, was ein Christ angesichts einer systematischen Zurückdrängung seines Glaubens sagen müsse. Damit stellt seine Geschichte der evangelischen Kirche 50 Jahre später eine höchst unangenehme Frage. Denn die Versuchung der Anpassung ist mit dem Untergang der DDR keineswegs verschwunden. Selbstverständlich leben wir heute nicht in einer SED-Diktatur. Es gibt keine Staatssicherheit, keine Mauer und keinen Schießbefehl. Wer die Bundesrepublik des Jahres 2026 mit der DDR gleichsetzt, macht es sich historisch zu einfach. Doch Anpassung benötigt keine Diktatur. Sie funktioniert auch in einer Demokratie, die – wie wir es derzeit erleben müssen – immer totalitärere Züge annimmt – subtiler, freiwilliger und gerade deshalb besonders wirkungsvoll und gefährlich.

Von der „Kirche im Sozialismus“ zur Kirche im linkstotalitären Zeitgeist?

Wer die politischen Stellungnahmen großer Teile des deutschen Protestantismus in den vergangenen Jahren verfolgt, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die evangelische Kirche sehr genau weiß, welche Überzeugungen im gegenwärtigen gesellschaftlichen Establishment von der linken „Elite“ erwünscht sind. Ob Migration, Klima, Gender, „Vielfalt“ oder der allgegenwärtige „Kampf gegen rechts“: Bei kaum einem politischen Großthema fehlt die kirchliche Wortmeldung. Daran wäre zunächst nichts auszusetzen. Eine Kirche kann und muss gesellschaftliche Fragen unter moralischen Gesichtspunkten beurteilen. Aber eben im christlichen Sinn, der stets auch Stachel im Fleisch der „Welt“ ist. Wo man diese paulinische Einsicht vom Tisch wischt, wird aus christlicher Verkündigung politische Konformität und schließlich Gesinnungsprüfung.

Besonders deutlich zeigt sich das beim Umgang mit der AfD. Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs erklärte bereits 2024, eine Kandidatur für die AfD könne mit einem herausgehobenen Kirchenamt unvereinbar sein. Anlass war ein parteiloser Pfarrer in Sachsen-Anhalt, dem nach seiner Kandidatur auf einer AfD-Liste die Verantwortung für seinen Pfarrbereich entzogen worden war. Fehrs erklärte damals: „Wenn jemand, wie in diesem Fall zwar parteilos, aber öffentlich das Gedankengut der AfD vertritt, ist das nicht mit einem herausgehobenen Amt in der Kirche vereinbar.“ Gleichzeitig räumte sie ein, die juristische Situation sei „nicht ganz einfach“ (Stellungnahme der EKD).

Bemerkenswert ist die Verschiebung des Maßstabes. Es geht nicht mehr nur um konkrete rassistische, antisemitische oder menschenverachtende Äußerungen, die eine Kirche selbstverständlich kritisieren muss. Bereits das öffentliche Vertreten eines bestimmten parteipolitischen „Gedankenguts“ kann zum Problem für die kirchliche Stellung werden. Wie weit diese Entwicklung inzwischen reichen kann, zeigt ein Fall, über den Philosophia Perennis passenderweise gestern, am 18. August berichtete. Eine 69-jährige Frau aus dem Raum Oldenburg schilderte gegenüber PP, nach rund drei Jahrzehnten kirchlichen Engagements ihre Ämter verloren zu haben. Sie war unter anderem Mitglied einer Kreissynode und als Prädikantin tätig. Das besonders Bemerkenswerte daran: Die Frau ist nach ihrer Darstellung weder Mitglied der AfD noch kandidiert sie für diese Partei. Der politische Stein des Anstoßes ist die AfD-Kandidatur ihres Lebenspartners (PP: Evangelische Kirche bestraft Frau für Kandidatur ihres Lebenspartners) Man könnte das politische Kontaktschuld nennen. Und man muss fragen: Was hat eine solche Praxis noch mit der vielbeschworenen christlichen Gewissensfreiheit zu tun?

Was hätte Brüsewitz dazu gesagt?

Oskar Brüsewitz sollte nicht nachträglich für heutige parteipolitische Auseinandersetzungen vereinnahmt werden. Niemand weiß, was er heute über die AfD, die Grünen, Friedrich Merz oder die Linke sagen würde. Jede entsprechende Behauptung wäre unseriös. Etwas anderes wissen wir jedoch sehr genau: Brüsewitz wollte keine Kirche, die ihren Frieden mit dem herrschenden politischen Milieu dadurch erkauft, dass sie die unbequemen Christen in den eigenen Reihen zum Problem erklärt. Er verlangte von seiner Kirche Widerspruchsfähigkeit. Gerade dann wenn prinzipiell christliche Werte verraten werden.

Damals richtete sich dieser Widerspruch gegen einen kommunistischen Staat, der christliche Erziehung und christliches Leben zurückdrängte. Heute müsste sich die institutionelle Kirche zumindest fragen, ob sie noch dieselbe innere Freiheit besitzt, sich dem jeweils herrschenden politischen Zeitgeist, der mit einer transhumanistischen Kultur des Todes die Religion des Lebens verdrängen will, entgegenzustellen – oder ob sie inzwischen selbst ein Teil dieses Zeitgeistes geworden ist. Denn dieser Zeitgeist erweist sich als zunehmend verwandt mit jener materialistischen Ideologie, gegen die Brüsewitz aufstand.

Die Partei Die Linke ist zwar nicht die SED des Jahres 1976. Ihre heutigen Mitglieder sind nicht kollektiv für die Verbrechen der DDR verantwortlich. Aber die historische Herkunft der Partei lässt sich ebenso wenig wegdiskutieren. Die SED verschwand 1989 nicht einfach. Ebenso wenig ihre Ideologie. Sie wurde zur SED-PDS, dann zur PDS; aus der Linkspartei.PDS und der WASG entstand schließlich 2007 Die Linke. Und fünf Jahrzehnte nachdem Brüsewitz auf seinem Transparent ausdrücklich den Kommunismus anklagte, ist diese Partei ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt wieder zu einer der stärksten politischen Kräfte geworden. Und auch der Fall Hüber zeigt derzeit anschaulich, dass die DDR nie ganz verschwunden ist…

Deutschland besitzt zwar eine ausgeprägte Erinnerungskultur. Doch Erinnerung verliert ihre moralische Glaubwürdigkeit, wenn sie selektiv wird. Die DDR war nicht einfach ein etwas autoritärer Staat mit Trabant, Spreewaldgurken und Ampelmännchen. Sie war eine Diktatur. Sie bespitzelte ihre Bürger, sperrte politische Gegner ein, hinderte Menschen mit Gewalt daran, das Land zu verlassen und beanspruchte die Erziehung der Jugend für eine marxistisch-leninistische Weltanschauung. Genau dagegen protestierte Oskar Brüsewitz. Sein Transparent sprach nicht von bedauerlichen „Fehlentwicklungen“. Es klagte den Kommunismus an.

Wo sind heute die protestantischen Pastoren der Hauptstadt, die gegen die beschriebene gefährliche Entwicklung zumindest wirkungsvoll ihre Stimme erheben?

Der unbequeme Tote

Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb Brüsewitz bis heute ein unbequemer Toter geblieben ist. Seine Selbstverbrennung darf ein Christ nicht glorifizieren. Sie bleibt eine furchtbare Tat gegen das eigene Leben, über deren moralische Bewertung nicht politische Sympathie entscheiden darf. Seine Anklage aber bleibt bestehen. Und vor allem stellt Brüsewitz seiner eigenen Kirche eine Frage, die auch nach einem halben Jahrhundert nichts von ihrer Schärfe verloren hat: Wem dient die Kirche zuerst – Christus oder dem jeweiligen politischen Zeitgeist?

1976 war die Antwort für Brüsewitz so unerträglich geworden, dass er zu einem verzweifelten und moralisch höchst problematischen Mittel griff, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. 2026 erinnert die evangelische Kirche an diesen Mann. Das ist richtig und notwendig. Wirklich ernst nähme sie sein Vermächtnis aber erst dann, wenn sie nicht nur des unangepassten Pfarrers von damals gedenkt, sondern sich auch fragt, wie sie mit den unangepassten Christen von heute umgeht. Denn politische Anpassung erkennt man immer besonders schlecht, solange man selbst der Angepasste ist. Oskar Brüsewitz wollte eine Kirche, die zuerst Christus verpflichtet ist und erst danach den Erwartungen ihrer politischen Umwelt. Vielleicht ist genau das der Teil seines Vermächtnisses, an den man sich 50 Jahre später am dringendsten erinnern sollte.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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