
(David Berger) Es gehört zu den hartnäckigsten Legenden der Moderne, das Mittelalter als dunkel, als Zeitalter des Aberglaubens, der geistigen Finsternis und wissenschaftlichen Rückständigkeit darzustellen. Dass die Menschen damals geglaubt hätten, die Erde sei eine Scheibe, gehört zu diesen Mythen. Volker Leppin zeigt in seinem monumentalen Werk „Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung“, dass diese Vorstellung selbst ein Produkt späterer Ideologie ist. Schon dieser Befund macht das Buch zu einer ebenso spannenden wie notwendigen Lektüre.
Der renommierte Kirchenhistoriker Leppin nimmt den Leser mit auf eine Reise in das christliche Europa vor der Aufklärung. Dabei geht es ihm weniger um eine klassische Chronologie als um die Rekonstruktion einer Denk- und Lebenswelt, in der Gott nicht eine private Überzeugung unter vielen war, sondern den gesamten Horizont menschlicher Existenz bestimmte. Religion war keine Randerscheinung, sondern das Fundament von Politik, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und Alltagsleben. Wie Leppin selbst programmatisch formuliert, gehe es ihm darum, „ein Verständnis dafür zu wecken, dass es Welten gibt und dass es Weltbilder gibt, in denen Religion, Theologie und Gott als eine treibende Kraft wahrgenommen werden und nicht nur als eine Funktion.“
Gerade darin liegt die große Stärke des Buches. Leppin gelingt es, dem modernen Leser verständlich zu machen, warum die Menschen der Vormoderne die Welt völlig anders wahrnahmen als wir. Natur erschien ihnen nicht als bloßes Material zur technischen Beherrschung, sondern als Schöpfung Gottes, deren Ordnung erkannt und verstanden werden wollte. Der christliche Glaube war deshalb keineswegs ein Hindernis wissenschaftlicher Neugier, sondern häufig sogar ihre Voraussetzung. Wer in der Natur die Handschrift des Schöpfers erkannte, hatte allen Grund, sie aufmerksam zu erforschen. Leppin spricht deshalb von einer Welt, „in der jederzeit Gott als präsent wahrgenommen worden ist – auf unterschiedliche Weisen“.
Ohne das christliche Mittelalter undenkbar
Besonders wohltuend ist, dass Leppin mit zahlreichen populären Klischees aufräumt. Die Vorstellung vom wissenschaftsfeindlichen Mittelalter, vom grundsätzlich irrationalen Christentum oder von einer ausschließlich unterdrückerischen Kirche hält einer differenzierten historischen Betrachtung nicht stand. Ohne apologetisch zu werden, zeigt der Autor, dass viele Selbstverständlichkeiten unserer Gegenwart – etwa die Hochschulkultur, die systematische Naturforschung oder wesentliche Elemente des europäischen Rechtsdenkens – ohne das Christentum kaum denkbar gewesen wären.
Dabei wird gerade das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft neu beleuchtet. Leppin verweist etwa auf Johannes Kepler, dessen moderne Astronomie keineswegs im Gegensatz zum Glauben entstand. Vielmehr habe Kepler, so Leppin, „sehr viel mehr an traditionellem Wissen aufgenommen und verarbeitet, als es in den Triumphgeschichten der modernen Astronomie gerne erzählt wird“. Wissenschaft entstand hier gerade aus dem Bemühen, die göttliche Ordnung der Schöpfung zu verstehen.
Ebenso überzeugend schildert Leppin die geistige Kultur des vormodernen Europas. Texte wurden nicht lediglich als Informationsspeicher gelesen, sondern als Wirklichkeiten, deren tiefere Bedeutung sich erst im geduldigen Nachdenken erschloss. Bibelauslegung, Liturgie, Kunst und Architektur bildeten eine Einheit, die den Menschen in eine Welt hineinführte, in der das Sichtbare stets auf das Unsichtbare verwies. Gerade diese inkarnatorisch-sakramentale Weltsicht macht deutlich, wie tief sich das christliche Menschenbild in die europäische Kultur eingeschrieben hatte. Die Natur selbst erschien den Menschen als „gleichsam ein mit dem Finger Gottes geschriebenes Buch“, wie Leppin unter Rückgriff auf Hugo von St. Viktor und Thomas von Aquin hervorhebt. Aber auch die Übernatur folgte diesem Erkenntnisprinzip. Sehr schön wird das deutlich, wenn es in der Präfation der Weihnachtszeit heißt: „Quia per incarnati Verbi mysterium nova mentis nostrae oculis lux tuae claritatis infulsit: ut, dum visibiliter Deum cognoscimus, per hunc in invisibilium amorem rapiamur: Denn durch das Geheimnis des menschgewordenen Wortes erstrahlt vor den Augen unseres Geistes das neue Licht deiner Herrlichkeit, damit wir, indem wir Gott sichtbar erkennen, durch ihn zur Liebe des Unsichtbaren hingeführt werden.“
Dem Autor ist dabei zugutezuhalten, dass er die Schattenseiten der Geschichte keineswegs verschweigt. Gewalt, religiöse Konflikte, Ausgrenzung und Irrtümer werden offen angesprochen. Das verleiht seiner Darstellung Glaubwürdigkeit. Zugleich vermeidet er den heute weit verbreiteten moralischen Gestus, vergangene Jahrhunderte ausschließlich nach den Maßstäben der Gegenwart zu verurteilen. Stattdessen versucht er, historische Akteure aus ihren jeweiligen Voraussetzungen heraus zu verstehen.
Menschenrechte als Gegenprogramm zum Katholizismus?
Allerdings fällt auch auf, dass Leppin die Entwicklung der Freiheits- und Menschenrechte letztlich stärker gegen als aus der kirchlichen Tradition heraus interpretiert. Gerade die Naturrechtslehre eines Thomas von Aquin (Leppin ist Herausgeber eines umfangreichen Sammelbandes zum Aquinaten, für den ich mehrere Kapitel verfasst habe) sowie die spanische Spätscholastik mit Denkern wie Francisco de Vitoria oder Francisco Suárez haben wesentliche Grundlagen jener Menschenwürde entwickelt, auf denen spätere Freiheitsrechte überhaupt erst aufbauen konnten. Die moderne Erzählung, wonach sich Freiheit ausschließlich im Kampf gegen die Kirche entfaltet habe, erscheint auch bei Leppin nicht vollständig überwunden. Ob das seinem verdienten Anliegen der kontraintuitiven Auswahl konveniert, halte ich für fraglich, obwohl die Idee gut ist, da es ihr gelingt, „manche Annahmen durcheinanderbringen: Manches, was wir vom Mittelalter erwarten, wird uns eher in den Jahrhunderten begegnen, die üblicherweise der Frühen Neuzeit zugerechnet werden – etwa die wundertätigen Zahnstocher aus dem Totenbett Luthers. Anderes, was wir von der Zeit der Reformation erwarten, stelle ich gründlicher im Mittelalter dar – wie die Bestreitung der Kindertaufe. Ich habe in meinen Forschungen stets versucht, die festen Bilder von Mittelalter und Neuzeit zu erschüttern. Dieses Buch zieht die Summe daraus und weiß doch noch darum, dass ein solches Geschichtsbild alles andere als selbstverständlich ist.“
Dennoch schmälert dieser Einwand den Wert des Werkes kaum. Vielmehr regt das Buch dazu an, über die geistigen Wurzeln Europas neu nachzudenken. Gerade in einer Zeit, in der die christliche Prägung unseres Kontinents vielfach verdrängt oder geleugnet wird, erinnert Gottesspuren daran, dass Europa weit mehr ist als ein geografischer Raum oder ein wirtschaftliches Projekt. Seine Identität entstand über Jahrhunderte aus einem gemeinsamen christlichen Glauben, der Kultur, Recht, Wissenschaft und Kunst nachhaltig formte. Bemerkenswert ist Leppins Hinweis, dass das Europa des 19. Jahrhunderts „nicht nur andere kolonialisierte, sondern sich selbst kolonialisiert hat, indem es seine eigenen religiösen Wurzeln nach Kräften verdrängte“. Wer dem viel beschworenen „Untergang des Abendlandes“ wehren will, kann dies nur tun, wenn er sich auf dessen christliche Wurzeln zurückbesinnt.
Wider das Überlegenheitsgefühl der Moderne
Besonders aktuell wirkt Leppins Kritik am Überlegenheitsgefühl der Moderne. Der Fortschrittsglaube der letzten Jahrhunderte hat nicht nur ungeheure technische Leistungen hervorgebracht, sondern auch neue Formen von Entwurzelung, Sinnverlust und geistiger Orientierungslosigkeit. Leppin erinnert daran, dass die Aufklärung zwar „ein großer Gewinn“ gewesen sei, zugleich aber „wie viele große Gewinne auch einen großen Verlust enthält – nämlich den Verlust der Wahrnehmung, dass diese Welt in sich Kräfte trägt, einen Zauber trägt, der sich der mathematisierbaren Erschließung entzieht“. Mit Folgen für das, was ich als Abendland bezeichnen möchte und zu dem Lepping gleich in einem der ersten Sätze schreibt: „Dieses moderne Europa ist selbst in die Krise geraten, und genau das kann ein Grund sein, sich wieder auf die Vergangenheit zu besinnen, von der das moderne Europa sich absetzen will.“
Gerade diese Diagnose verleiht dem Buch seine Relevanz. Wer die Vormoderne lediglich als dunkles Gegenbild der Gegenwart betrachtet, verschließt sich einer reichen geistigen Tradition, die auch heute noch Antworten auf die Fragen nach Wahrheit, Sinn und Menschenwürde bereithält. Aufgrund meiner eigenen zahlreichen Studien zum Werk des Thomas von Aquin habe ich schon vor vielen Jahren die These von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen entwickelt.
Gottesspuren ist kein leichtes Buch. Mit über 650 Seiten verlangt es Konzentration und Interesse an historischen Zusammenhängen. Der Aufwand lohnt sich jedoch. Leppin verbindet wissenschaftliche Präzision mit einer gut lesbaren Darstellung und illustriert seine Ausführungen durch zahlreiche Quellen und vor allem beeindruckende Abbildungen.
Das Buch ist deshalb weit mehr als eine historische Gesamtschau. Es ist eine Einladung, die geistigen Grundlagen Europas neu zu entdecken und manche Gewissheiten der Moderne kritisch zu hinterfragen. Wer verstehen möchte, weshalb das christliche Erbe unseres Kontinents bis heute nachwirkt – und weshalb viele Vorurteile über das Mittelalter selbst historisch unhaltbar sind –, findet in diesem Werk einen ebenso kenntnisreichen wie anregenden Begleiter.
Die geistige Kraft des christlichen Weltbildes neu sichtbar gemacht
Volker Leppin legt ein beeindruckendes Panorama des christlichen Europas vor, das mit zahlreichen historischen Mythen aufräumt und die geistige Kraft des christlichen Weltbildes neu sichtbar macht. Nicht jede seiner Bewertungen wird überzeugen. Gerade deshalb lohnt die Lektüre: Sie fordert zum Widerspruch heraus, ohne den historischen Befund zu verfälschen. In einer Zeit, in der Europa – auf geradezu suizidale Weise – seine eigenen Wurzeln zunehmend vergisst, ist Gottesspuren ein wichtiges und ausgesprochen lesenswertes Buch.
Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom Mittelalter bis zur Aufklärung von Volker Leppin (Autor), Verlag Herder, 1. Auflage 2026, Gebunden mit Schutzumschlag. 656 Seiten. ISBN: 978-3-451-07335-9, € 38,-. Hier bestellen.
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