Wenn Mütter Priester schenken: Die bewegende Tradition des Manutergiums

(David Berger) Es gibt Bräuche der katholischen Kirche, die heute selbst vielen gläubigen Katholiken kaum noch bekannt sind – und doch eine ungeheure geistliche Tiefe besitzen. Einer davon ist das Manutergium, ein schlichtes weißes Tuch, das bei der Priesterweihe eine besondere Rolle spielt und auf eindrucksvolle Weise die Berufung des Priesters mit der Berufung seiner Mutter verbindet. In der an den Bildersturm der Protestanten erinnernden Zeit der 70er Jahre wurde der Brauch leider vielerorts vergessen. Und mit anderen Änderungen zugleich, was ein Priester ist.

Wer einmal eine traditionelle Priesterweihe miterlebt hat, kennt den feierlichen Augenblick: Nach der Weihe werden die Hände des Neupriesters mit heiligem Chrisam gesalbt. Diese Hände sind von nun an dazu bestimmt, täglich das eucharistische Opfer darzubringen, Sünden zu vergeben und die Sakramente zu spenden. Das kostbare Salböl wird anschließend mit einem Leinentuch aufgenommen – dem sogenannten Manutergium, vom lateinischen manus (Hand) abgeleitet.

Einer der besonders bewegenden Augenblick der Priesterweihe

Wie es dann im Rahmen der Priesterweihe weitergeht, zeigt dieses Video schön:

Doch die eigentliche Bedeutung dieses Tuches zeigt sich oft erst viele Jahre später.

Nach einem alten katholischen Brauch wird das Manutergium beim Tod der Mutter des Priesters in ihre gefalteten Hände gelegt. Es begleitet sie gleichsam auf ihrem letzten Weg zu Gott. Die Symbolik könnte kaum eindrucksvoller sein: Die Mutter hat ihren Sohn einst aus Liebe geboren, ihn erzogen und – im tiefsten Sinn – Gott geschenkt. Das Manutergium wird so zum sichtbaren Zeichen ihrer Mitwirkung an seiner priesterlichen Berufung.

Dazu gehört eine weitere, ebenso bewegende Überlieferung. Es heißt, dass Christus die Mutter eines Priesters beim Jüngsten Gericht fragen werde: „Ich habe dir das Leben eines Priesters anvertraut. Was hast du daraus gemacht?“ Den Priester selbst aber werde er fragen: „Wo sind die Seelen, die ich dir anvertraut habe?“ Ob diese Worte historisch belegt sind oder einer frommen Tradition entstammen, spielt letztlich eine untergeordnete Rolle. Sie bringen eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck: Das Priestertum ist niemals nur die Berufung eines einzelnen Menschen. Es ist fast immer auch die Frucht einer Familie, einer betenden Mutter und eines gläubigen Elternhauses.

Ein Brauch, der auf die Mutter des hl. Augustinus zurückgeht

Nicht wenige führen diese schöne Sitte auf Monika von Hippo zurück, die ihren Sohn Augustinus von Hippo mit unermüdlichem Gebet und unter Tränen zu Gott führte. Ob der Brauch tatsächlich bis auf sie zurückgeht, lässt sich historisch nicht sicher nachweisen. Doch kaum eine andere Heilige verkörpert so eindrucksvoll die geistliche Mutterschaft, aus der große Berufungen erwachsen.

Gerade in einer Zeit, in der das katholische Priestertum vielfach geringgeschätzt oder nur funktional verstanden wird, erinnert das Manutergium an eine andere Wirklichkeit. Ein Priester entsteht nicht einfach durch ein Studium oder eine Ausbildung. Seine Berufung wächst meist auf dem Boden eines glaubenden Elternhauses, genährt vom Gebet, von Opfern und oft von einer Mutter, die bereit war, ihren Sohn nicht für sich zu behalten, sondern ihn Christus zu schenken.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses unscheinbaren weißen Tuches: Hinter jedem guten Priester steht häufig eine Mutter, oft auch eine Großmutter, die im Verborgenen mitgebetet, mitgelitten und mitgehofft hat. Das Manutergium macht sichtbar, dass auch sie Anteil an einem Geheimnis hat, das weit über dieses Leben hinausreicht.

Gebt uns die Tradition zurück!

Vergessene Kostbarkeit – diese schöne Tradition ist heute nur noch selten anzutreffen. Zwar wird das Manutergium auch nach dem heutigen Weihe-Ritus vielfach noch verwendet, doch seine Übergabe an die Mutter und die Beigabe in ihre gefalteten Hände bei der Beerdigung gehören nicht zum verbindlichen liturgischen Ritus der Kirche, sondern zu einer alten frommen Überlieferung, die nur noch in sehr traditionell geprägten katholischen Familien, Priesterseminaren und Ordensgemeinschaften weiterlebt. Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, sich an diesen Brauch zu erinnern.

Er macht auf eindrucksvolle Weise sichtbar, dass eine Priesterberufung niemals nur die Geschichte eines einzelnen Menschen ist, sondern häufig auch die Frucht des Glaubens, der Gebete und der Opfer einer Mutter, die ihren Sohn Gott anvertraut hat. Gerade in einer Kirche, die um geistliche Berufungen ringt, lohnt es sich, an diese stille, fast vergessene Tradition zu erinnern. Denn jede Priesterberufung beginnt letztlich dort, wo Menschen bereit sind, Gott das Liebste anzuvertrauen.

 

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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