(David Berger) Spuckattacken, Hassgraffiti, geschändete Friedhöfe und inzwischen auch brutale körperliche Gewalt: Der Jerusalemer Benediktinerabt Nikodemus Schnabel warnt seit Jahren vor einer zunehmenden Feindseligkeit gegenüber Christen in Israel. Inzwischen richtet er seine Kritik immer deutlicher auch an die politische Führung des Landes.
„Der Hass auf alles Christliche zeigt keine Anzeichen davon, dass er endet.“ Mit diesen ungewöhnlich scharfen Worten hat sich Abt Nikodemus Schnabel erneut zur Lage der Christen in Israel geäußert. Und der Benediktiner fügt eine politische Frage hinzu: Wann werde die derzeitige Führung Israels endlich aufhören, diesen Hass ständig herunterzuspielen?
Wer Schnabel kennt, weiß, dass solche Worte bei ihm besonderes Gewicht besitzen. Der deutsche Benediktiner, seit 2023 Abt der Dormitio-Abtei auf dem Jerusalemer Zionsberg, gehört nicht zu jenen Kirchenvertretern, die Israel pauschal verurteilen. Immer wieder hebt er die Solidarität hervor, die er von jüdischen Israelis und Rabbinern erfährt. Nach einem Angriff auf ihn im Jahr 2024 machte er beispielsweise ausdrücklich darauf aufmerksam, dass ein älterer jüdischer Mann eingeschritten war und sich schützend vor ihn gestellt hatte. Umso ernster muss man nehmen, was Schnabel seit inzwischen mehreren Jahren berichtet.
„Es geht nicht mehr darum, ob ich angespuckt werde“
Bereits Anfang 2023 schlug der Abt Alarm. Seit dem Amtsantritt der rechts-religiösen Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beobachte er eine erhebliche Zunahme von Übergriffen auf Christen. Schnabel beschrieb die Situation damals mit einem Satz, der die alltäglich gewordene Erniedrigung sichtbar macht: „Es geht nicht mehr darum, ob ich angespuckt werde, sondern wie oft am Tag.“
Hinzu kämen Beschimpfungen und bewusstes Anrempeln. Für einen durch seine Ordenstracht erkennbaren Christen sei das jüdische Viertel der Jerusalemer Altstadt zeitweise geradezu zu einer „No-go-Area“ geworden. Die Täter verortete Schnabel vor allem im nationalreligiösen extremistischen Milieu. Einige Monate später sprach er gegenüber Vatican News von einem „enormen Anstieg von Hass und Gewaltakten gegen uns Christen“. Er nannte Friedhofsschändungen, Vandalismus an Kirchen, Hassgraffiti, Spuckattacken und tägliche verbale Angriffe. Christen bekämen etwa ein „Go Home to Italy“ zu hören.
Dabei betonte Schnabel auch damals die andere Seite Jerusalems: Rabbiner und andere jüdische Israelis hätten ihm ihre Solidarität ausgesprochen. Seine prägnante Beschreibung der Stadt lautete deshalb: „Jerusalem küsst und beißt einen praktisch täglich.“
Dass Schnabel nicht lediglich über die Erfahrungen anderer spricht, zeigte sich besonders deutlich im Februar 2024. Zwei jüdische Radikale gingen den Benediktiner in der Jerusalemer Altstadt an. Sie spuckten vor ihm auf den Boden, bedrohten ihn und beleidigten Jesus Christus und das Christentum. Der Vorfall wurde auf Video festgehalten. Die Polizei nahm die beiden Männer fest.
Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem sprach von einem „unprovozierten und schändlichen Angriff“. Schnabel selbst reagierte wie alle großen christlichen Vorbilder in solchen Fällen reagierten: Er habe noch am selben Abend für seine Angreifer gebetet. Gleichzeitig verlangte er, Verantwortliche aller Religionsgemeinschaften müssten solchen „Hooligans der Religion“ entschieden entgegentreten. Der Vorgang war kein isoliertes Ereignis. Schon damals wurde von zunehmenden verbalen Aggressionen, Spuckattacken sowie Vandalismus gegen christliche Einrichtungen berichtet.
Brandanschläge, Friedhofsschändungen und Hassgraffiti
Im Mai 2025 zog Schnabel gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“ eine bedrückende Bilanz: „Es gibt seit Jahren Brandanschläge, Friedhofsschändungen, Spuckattacken auf Geistliche, Rempeleien und Hassgraffiti.“ Das sei weiterhin ein „Riesenthema“. Gleichzeitig bezeichnete Schnabel die Täter präzise als „nationalreligiöse, extremistische Juden“. Eine pauschale Beschuldigung der jüdischen Bevölkerung Israels ist das gerade nicht.
Im Sommer desselben Jahres machte Schnabel zudem auf die Situation der Christen im Westjordanland aufmerksam. Im mehrheitlich christlichen Taybeh berichteten Bewohner von Übergriffen radikaler israelischer Siedler. Schnabel besuchte den Ort selbst und sprach mit Kindern, die Angst vor weiteren Angriffen hatten. Dabei ordnete er die Gewalt in den größeren Konflikt zwischen radikalen Siedlern und der palästinensischen Bevölkerung ein: Die dortigen Christen seien nicht ausschließlich aufgrund ihres Christentums betroffen, sondern zugleich als Palästinenser. Diese Differenzierung ist wichtig. Nicht jeder Angriff auf einen Christen im Heiligen Land ist automatisch ein antichristliches Hassverbrechen. Für die von Schnabel beschriebenen Vorgänge in Jerusalem gibt es jedoch zahlreiche Fälle, bei denen gerade die erkennbare christliche Identität der Betroffenen zum Anlass für Beleidigungen oder Übergriffe wurde.
Eine Nonne wird zu Boden geschlagen und getreten
Ende April 2026 erreichte die Gewalt nach Einschätzung Schnabels eine neue Qualität. Eine französische Ordensfrau hatte die Dormitio-Abtei besucht. Auf ihrem anschließenden Weg durch eine Gasse zwischen der Abtei und dem Abendmahlssaal näherte sich ihr ein Mann von hinten. Auf den Aufnahmen einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie er die Nonne mit großer Wucht zu Boden stößt. Ihr Kopf schlägt auf das Pflaster. Der Angreifer entfernt sich zunächst, kehrt dann zurück und tritt auf die am Boden liegende Frau ein.
Schnabel kennt diese Gasse nur zu gut. Dort sei er selbst schon häufig „bespuckt, angerempelt, angepöbelt“ worden. Der Angriff auf die Ordensfrau erschütterte ihn dennoch besonders. Gegenüber der ARD sprach er von einer „absoluten Verrohung“. Dass sich ein Mann an einer körperlich unterlegenen Frau vergreife und nicht einmal mehr vor einer Ordensfrau Halt mache, stelle für ihn eine weitere Eskalationsstufe dar. Wenige Wochen später sagte Schnabel dem Bayerischen Rundfunk über die Entwicklung der antichristlichen Gewalt: Es sei „etwas gekippt“. Der Angriff auf die Nonne sei keineswegs als Einzelfall zu betrachten.
Dass es sich nicht lediglich um subjektive Eindrücke des Benediktinerabtes handelt, zeigt ein im Juni 2026 veröffentlichter Bericht der Konrad-Adenauer-Stiftung über das christliche Leben in Israel. Die Stiftung hält fest, Christen in Israel und Ostjerusalem berichteten zunehmend von Übergriffen, Repressionen und Gewalt. Schnabel selbst werde regelmäßig zum Ziel: Die Außenmauern der Dormitio würden mit antichristlichen Parolen beschmiert, der Abt werde in der Altstadt und auf dem Zionsberg bespuckt und beschimpft. Nach Schnabels Einschätzung hätten Zahl und Intensität der Angriffe seit Bildung der gegenwärtigen israelischen Regierungskoalition deutlich zugenommen.
Dabei ist die christliche Minderheit ohnehin klein. Ende 2025 lebten nach den im KAS-Bericht wiedergegebenen israelischen Statistiken rund 184.200 Christen in Israel – etwa 1,8 Prozent der Bevölkerung. Mehr als 70 Prozent von ihnen sind arabische Christen.
Schnabel sieht auch eine politische Verantwortung
Der Abt beschränkt seine Kritik inzwischen nicht mehr auf die unmittelbaren Täter. Bereits 2023 machte er deutlich, dass er einen Zusammenhang zwischen der Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas und dem politischen Aufstieg des nationalreligiösen Lagers sieht. Insbesondere den Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, nannte er in diesem Zusammenhang. Damit erhält auch Schnabels jüngste Äußerung ihre eigentliche politische Brisanz. Wenn er fragt, wann die gegenwärtigen politischen Führer Israels aufhörten, den Hass gegen Christen herunterzuspielen, erhebt er einen schwerwiegenden Vorwurf: Nicht der israelische Staat als solcher und erst recht nicht „die Juden“ werden verantwortlich gemacht. Schnabel wirft vielmehr Teilen der politischen Führung vor, die Bedeutung eines real existierenden christenfeindlichen Extremismus nicht mit der notwendigen Entschiedenheit anzuerkennen und zu bekämpfen. Gerade weil Schnabel jede Pauschalisierung vermeidet, lässt sich dieser Vorwurf nicht einfach mit dem Hinweis auf Antisemitismus vom Tisch wischen.
Zur vollständigen Darstellung gehört allerdings ebenso, dass es in Israel erheblichen Widerstand gegen die antichristlichen Übergriffe gibt. Schon 2023 solidarisierten sich Hunderte israelische Religions- und Geisteswissenschaftler mit den christlichen Kirchen. Rabbiner wandten sich persönlich an Schnabel. Nach dem Angriff von 2024 stellte sich ein jüdischer Passant vor den Abt und wies dessen Angreifer zurecht. Auch die Polizei schritt in verschiedenen Fällen ein.
Noch aktuelle Berichte zeigen diese doppelte Wirklichkeit. Associated Press berichtete im August 2026 über zunehmende Belästigungen von Christen durch religiöse Nationalisten, zugleich aber auch über jüdische Freiwillige, die christliche Geistliche begleiten, sowie über staatliche Bemühungen, stärker gegen entsprechende Übergriffe vorzugehen. Es wäre deshalb falsch, von einem allgemeinen „Hass der Juden auf Christen“ zu sprechen. Ebenso falsch wäre es jedoch, die dokumentierten Übergriffe aus Angst vor einer solchen Pauschalisierung zu verschweigen.
Ein Warnruf aus Jerusalem
Seit Jahren schildert der Abt dieselbe Entwicklung: zunächst Spuckattacken und Beschimpfungen, dann immer häufigere Fälle von Vandalismus und Bedrohung, schließlich offene körperliche Gewalt. Seine Wortwahl ist dabei schärfer geworden. 2023 sprach er von einem enormen Anstieg des Hasses. 2025 bezeichnete er das Problem als „Riesenthema“. 2026 spricht er von einer „absoluten Verrohung“ und davon, dass „etwas gekippt“ sei. Nun stellt er die Verantwortungsfrage an die israelische Politik. Gerade Freunde Israels sollten diese Frage nicht als Angriff auf Israel missverstehen. Ein Staat, der zu Recht verlangt, dass jüdisches Leben überall auf der Welt ohne Angst und Erniedrigung möglich sein muss, sollte denselben Maßstab gegenüber seiner eigenen christlichen Minderheit und gegenüber den christlichen Heiligtümern Jerusalems anlegen.
Christen müssen in Jerusalem ein Kreuz tragen, einen Habit oder eine Soutane anziehen und durch die Straßen gehen können, ohne bespuckt, beschimpft, geschlagen oder getreten zu werden. Dass ein katholischer Abt im Jahr 2026 überhaupt daran erinnern muss, ist bereits alarmierend genug.
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