Ist der interreligiöse Dialog angesichts wachsender kultureller Spannungen neu zu denken? Der folgende Beitrag zeigt, warum Christen und Muslime trotz unüberbrückbarer theologischer Gegensätze in der Verteidigung des Naturrechts und grundlegender moralischer Werte gemeinsame Anknüpfungspunkte finden können – ohne den christlichen Missionsauftrag preiszugeben. Ein Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.
Eine muslimische Frau sagte mir einmal: „Du glaubst, dass es nicht egal ist, wie man lebt. Du glaubst, dass es Sünde gibt. Du glaubst, dass wir einmal vor Gott stehen werden und es Himmel und Hölle gibt. Damit haben wir extrem viel gemeinsam. 95 Prozent der Deutschen glauben das nämlich nicht, sie leben einfach, wie sie wollen und das macht mir Angst.“ Ich hatte zuvor im Gespräch die Unterschiede zwischen christlichem und muslimischem Glauben betont und war sehr verblüfft über diese Antwort.
Dialog als Form der Mission
Der interreligiöse Dialog hat unter konservativen Christen zu Recht einen schlechten Ruf. Es fehlt an Glaubenszeugnis und an Ehrlichkeit. Viele Christen scheinen mittlerweile der Auffassung zu sein: Hauptsache man ist ein „guter Mensch“ (was auch immer darunter zu verstehen ist), die Religion ist nur eine nette Deko, die sich jeder selbst aussuchen kann. Vielen ist nicht bewusst, dass diese Einstellung im Gegensatz zum Evangelium steht. Dort heißt es: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“
Nur das Christentum enthält die volle Wahrheit über Gott und seine Gebote. Aus diesem Grund kann nur derjenige, der das Christentum annimmt, eine Beziehung zu Gott in der Wahrheit aufbauen. Der Missionsauftrag des Evangeliums ist daher unmissverständlich: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“
In welchem Verhältnis steht dieser Missionsbefehl zu den heutigen interreligiösen Bestrebungen der Kirche? Was die Kirche unter „Dialog“ versteht, hat unter anderem Johannes Paul II. sehr gut präzisiert: Der Dialog ist kein Gegensatz zur Mission, sondern eine Form von ihr: Der Dialog bietet die Chance, vom eigenen Glauben Zeugnis abzulegen und bestehende Missverständnisse zu klären. Er ist gerade keine Ideologie, die bereits unter der Hand von der Gleichheit aller Religionen ausgeht. Der interreligiöse Dialog ist zudem eine Gelegenheit, in bestimmten Punkten nach einer Zusammenarbeit zu suchen, die das heutige Gemeinwohl betreffen.
Die Bedrohung der Menschlichkeit
Ohne Zweifel stehen heute grundlegende Werte einer menschlichen Gesellschaft auf dem Spiel. Familie und Religion (meistens natürlich das Christentum) stehen unter Dauerbeschuss. Bei der obszönen Darstellung der Abendmahlsszene bei den olympischen Spielen war es ausgerechnet der türkische Präsident Erdogan, der dagegen als einziger Staatschef deutlich Stellung bezog. Er erkannte die Aufführung als das, was sie war: Als eine Blasphemie. Dadurch fühlt er sich mit-angegriffen. Erdogan betonte in seiner Stellungnahme, dass Muslime es nicht zulassen können, dass der christliche Glaube in dieser Weise gelästert wird. Dabei bediente er sich einer Argumentation, die sich in frappanter Weise mit der katholischen Naturrechtsvorstellung deckte.
Für einen Außenstehenden ist es sehr schwer, sich einen realistischen Eindruck von den muslimischen Gemeinschaften in Deutschland zu verschaffen. Die Islamisierung ist sicher nichts Positives und wir können sie als Christen niemals akzeptieren. Dennoch ist anzunehmen, dass nicht alle Muslime christenfeindlich eingestellt sind. In anderen Ländern ist es bereits zu einer politischen Kooperation zwischen Christen und Moslems gekommen. Beispielsweise in Georgien verhinderten Gruppen aus beiden Religionen die Durchsetzung der von Georges Soros geförderten LGBT-Agenda. Das sind sicher positive Beispiele für interreligiöse Zusammenarbeit.
Wieder Standhaft sein im Glauben
Was den interreligiösen Dialog betrifft, hapert es heute vor allem auf christlicher Seite. Für Juden und Moslems stehen die Ehrfurcht vor dem Glauben und seinen Gesetzen sehr stark im Zentrum. Hingegen neigen Vertreter des kirchlichen Establishments heute dazu, Dogmen und Moral zu ironisieren oder unter den Teppich zu kehren. Hinter dieser scheinbaren Überlegenheit verbirgt sich jedoch meist die nackte Menschenfurcht. Man möchte nicht gern als Fundamentalist bezeichnet oder wegen seines Glaubens schief angeschaut werden (was heute sehr schnell geschieht).
Mit einer solchen Schieflage wird ein wie immer gearteter interreligiöser Dialog nicht produktiv sein. Nur wer den eigenen Glauben ernst nimmt, kann auch den Glauben eines anderen ernst nehmen. Christen müssen sich wieder neu bewusst werden, dass der Dialog nicht als unverbindliches Kaffeekränzchen zu betrachten ist, sondern zuerst dem Glaubensbekenntnis dienen soll und damit auf Bekehrung ausgerichtet ist. Und genau das erfordert Mut. Die schlimmen Auswüchse des Kulturmarxismus, die wir heute spüren und die Christen und Muslime in vielen Punkten gleichermaßen ablehnen, können dabei ein guter Anknüpfungspunkt für Gespräche sein.
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Zum Autor: Felix Wachter wurde 1987 in Prien am Chiemsee geboren. Er studierte Philosophie mit den Forschungsschwerpunkten Erkenntnistheorie, Religionsphilosophie und Ethik in München. Anschließend erfolgte die Promotion im Bereich politischer Philosophie in Eichstätt. Felix Wachter ist wohnhaft in Ingolstadt und ist für die AfD als Fachreferent und Kommunalpolitiker tätig. Darüber hinaus engagiert er sich im Verein Europa Aeterna für die Verbreitung der christlichen Sozialethik sowie für eine vertiefte Erkenntnis klassisch-abendländischer Politikphilosophie.
Gerade ist sein neues Buch erschienen: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität
Platons Nomoi, sein ausführlichstes, in Dialogform verfasstes Werk über die Gesetzgebung und den idealen Staat, steht am Anfang aller abendländischen staatstheoretischen Überlegungen. Bis heute wird um die adäquate Verfasstheit und Zielsetzung eines Staatsgebildes in allen politischen Lagern des modernen Rechtsstaats lebhaft gerungen. Felix Wachter geht in seiner Dissertation in historischen Rückblenden den großen Fragen der Staatstheorie nach, wobei er Platons philosophisch-politische Grundgedanken in einem ideengeschichtlichen Kontext und in ihrer bleibenden Aktualität aufzeigt
(Wachter, Felix: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität
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