(David Berger) Der Fall Jason Arday entwickelt sich zu einem Lehrstück über den Zustand westlicher Universitäten. Erst machten akademische Institutionen aus einem höchst fragwürdigen Wissenschaftler eine Ikone der Diversität. Als die Geschichte zusammenbrach und Arday wenig später unter bislang ungeklärten Umständen starb, gerieten nicht jene ins Visier, die ihn zum Aushängeschild gemacht hatten – sondern einer seiner schärfsten Kritiker.
Nathan Cofnas, amerikanischer Philosoph und einer der Wissenschaftler, die die Affäre um den Cambridge-Professor Jason Arday ins Rollen brachten, ist von der Universität Gent suspendiert worden. Cofnas selbst rechnet mit seiner Entlassung. Nach seinen Angaben wird gegen ihn wegen „Diskriminierung“ Ardays ermittelt. Die Universität bestätigt die Suspendierung als Vorsichtsmaßnahme während eines vorläufigen Disziplinarverfahrens, nennt aber aus Gründen der Vertraulichkeit keine Einzelheiten.
Die Pointe könnte kaum bitterer sein: Der Wissenschaftler, der auf mögliche Verstöße gegen wissenschaftliche Standards aufmerksam machte, muss nun selbst um seine akademische Existenz fürchten.
Vom Diversity-Wunderkind zum Problemfall
Arday war 2023 von Cambridge mit erheblicher öffentlicher Aufmerksamkeit als jüngster schwarzer Professor in der Geschichte der Universität präsentiert worden. Seine Biographie schien wie geschaffen für die Diversity-Erzählung der Gegenwart: schwarz, autistisch, angeblich bis zum elften Lebensjahr nicht sprechend, mit außergewöhnlichen persönlichen Leistungen und einem kometenhaften akademischen Aufstieg. Dann begann das Bild Risse zu bekommen.
Cofnas veröffentlichte im Juli Hinweise eines Cambridge-Insiders auf mutmaßliche Plagiate in Ardays Dissertation. Britische Medien gingen der Sache nach. Nach Recherchen sollen mehr als hundert Passagen „identisch oder nahezu identisch“ mit einer früheren Arbeit eines anderen Wissenschaftlers gewesen sein. Zugleich wurden weitere spektakuläre Angaben aus Ardays Lebensgeschichte hinterfragt – darunter Behauptungen über sportliche Leistungen und Millionenbeträge, die er für wohltätige Zwecke gesammelt haben wollte. Arday bestritt vorsätzliches Plagiieren, räumte jedoch Fehler ein. Cambridge eröffnete schließlich nach neuen Informationen eine Untersuchung seiner Qualifikationen; am selben Tag trat Arday zurück. Wenige Tage später wurde der 41-Jährige tot in seiner Londoner Wohnung gefunden.
Tragischer Tod – aber wer trägt Verantwortung?
Ardays Tod ist eine menschliche Tragödie, gerade auch für seine Familie. Über die Todesursache sollte man derzeit allerdings nicht spekulieren: Die Polizei bezeichnete den Tod bislang als „unexpected but not suspicious“. Ein Suizid ist öffentlich nicht bestätigt. Doch kaum war Arday tot, begann eine bemerkenswerte Umkehrung der Verantwortlichkeiten. Plötzlich standen weniger die Institutionen im Mittelpunkt, die Arday trotz offenkundiger Warnsignale auf einen der prestigeträchtigsten Lehrstühle Großbritanniens gehoben hatten. Stattdessen wurden Journalisten und Kritiker beschuldigt, eine rassistische Hetzjagd veranstaltet zu haben. Eine Petition für eine staatliche Untersuchung der Medienberichterstattung sammelte bereits mehr als 120.000 Unterschriften.
Dabei stellte ausgerechnet der schwarze konservative Politiker James Cleverly die entscheidende Frage: Warum hatten die Universitäten ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Sie hätten Arday, so Cleverly, zum „Wunderkind“ aufgebaut und ihn als jungen, schwarzen Vorzeigeprofessor ins Schaufenster gestellt. Hier liegt doch der eigentliche Skandal.
Sollten sich die schweren Vorwürfe gegen Ardays wissenschaftliche und biographische Angaben bestätigen, wäre er nicht nur Täter, sondern in gewisser Hinsicht auch Opfer eines akademischen Systems gewesen, das ihn für seine eigenen ideologischen Bedürfnisse gebrauchte. Man brauchte Erfolgsgeschichten für „Diversity“, „Equity“ und „Inclusion“. Arday lieferte die nahezu perfekte Geschichte – und offenbar wollte man sie so sehr glauben, dass kritische Prüfung zur Nebensache wurde. Als das Kartenhaus zusammenbrach, stand Arday dagegen weitgehend allein im grellen Licht der Öffentlichkeit.
Und jetzt trifft es Cofnas
Besonders bezeichnend ist deshalb das Schicksal Nathan Cofnas‘. Die Universität Gent (sie galt lange Zeit als Heimstatt des liberalen und freidenkerisch-antiklerikalen Milieus und Gegenstück zu der katholischen Universität in Löwen) hat ihn suspendiert; Cofnas erwartet seine Entlassung. Das ist die fast diabolische Verkehrung, die den heutigen akademischen Betrieb zunehmend prägt: Nicht die unbequeme Tatsache wird zum eigentlichen Problem, sondern derjenige, der sie ausspricht. Nicht zuerst wird gefragt, wie ein offenbar massiv überschätzter Wissenschaftler derart weit aufsteigen konnte. Stattdessen richtet sich die moralische Empörung gegen jene, die den schönen Schein störten.
Eine äußerst gefährliche Entwicklung, die sich bereits im Corona-Wahn abzeichnete. Wissenschaft lebt davon, dass Behauptungen überprüft, Qualifikationen kontrolliert und Plagiate aufgedeckt werden können – unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder politischer Verwertbarkeit eines Wissenschaftlers. Verdrängt scheint, was schon Francis Bacon, einer der Väter der neuzeitlichen Wissenschaft, wusste: „Wer mit Gewissheiten beginnt, wird bei Zweifeln enden; wer aber bereit ist, mit Zweifeln zu beginnen, wird zur Gewissheit gelangen.“ An der woken Universität unserer Tage scheint dieses Prinzip auf den Kopf gestellt: Wer die politisch erwünschten Gewissheiten bezweifelt, riskiert nicht selten selbst zum Problem erklärt zu werden.
Der Fall Arday hätte daher Anlass zu einer schonungslosen Selbstprüfung des akademischen Diversity-Betriebs sein müssen. Stattdessen droht nun ausgerechnet einem seiner Aufklärer die Entfernung von der Universität. So schützt eine ideologisierte Institution am Ende nicht einmal diejenigen, die sie angeblich fördern will. Sie erhebt Menschen zu Symbolfiguren, solange sie für die richtige Erzählung taugen – und wenn die Erzählung zerbricht, sucht sie die Schuld bei denen, die nach den Fakten gefragt haben. Das ist kein Fortschritt. Es ist die Kapitulation der Universität vor der Ideologie.
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