
Ein Philosoph verteidigt das Gewissen gegen den Relativismus. Buchbesprechung von David Berger
Gibt es Gut und Böse wirklich? Ist es tatsächlich böse, einen Unschuldigen zu quälen, einen Wehrlosen im Stich zu lassen oder einen Menschen zu betrügen – oder nennen wir solche Dinge nur deshalb böse, weil wir in einer bestimmten Kultur gelernt haben, sie so zu beurteilen?
Engelbert Recktenwald hat diesen scheinbar einfachen Fragen ein ganzes Buch gewidmet. Der ewige Streit um das Gute. Ethische und metaethische Klärungen, 2026 im Verlag Karl Alber erschienen, führt durch die großen Auseinandersetzungen der Moralphilosophie, von Aristoteles und Thomas über Kant bis zu Dietrich von Hildebrand, Iris Murdoch und Robert Spaemann. Im Kern geht es jedoch um eine Frage, die jeder versteht: Ist das Gute etwas Wirkliches, das wir erkennen können, oder wird etwas erst dadurch gut, dass Menschen es dafür halten?
Wenn die Philosophie das Gewissen verdirbt
Schon im Vorwort zitiert Recktenwald Iris Murdoch mit einer Provokation: „Der gewöhnliche Mensch glaubt nicht, dass er mit seinen Entscheidungen Werte erschafft – es sei denn, er ist von der Philosophie verdorben.“ Der normale Mensch braucht keine Vorlesung über Ethik, um zu wissen, dass man einen Wehrlosen nicht misshandelt oder ein Kind nicht ertrinken lässt. Erst die Theorie kann ihn auf den Gedanken bringen, dieses Wissen sei gar keines: Moral sei gesellschaftlich konstruiert, Werte seien menschliche Erfindungen und unsere Vorstellungen von Gut und Böse nur Ausdruck von Erziehung, Interessen oder Machtverhältnissen.
Recktenwald unterscheidet deshalb zwei Weisen des Philosophierens. Die eine versucht, unsere ursprüngliche Erfahrung von Gut und Böse zu verstehen; die andere „entlarvt“ sie so lange, bis hinter ihr nur noch Triebe, Bedürfnisse oder Machtinteressen übrigbleiben. Eine solche Philosophie könne, schreibt Recktenwald ungewöhnlich scharf, geeignet sein, „mein Gewissen zu verderben“. Das führt unmittelbar in die Gegenwart. Unsere Gesellschaft spricht ununterbrochen von „Werten“: Schulen sollen sie vermitteln, Politiker beschwören sie, Europa verteidigt sie. Seltener wird gefragt, ob diese Werte wahr sind. Wenn eine Gesellschaft etwas zum Wert erklärt, wird es dadurch gut? Und wenn sie etwas nicht mehr verurteilt, hat es damit aufgehört, schlecht zu sein?
Recktenwald verdeutlicht das Problem an einem einfachen Beispiel. Ein Mensch sieht ein Kind ertrinken und springt ins Wasser, obwohl er dadurch eigene Pläne durchkreuzt. Warum? Weil das Kind gerettet werden muss. Wer zuerst berechnete, ob die Rettung seinem persönlichen Glück dient, hätte den moralischen Ernst der Situation nicht erfasst. Hier zeigt sich, was Gewissen bedeutet. Eine falsche Bestellung im Restaurant kann ich bedauern; verweigere ich einem Menschen die Hilfe, die ich ihm hätte leisten können, weiß ich dagegen, dass ich anders hätte handeln sollen. Aus einem Fehler wird Schuld. Recktenwald greift dafür auf den scholastischen Begriff der Synderesis zurück, von Josef Pieper mit „Urgewissen“ übersetzt: die ursprüngliche Einsicht, dass das Gute zu tun und das Böse zu meiden ist.
Erkennen wir das Gute – oder erfinden wir es?
Damit gelangt Recktenwald zum Zentrum seines Buches. Ist das Gute eine Wirklichkeit, oder verbergen sich hinter der Moral letztlich nur Interessen und Machtverhältnisse? Wenn Menschen Gut und Böse selbst hervorbringen, können sie ihre Maßstäbe auch wieder verändern. Von einer Gesellschaft, in der Unschuldige gequält werden, könnten wir dann nur sagen, dass sie andere Werte besitzt als wir. Genau das tun wir aber nicht: Wir sagen, dass Unschuldige zu quälen Unrecht ist, und beanspruchen damit mehr als die Mitteilung unserer persönlichen Abneigung.
Dazu gehört für Recktenwald auch ein anspruchsvoller Begriff von Freiheit. Autonomie bedeutet nicht, Gut und Böse selbst festlegen zu dürfen. Das Gewissen erzeugt die sittliche Verpflichtung nicht, sondern erkennt einen Anspruch, der unserer Zustimmung vorausliegt. Recktenwald beruft sich hier auch auf Johannes Paul II. und Veritatis splendor: Freiheit besteht nicht darin, die moralische Ordnung zu erfinden, sondern darin, sich zum erkannten Guten zu verhalten.
An einem Punkt scheint mir allerdings Widerspruch angebracht. Recktenwald grenzt das moralisch Gute so entschieden vom Streben nach Glück ab, dass auch der aristotelisch-thomistische Eudämonismus unter Verdacht gerät. Seine Kritik trifft Thomas meines Erachtens nicht ganz. Wenn Thomas sagt, alles werde sub ratione boni erstrebt, bedeutet das nicht, dass jeder Mensch insgeheim seinen eigenen Vorteil sucht. Derjenige, der das Kind rettet, kann allein dessen Leben im Auge haben und gerade darin ein Gut erkennen. Thomas unterscheidet zudem ausdrücklich das sittlich Gute, das bonum honestum, vom bloß Angenehmen. Der Mensch kann seine Vollendung gerade darin finden, Wahrheit, Gerechtigkeit, den anderen Menschen und schließlich Gott um ihrer selbst willen zu lieben. Recktenwald nähert sich diesem Gedanken selbst, wenn er zeigt, dass der Freund nicht als Mittel zum eigenen Glück geliebt werden darf und dennoch gerade solche Freundschaft zum gelungenen Leben gehört.
Was bleibt, wenn alles relativ wird?
Recktenwald hat kein leichtes Buch geschrieben. Begriffe wie „naturalistischer Fehlschluss“, „Zieldualismus“ oder „Motivationsmonismus“ verlangen Konzentration. Dahinter stehen jedoch Fragen, die jeden angehen: Was unterscheidet Schuld von einem Fehler? Warum bewundern wir einen Menschen, der für einen anderen Opfer bringt? Warum besitzt ein Mensch Würde, auch wenn niemand sie anerkennt? Darin liegt die Stärke des Buches. Man kann moralische Überzeugungen als Produkte der Sozialisation, Werte als historische Konstruktionen und moralische Urteile als Ausdruck von Interessen erklären. Doch damit ist die entscheidende Frage noch nicht beantwortet: War das, was geschehen ist, gut oder böse?
Menschen haben immer gegen ihr Gewissen gehandelt und ihr Verhalten gerechtfertigt. Grundsätzlicher wird das Problem dort, wo bestritten wird, dass es jenseits unserer Wünsche und Entscheidungen überhaupt etwas moralisch Verbindliches zu erkennen gibt. Denn wenn das Böse nur eine Frage der Perspektive ist, gilt am Ende dasselbe für das Gute. Das Gute verlangt unsere Zustimmung nicht, um gut zu sein. Die Frage ist, ob wir bereit sind, es zu erkennen.
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Addendum: Engelbert Recktenwald ist nicht nur Philosoph, sondern katholischer Priester der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP)- Er wurde 1960 geboren und 1985 zum Priester geweiht. 1988 gehörte er zu den Mitbegründern der Petrusbruderschaft; zuvor hatte er die Piusbruderschaft im Zusammenhang mit den unerlaubten Bischofsweihen Erzbischof Lefebvres verlassen.
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Engelbert Recktenwald: Der ewige Streit um das Gute. Ethische und metaethische Klärungen, Verlag Karl Alber 2026, 234 S. ISBN 978-3-495-98744-5. 34 €. 






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