Was 2015 mit den Menschen machte – Raymond Ungers neuer Roman

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(David Berger) Ein Neonazi wird Islamist, eine Weltverbesserin zur Asylunternehmerin – und ausgerechnet ein Roman über das deutsche Schicksalsjahr 2015 erweist sich als großes Plädoyer dafür, den Menschen niemals auf seine Ideologie zu reduzieren. Raymond Ungers neuer Roman ist böse, komisch, spannend – und erstaunlich menschenfreundlich.

Es gibt Bücher, bei denen man irgendwann merkt, dass man längst nicht mehr allein wegen der Handlung mit dem Weiterlesen nicht mehr aufhören kann, sondern weil einem ihre Figuren nahegekommen sind. Bei der Lektüre von Raymond Ungers neuem Roman 2015 ging es mir genauso. Ich habe das Buch – auf einer langen Fährfahrt und dann an einem verregneten Tag in der Ägäis – fast in einem Atemzug gelesen. Unger setzt seine Kapitelzäsuren mit beträchtlichem erzählerischem Geschick, arbeitet mit Retardierungen, wechselt zwischen parallel verlaufenden Handlungssträngen und bricht nicht selten genau dort ab, wo man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Man kann das neudeutsch Cliffhanger nennen. Jedenfalls funktioniert es: Aus „noch ein Kapitel“ werden schnell fünf.

Dabei hätte 2015 leicht ein ganz anderes Buch werden können. Schon der Titel kündigt einen politischen Roman an. Das Jahr 2015 steht wie kaum ein anderes Datum der jüngeren deutschen Geschichte für Migration, Willkommenskultur und gesellschaftliche Polarisierung. All das ist bei Unger gegenwärtig. Seine Kritik an jenem Epochenwechsel bleibt unübersehbar, manchmal tritt sie offen hervor, häufiger bildet sie den Hintergrund, vor dem seine Figuren handeln. Und dennoch wäre es ein Missverständnis, 2015 lediglich als literarische Abrechnung mit der damaligen Migrationspolitik zu lesen. Raymond Unger hat einen politischen Roman über 2015 geschrieben, dessen eigentliches Thema der Mensch ist. Vielleicht hat mich das auch deshalb so beeindruckt, weil ich Raymond Unger seit einigen Jahren persönlich kenne. Ich habe ihn stets als eher zurückhaltenden Menschen erlebt, vor allem aber als außerordentlich aufmerksamen Zuhörer. Wenn er selbst etwas sagt, ist es nicht selten sehr humorvoll und zugleich von jener Nachdenklichkeit, ja manchmal sogar spirituell aufgeladenen Dichte, bei der man erst einen Augenblick später merkt, dass hinter der Pointe noch etwas anderes steckt. Nach der Lektüre von 2015 erscheint mir diese Fähigkeit zum Zuhören fast als Voraussetzung dieses Romans. Unger beobachtet seine Figuren genau und lange genug, bis hinter ihrer politischen Haltung, ihrer sozialen Rolle und gelegentlich auch ihrer Lächerlichkeit ein Mensch zum Vorschein kommt.

Ein Deutschland im Kleinen

Im Mittelpunkt steht zunächst das Ehepaar Gesine und Christian Volkmann, das aus Hamburg-Eppendorf nach Mecklenburg zieht. Gesine will dort ihre Vorstellungen von Heilung und einem alternativen Leben verwirklichen, Christian findet Raum für seine künstlerische Arbeit. Aus dem Heilungszentrum wird schließlich eine Unterkunft für Migranten, zunächst in kleinerem, später in erheblich größerem Maßstab. Was als überschaubares privates Projekt beginnt, gerät immer tiefer in die gesellschaftlichen Verwerfungen des Jahres 2015.

Wer Unger kennt, wird in Christian vielleicht den einen oder anderen Zug seines Autors wiederzuerkennen glauben. Dass dies bei Gesine und Ungers Ehefrau in gleichem Maße der Fall sein könnte, möchte man Unger allerdings nicht wünschen. Denn Gesine gehört zu Ungers gelungensten satirischen Figuren, ohne zur Karikatur zu werden. Besonders schön zeigt sich das in ihrer moralischen Ordnung der Welt. Unger beschreibt sie als geprägt von einem „selbstgerechten Protestantismus“. Für sie ist die Trennung der Menschheit in Gut und Böse kein schwieriges Geschäft. Zum Guten gehören: „Windkraft, veganes Essen, Homöopathie, Smoothies, Attac, NABU, Katrin Göring-Eckardt, Margot Käßmann, Gender-Mainstreaming, die Grünen und Jesus.“ „Ziemlich böse“ sind dagegen unter anderem Atomkraft, Fleischverzehr, Schulmedizin, TTIP, CETA, CSU und FDP, während Unger die Steigerung noch weiter treibt: „Das direkte Werk Satans waren: AfD, PEGIDA, ostdeutsche Neonazis und Beatrix von Storch.“ Die Komik entsteht nicht allein durch die Aufzählung. Besonders gelungen ist, dass Jesus zwischen NABU, Grünen, Smoothies und Gender-Mainstreaming beinahe selbst zum Bestandteil eines bestimmten westdeutschen Lebensstils geworden ist. Religion liefert nicht mehr den Maßstab, an dem politische Überzeugungen gemessen werden; die politische Moral entscheidet umgekehrt darüber, wo Jesus seinen Platz bekommt.

Angela Merkel befindet sich in Gesines privater Heilsgeschichte zunächst im Niemandsland. Fukushima und der Atomausstieg bewegen die Kanzlerin in die richtige Richtung. Die Ereignisse des Jahres 2015 vollenden schließlich ihre Bekehrung. Unger spricht herrlich doppeldeutig von Merkels „Grenzübertritt zum Guten“.

Neonazi und Islamist

Noch deutlicher wird Ungers Ironie dort, wo Gesine zusammen mit der Pastorin des Ortes über Religionen nachdenkt – oder vielmehr gerade nicht über sie nachdenkt. Unger lässt seine Figuren hoffen, „fernöstliche Weisheit“ könne zur Brücke zwischen Morgen- und Abendland werden, und fährt dann trocken fort: „Ohne sich eingehender mit dem Islam beschäftigt zu haben, hielten beide Frauen diese Hoffnung auch deshalb für berechtigt, weil sie einfach von der Übertragung ihrer eigenen Erfahrungen ausgingen.“ Viele Hamburger Kirchengemeinden wollten, so heißt es weiter, im Islam eine monotheistische Schwesterreligion erkennen; zugleich begegnen Zen, Buddhismus und Yoga in einer religiösen Welt, in der letztlich alle Wege Ausdruck desselben spirituellen Kerns sein sollen.

Das ist mehr als ein Seitenhieb auf ein bestimmtes kirchliches Milieu. Unger legt einen Mechanismus frei, der den Roman durchzieht: Menschen neigen dazu, die Wirklichkeit in ein bereits vorhandenes moralisches oder ideologisches Koordinatensystem einzupassen. Das kann politische, religiöse oder esoterische Formen annehmen. Man könnte 2015 deshalb auch als Roman über Ersatzreligionen lesen – über das Bedürfnis nach Erlösung, Reinheit, Zugehörigkeit und Gewissheit in einer Gesellschaft, die ihre traditionellen religiösen Bindungen weitgehend verloren hat.

Wesentlich dunkler wird es, sobald Unger diese Mechanismen nicht mehr an Homöopathie oder interreligiöser Naivität, sondern an politischer Radikalisierung vorführt. Zu den eindringlichsten Teilen des Romans gehört die Entwicklung eines jungen Neonazis, dessen Weg schließlich in den Terror des Islamismus führt. Unger behauptet nicht, Rechtsextremismus und Islamismus seien politisch oder religiös dasselbe. Ihn interessiert, was unterhalb der Ideologien liegt: Was macht einen Menschen für ein geschlossenes Weltbild empfänglich? Woher kommen das Bedürfnis nach Eindeutigkeit, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Gewaltbereitschaft und die Bereitschaft, das eigene Urteil einer Gruppe zu unterwerfen? Hier zahlt sich Ungers psychologischer Blick aus. Er entschuldigt nichts, weil er zuvor auch gar keine Schuld zugewiesen hat. Und dennoch geschieht beim Lesen etwas Verstörendes: Selbst dort, wo man es mit einem sadistischen Neonazi und schließlich einem sadistischen Islamisten zu tun bekommt, bleibt ein Rest von Mitgefühl. Man hat mit Unger lange genug in diesen Menschen hineingeschaut, um zu ahnen, wie er zu dem geworden ist, der er nun ist. Das ist eine größere literarische Leistung, als einen Bösewicht überzeugend böse erscheinen zu lassen.

Wessis, Ossis und die Gefahr des Klischees

Überhaupt verteilt der Roman seine Sympathien nicht entlang politischer oder ethnischer Grenzlinien. Besonders eindringlich zeigt sich das an Abbad Hadji und seiner Familiengeschichte. Eine Szene ist mir im Gedächtnis geblieben: Der Großvater holt mit seinen abgearbeitreten Händen ein Bündel Geld aus einem Versteck in der Mauer. Es ist seine über Jahre mühsam in den Gerbereien zusammengesparte Altersversicherung. Dieses Geld gibt er her, um seinem Enkel den Weg nach Deutschland zu ermöglichen. Plötzlich ist „Migration“ kein Begriff aus einer Talkshow mehr. In dem Geldbündel stecken Arbeit, Verzicht, familiäre Liebe und die Bereitschaft eines alten Mannes, die eigene Sicherheit für die Zukunft eines Jüngeren preiszugeben. Unger muss keine politische Botschaft hinzufügen. Die Szene genügt.

Auffällig ist dagegen, dass seine Empathie dort an Grenzen gerät, wo Menschen die Krise vor allem als Gelegenheit begreifen, sich zu bereichern oder Macht auszuüben: bei skrupellosen Profiteuren des Asylgeschäfts, einem korrupten Dolmetscher palästinensischer Herkunft oder dem SPD-Landrat Frank Wahlburg. Während Unger selbst in tief verirrten Figuren noch nach dem Menschen sucht, fällt ihm dies bei den kalten Opportunisten erkennbar schwerer. Unger hat mehr Nachsicht mit dem Verirrten als mit dem Zyniker.

Auch die deutsch-deutsche Dimension funktioniert überraschend gut. Natürlich kennt dieser Roman „die Wessis“ und „die Ossis“. Er braucht soziale Typen, weil er ein Panorama Deutschlands entwirft: Hamburger Wohlstandsbürger, Hartz-IV-Aufstocker, DDR-Nostalgiker, Künstler, Motorradschrauber, Journalisten, Esoteriker, Funktionäre und Migranten. Doch die Figuren gehen nicht in diesen Kategorien auf. Jeder trägt seine Biographie, Familiengeschichte, Verletzungen, Schuld und Sehnsüchte mit sich herum. Hier kommt jene transgenerationale Dimension ins Spiel, die Unger bereits in seinen früheren Arbeiten beschäftigt hat. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind vorbei und zugleich nicht vorbei. Erfahrungen werden innerhalb von Familien weitergegeben, manchmal ausgesprochen, häufiger verschwiegen. Die Vergangenheit determiniert den Menschen dabei nicht. Ähnliche Verletzungen führen nicht zwangsläufig zu denselben Überzeugungen. Biographie prägt, aber sie legt nicht fest.

Die conditio humana

Damit gelangt man zum eigentlichen Zentrum des Romans. Es ist nicht Angela Merkel, nicht die Flüchtlingskrise und letztlich nicht einmal das Jahr 2015. Es ist die conditio humana. Vielleicht war das ein Grund, warum mich die Lektüre so gefesselt und an manchen Stellen tief berührt hat. Der Mensch kann lächerlich und liebenswert, selbstgerecht und verletzlich, grausam und hilfsbedürftig sein. Unger besitzt für diese Widersprüche einen erstaunlich milden Blick. „Mild“ bedeutet keineswegs harmlos. Manche psychologischen Abgründe beschreibt er mit großer Härte. Aber sein Erzähler weigert sich meist, einen Menschen vollständig mit dessen schlechtester Eigenschaft zu identifizieren. Das erklärt auch die eigentümliche Form seines Humors. Unger kann seine Figuren sehr komisch machen, ohne sie zu verachten. Gesine ist dafür das beste Beispiel. Man lacht über sie, gelegentlich herzhaft. Aber irgendwann versteht man auch, weshalb sie die Welt so dringend in Gut und Böse einteilen muss. Die Ironie zerstört die Empathie nicht.

Man kann 2015 ohne Weiteres einen Thesenroman nennen. Das ist hier kein Einwand. Unger will etwas zeigen: über die psychologischen Voraussetzungen politischer Überzeugungen, transgenerationale Traumata, Ost und West, Migration und die moralische Selbstgewissheit bestimmter gesellschaftlicher Milieus. Aber er hat etwas begriffen, was Thesenromane gelegentlich vergessen: Ein Roman besteht nicht aus Thesen, denen man Namen gegeben hat. Hinzu kommt sein handwerkliches Können. Die verschiedenen Erzählstränge laufen zunächst nebeneinander, nähern sich an, kreuzen einander und verbinden sich schließlich auf überraschende Weise. Kapitel enden an sorgfältig gesetzten Spannungszäsuren; Informationen werden zurückgehalten, Auflösungen retardiert, und immer wieder verlässt Unger einen Handlungsstrang genau dann, wenn man dort weiterlesen möchte. Diese Parallelmontage erzeugt einen Suspense, den man bei einem gesellschaftspolitischen Roman nicht unbedingt erwarten würde. Und Unger besitzt eine Lust an konkreten Lebenswelten. Man erfährt nebenbei etwas über Motorräder, Kunst und Kunsthandel, DDR-Lebenswelten und Landwirtschaft. Solche Details verhindern, dass die Figuren auf ihre Rolle innerhalb eines politischen Arguments zusammenschrumpfen.

Der Mensch ist mehr als sein Irrtum

Natürlich kann man Ungers politischen und psychologischen Deutungen widersprechen. Entscheidend ist, dass seine Figuren den Leser nicht in Ruhe lassen. Nach einigen hundert Seiten interessiert nicht mehr nur, was diese Menschen denken, sondern warum sie es denken: Weshalb benötigt Gesine ihre moralische Weltordnung? Warum findet ein verletzter junger Mensch Halt in einer menschenverachtenden Ideologie? Weshalb führt eine ähnliche Erfahrung den einen in den Fanatismus und einen anderen nicht? Wie viel Freiheit bleibt gegenüber Herkunft, Familie und Traumata? Damit kehrt der Roman von der Politik zur Anthropologie zurück. Ideologien leben von Kategorien: Rechte und Linke, Gute und Böse, Wessis und Ossis, Einheimische und Migranten, Opfer und Täter. Der Roman kann dagegen das Individuum wieder sichtbar machen. Raymond Unger tut genau das. Sein 2015 handelt von einem Jahr, in dem Deutschland sich verändert hat. Hinter den großen politischen Konflikten entdeckt Unger jedoch die Dramen einzelner Menschen. Er schaut tief in ihre Abgründe, ohne vorschnell den Blick abzuwenden. Manchmal lacht er über sie, manchmal erschrickt man über sie – und erstaunlich häufig beginnt man, sie zu verstehen. Je politischer die Welt wird, die Raymond Unger beschreibt, desto hartnäckiger besteht sein Roman auf dem einzelnen Menschen. Darin liegt die Humanität dieses Buches. Und vielleicht ist das der Grund, weshalb ich 2015 fast in einem Atemzug gelesen habe: Irgendwann möchte man nicht mehr nur wissen, wie die Geschichte ausgeht. Man möchte wissen, was aus diesen Menschen wird, die man ins Herz geschlossen hat.

Raymond Unger: 2015; gebunden mit Schutzumschlag, 367 Seiten
25,00 € (D) / 25,70 € (A) inkl. MwSt.
ISBN 978-3-95890-672-3

Das Buch kann hier bestellt werden: EUROPA-VERLAG


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