Markus Krall: Warum Deutschland den Euro nicht braucht

(David Berger) Der Ökonom und Finanzexperte Dr. Markus Krall rechnet mit dem Euro ab – in jener sprachlichen Schärfe, für die er bekannt ist. Für ihn ist die Gemeinschaftswährung kein Garant deutschen Wohlstands, sondern Teil eines Geldsystems, das Sparer durch Inflation belastet, wirtschaftliche Fehlanreize setzt und Deutschland enorme Risiken aufgebürdet hat.

Wer Markus Krall liest, bekommt keine mit Watte umwickelte Ökonomenprosa. Schon der Auftakt seines beim „Sandwirt“ erschienenen Beitrags „Warum wir den Euro nicht brauchen“ macht deutlich, dass es ihm um mehr als Wechselkurse und Zentralbankbilanzen geht. Er sieht die Euro-Krise als Teil einer umfassenden politischen und wirtschaftlichen Fehlentwicklung. Das bestehende System, schreibt Krall, rase aufgrund der Verbindung von „Inkompetenz und Arroganz der Macht“ gegen die Wand. Seine Diagnose: „Der Kaiser ist nackt.“ Besonders scharf wird Krall beim Geldsystem. Es sei „Fundament und Krone des Lügensystems zugleich“. Inflation, Cantillon-Effekt und andere Mechanismen ermöglichten nach seiner Analyse eine Umverteilung zulasten derjenigen, die arbeiten und sparen. Die Zentralbanken erscheinen dabei keineswegs als neutrale Hüter stabilen Geldes: „Die Zentralbank ist der Schneider der neuen Kleider des Kaisers.“

Dahinter steht die Frage, wie weit das Mandat einer Zentralbank reichen darf. Krall kritisiert, dass sich die Geldpolitik längst mit Klima-, Staatsfinanzierungs- und anderen politischen Zielen befasse. Das Geldsystem sei dadurch zum „Maschinenraum unseres ganzen entgleisten Gemeinwesens“ geworden.

Die Angst vor der D-Mark

Krall nimmt die bekannten Einwände gegen einen deutschen Euro-Austritt auseinander: Eine neue D-Mark würde massiv aufwerten, die Exportindustrie einbrechen, Auslandsvermögen würden entwertet und der internationale Zahlungsverkehr verteuert. Seine sarkastische Zusammenfassung: „Wir werden also alle sterben. Sag ich doch.“ Die Argumente hält er für „ökonomischen Quatsch“. Sein Gegenbeispiel ist die Geschichte der D-Mark. Deutschland war lange vor dem Euro eine führende Exportnation, obwohl die D-Mark gegenüber zahlreichen anderen Währungen immer wieder aufwertete.

Eine starke Währung verteuert zwar Exporte, verbilligt aber Importe und ausländische Vorprodukte. Zugleich zwingt sie Unternehmen zu Produktivität und Innovation. Die jahrzehntelange Stärke der deutschen Exportwirtschaft unter der D-Mark widerspricht daher der Vorstellung, eine starke nationale Währung müsse zwangsläufig die Industrie ruinieren. Hier setzt Kralls grundsätzliche Kritik am Euro an. Volkswirtschaften mit erheblichen Unterschieden bei Produktivität, Verschuldung und Wettbewerbsfähigkeit werden an dasselbe Geld- und Wechselkursregime gebunden. Krall bezeichnet den Euro drastisch als ein „Prokrustesbett“, das man sich „ans Knie getackert“ habe.

Seit seiner Einführung habe sich die deutsche Wohlstandsentwicklung gegenüber früheren Jahrzehnten deutlich abgeschwächt. Natürlich gibt es dafür weitere Ursachen – von Demographie und Energiepolitik bis zu Regulierung und Investitionsschwäche. Kralls entscheidender Einwand richtet sich gegen die Behauptung, Deutschland verdanke seinen wirtschaftlichen Erfolg gerade dem Euro.

Am schärfsten wird seine Abrechnung beim TARGET-System. Deutschlands Forderungen innerhalb des Eurosystems haben eine Größenordnung von mehr als einer Billion Euro erreicht. Krall bezeichnet die entsprechenden Gutschriften polemisch als einen „Bierdeckel namens Target 2“. Seine Interpretation ist radikal: Deutschland habe reale Waren geliefert, dafür aber in erheblichem Umfang Forderungspositionen im Eurosystem aufgebaut. Seine Zuspitzung lautet daher, Deutschland finanziere seine Exportüberschüsse letztlich selbst und gebe die entsprechenden Waren „im Grunde kostenlos ab bzw. verschenke sie“. Über die ökonomische Bedeutung und das Verlustrisiko der TARGET-Salden wird unter Ökonomen gestritten. Die gewaltige Größenordnung der deutschen Forderungen ist dagegen unstrittig. Gerade deshalb gehört die Frage nach ihrem Wert und ihrem Schicksal im Krisenfall ins Zentrum jeder ehrlichen Bilanz der Gemeinschaftswährung.

Der Euro als politisches Projekt

Auch die Behauptung, eine neue D-Mark würde automatisch deutsche Vermögen vernichten, weist Krall zurück. Aktien und Immobilien im Ausland verschwänden durch einen Währungswechsel nicht. Risiken bestünden dagegen bei nominalen Forderungen gegenüber Ländern, deren Währungen gegenüber einer neuen D-Mark abwerteten. Umgekehrt würden deutsche Geldvermögen, Sparguthaben und inländische Anleihen international an Kaufkraft gewinnen. Krall verbindet dies mit seiner seit Jahren vertretenen Inflationskritik. Eine härtere Währung würde nach seiner Auffassung gerade diejenigen schützen, deren Vermögen aus Ersparnissen besteht. Hinzu kommt die Haftungsfrage. Die Vorstellung, Deutschland werde niemals für die Verschuldung anderer Eurostaaten einstehen müssen, zählt Krall zu jenen Versprechen, mit denen die Bevölkerung bei Einführung der Gemeinschaftswährung beruhigt worden sei. Seine Formulierung ist wenig schmeichelhaft: „Der deutsche Michel war gutgläubig genug darauf hereinzufallen.“

Krall verweist zudem auf die Frage, ob der Euroraum überhaupt einen optimalen Währungsraum bildet, auf Verschuldungsanreize sowie die jahrelange Niedrig- und Nullzinspolitik. Letztere habe zur „Zombifizierung der europäischen Unternehmen“ beigetragen. Auch die Verknüpfung von Geld- und Klimapolitik lehnt er ab: Die Zentralbank werde mit Aufgaben überfrachtet, die mit der Sicherung einer stabilen Währung nichts zu tun hätten. Seine Konsequenz ist eindeutig: Deutschland sollte nach Kralls Auffassung den Euro verlassen. Er fordert allerdings keinen überstürzten Austritt, sondern eine sorgfältig vorbereitete Neuordnung. Ein chaotischer Bruch könnte selbst erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen. Und auch hier bleibt Krall seiner Sprache treu. Die Abwicklung des bestehenden Systems könnte zum Versuch eines „letzten großen Raubzugs am deutschen Vermögen“ werden. Deshalb müsse Deutschland zuvor eine Strategie für TARGET-Forderungen, Reserven und die künftige Geldordnung entwickeln. Als Möglichkeit nennt er, TARGET-Guthaben zum Erwerb von Gold einzusetzen.

Der Euro ist kein Naturgesetz

Das stärkste Argument des Beitrags liegt am Ende nicht einmal in einer einzelnen Zahl. Es liegt in Kralls Weigerung, den Euro wie ein politisches Glaubensbekenntnis zu behandeln. Eine Währung ist kein Sakrament. Sie wurde von Menschen geschaffen und muss sich an ihren Ergebnissen messen lassen. Deshalb muss gefragt werden dürfen: Was hat der Euro Deutschland gekostet? Welche Haftungsrisiken sind entstanden? Was bedeuten TARGET-Forderungen von mehr als einer Billion Euro? Welche Folgen hatte die einheitliche Geldpolitik für Sparer und Unternehmen? Und wäre eine eigenständige deutsche Währung tatsächlich jene Katastrophe, als die sie seit Jahrzehnten dargestellt wird?

Krall beantwortet diese Fragen mit ökonomischen Argumenten und jener Lust an der Provokation, die seine Texte unverwechselbar macht. Seine ironische Zusammenfassung der Warnungen vor einem Euro-Austritt bringt es auf den Punkt: „Wir werden also alle sterben. Sag ich doch.“ Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Einführung der Gemeinschaftswährung sollte eine Bilanz ohne Denkverbote möglich sein. Der Euro ist schließlich kein Heiligtum. Und die Frage, ob Deutschland ihn tatsächlich braucht, ist zu wichtig, um sie allein denen zu überlassen, die ihre Antwort schon seit 25 Jahren kennen.

Quelle: Dr. Markus Krall, „Warum wir den Euro nicht brauchen“, Der Sandwirt, 16. September 2026.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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