Berliner Gewaltbarometer: Gewalt an Schulen aufgrund „religiösem Konformitätsdruck“ nimmt zu

(David Berger) Die heute vorgestellte Studie „Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer“ zeichnet ein alarmierendes Bild vom Alltag an den Schulen der Hauptstadt. Gewalt, Mobbing und verbale Übergriffe gehören für viele Schüler und Lehrkräfte inzwischen zum Schulalltag. 

Die Untersuchung gilt als die bislang umfassendste ihrer Art in Deutschland. Befragt wurden mehr als 14.000 Schüler sowie über 2.500 Lehrkräfte an Berliner Schulen. Ziel war es, das Ausmaß von Gewalt, Konflikten und Diskriminierung systematisch zu erfassen. Die Ergebnisse lassen aufhorchen. 38 Prozent der Lehrkräfte geben an, Gewalt unter Schülern sei an ihrer Schule ein großes Problem. Weitere 18 Prozent sprechen sogar von einem sehr großen Problem. Damit sieht mehr als die Hälfte der befragten Lehrer Gewalt als ernsthafte Herausforderung ihres Schulalltags.

Besonders deutlich werden die Probleme bei den Angaben der Schüler selbst. Unter den befragten Neuntklässlern berichten 63 Prozent von Beleidigungen, 49 Prozent von Bloßstellungen und Demütigungen. 26 Prozent geben an, Mobbing erlebt zu haben. Jeder vierte Schüler berichtet zudem von körperlichen Angriffen. Die Zahlen bestätigen damit den Eindruck, den viele Lehrer, Eltern und Schüler seit Jahren schildern: Gewalt ist an zahlreichen Berliner Schulen längst keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern ein alltägliches Problem.

Keine Angaben zu Migrationshintergrund oder Religionszugehörigkeit der beteiligten Täter- oder Opfergruppen

Bemerkenswert ist allerdings nicht nur das, was die Studie zeigt, sondern auch das, was sie bislang nicht zeigt. Nach den bisher veröffentlichten Berichten enthält die öffentliche Auswertung keine differenzierten Angaben zu Herkunft, Migrationshintergrund oder Religionszugehörigkeit der beteiligten Täter- oder Opfergruppen. Weder werden bestimmte ethnische Gruppen genannt, noch finden sich Aussagen über den möglichen Einfluss religiöser Milieus auf das Gewaltgeschehen. Der Regierende Bürgermeister Wegner hat in einem ersten Statement lediglich kurz angedeutet, in welche Richtung die Ursachen zu suchen sind, wenn er von „religiösem Konformitätsdruck“ an vielen Schulen als einer Realität spricht. Trotz des verquasten Ausdrucks kann jeder davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um gewaltbereite Katholiken handelt, die ihre Mitschüler zum Rosenkranzbeten zwingen und ihnen das Schweinewurstbrot am Karfreitag abnehmen.

Ebenso auffällig ist das Fehlen gesonderter Angaben zu antisemitischen Vorfällen. Dabei steht gerade Berlin seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 immer wieder im Fokus von Debatten über Judenhass an Schulen. Zahlreiche jüdische Schüler und Eltern hatten in den vergangenen Jahren von Anfeindungen und Bedrohungen berichtet. Dennoch werden antisemitische Vorfälle in den bislang veröffentlichten Zusammenfassungen der Studie nicht gesondert ausgewiesen. Damit zusammenhängende Aussagen über islamistisch motivierte Vorfälle oder über mögliche Zusammenhänge zwischen Gewaltproblemen und bestimmten sozialen oder kulturellen Milieus finden sich bisher nicht in den veröffentlichten Ergebnissen.

Ursachen bekämpfen statt nur über Symptome klagen!

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass solche Aspekte in der Untersuchung keine Rolle spielten. Möglich ist vielmehr, dass entsprechende Daten zwar erhoben wurden, bislang jedoch nicht veröffentlicht oder medial nicht hervorgehoben worden sind. Erst die vollständige Veröffentlichung der Studie wird zeigen, ob hierzu weiterführende Erkenntnisse vorliegen. Fest steht bereits jetzt: Das Berliner Gewaltbarometer dokumentiert ein erhebliches Gewaltproblem an den Schulen der Hauptstadt. Die vorgestellten Zahlen sind alarmierend genug. Gleichzeitig bleiben zentrale Fragen offen, die für eine ehrliche Analyse der Ursachen und für wirksame Gegenmaßnahmen von erheblicher Bedeutung wären.

„Diese Probleme müssen wir beim Namen nennen“ lässt Wegner wissen. Das ist aber eben lange nicht genug. Wer Gewalt wirksam bekämpfen will, muss nicht nur deren Ausmaß benennen, sondern auch bereit sein, ihre Ursachen offen zu untersuchen. Ob das Berliner Gewaltbarometer hierzu die notwendigen Antworten liefert, wird sich erst nach Vorlage der vollständigen Auswertung beurteilen lassen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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