„Der Westen muss aufhören, sich selbst zu hassen“ – Giuseppe Valditaras mutiges Manifest gegen den Zeitgeist

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In einer Zeit, in der der Begriff „Westen“ von vielen nur noch mit Kolonialismus, Ausbeutung oder kultureller Überheblichkeit verbunden wird, legt der italienische Bildungsminister Giuseppe Valditara gemeinsam mit dem Rechtsphilosophen Giampaolo Azzoni ein Buch vor, das bewusst gegen den Strom schwimmt. Manifesto per l’Occidente. I valori universali della nostra cultura („Manifest für den Westen. Die universellen Werte unserer abendländischen Kultur“) versteht sich als Plädoyer für die Wiederentdeckung jener geistigen, rechtlichen und moralischen Grundlagen, die die westliche Zivilisation hervorgebracht haben und bis heute tragen.

Der Ausgangspunkt des Bandes ist ebenso einfach wie provokant: Nicht der Westen sei das eigentliche Problem unserer Zeit, sondern seine zunehmende Unfähigkeit, zu seiner eigenen Geschichte und seinen eigenen Werten zu stehen. Die Herausgeber sprechen von einer regelrechten „Autophobie“ des Westens – einer Selbstverachtung, die sich in Schuldbewusstsein, Cancel Culture und dem Bestreben äußere, die eigene kulturelle Tradition zu delegitimieren. Diese Diagnose zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk.

Gegen Cancel Culture und kulturelle Amnesie

Valditara und Azzoni wenden sich ausdrücklich gegen eine Geschichtsdeutung, die die westliche Zivilisation nahezu ausschließlich unter den Aspekten von Kolonialismus, Sklaverei oder Unterdrückung betrachtet. Selbstverständlich verschweigen die Autoren historische Verfehlungen nicht. Sie wenden sich jedoch gegen die Vorstellung, diese seien notwendige Konsequenzen der geistigen Grundlagen des Abendlandes.

Vielmehr argumentieren sie, dass gerade die Fähigkeit zur Selbstkritik, zur Korrektur eigener Irrtümer und zur Entwicklung universaler Menschenrechte selbst ein Produkt der westlichen Kultur sei. Die gegenwärtige Tendenz, Denkmäler zu stürzen, historische Persönlichkeiten moralisch zu verurteilen oder das kulturelle Erbe Europas grundsätzlich unter Generalverdacht zu stellen, verstehen sie als Ausdruck einer kulturellen Selbstzerstörung.

Ein Wörterbuch westlicher Werte

Bemerkenswert ist die Form des Buches. Es handelt sich nicht um einen klassischen Essay, sondern um eine Art kulturphilosophisches Lexikon. Rund fünfundzwanzig Begriffe bilden die Grundpfeiler dessen, was die Herausgeber als Identität des Westens verstehen.

Behandelt werden unter anderem:

Demokratie
Freiheit
Menschenwürde
Person
Rechtsstaat
Verantwortung
Solidarität
Gemeinwohl
Barmherzigkeit
Meritokratie
Bildung (Paideia)

Jeder Begriff wird von einem ausgewiesenen Fachwissenschaftler erläutert und historisch eingeordnet. Dadurch entsteht weniger ein politisches Manifest als vielmehr eine intellektuelle Landkarte der europäischen Kulturgeschichte.

Christentum und Antike als Fundament

Besonders hervorzuheben ist, dass der Band die Entstehung der westlichen Kultur ausdrücklich als Synthese dreier Quellen beschreibt: der griechischen Philosophie, des römischen Rechts und des Christentums.

Gerade letzteres wird nicht als bloßer historischer Einfluss verstanden, sondern als entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung der Idee der unveräußerlichen Menschenwürde, der Personalität, der Nächstenliebe und des universalen Rechtsgedankens. Ohne das Christentum, so die Grundthese des Buches, wäre der Westen nicht denkbar. Damit wenden sich die Autoren gegen Versuche, Europa von seinen christlichen Wurzeln zu lösen oder diese lediglich als zufälliges historisches Beiwerk zu behandeln.

Die Vorstellung, jeder Mensch besitze unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Rang eine unveräußerliche Würde, wird ausdrücklich auf die christliche Tradition zurückgeführt. Das gilt insbesondere für die im Band behandelten Begriffe Menschenwürde, Person, Barmherzigkeit und Solidarität. Die Solidarität und Subsidiarität werden – unter Bezugnahme auf das thomistische Denken – nicht lediglich als moralische Empfehlung verstanden, sondern als Strukturprinzip des Gemeinwesens.

Wie ein roter Faden zieht sich der Kampf gegen die Vorstellung, Europa könne seine Identität unabhängig vom Christentum definieren, durch das ganze Buch. Die gegenwärtige Tendenz, die christlichen Wurzeln Europas auszublenden oder ausschließlich negativ zu bewerten, verstehen sie als Ausdruck jener von ihnen diagnostizierten „Autophobie“, also eines kulturellen Selbsthasses des Westens. Cancel Culture und radikaler Relativismus seien Symptome dieser Entwicklung.

Ein Buch gegen den Zeitgeist

Dass dieses Buch in Italien erhebliche Aufmerksamkeit gefunden hat, überrascht kaum. Giuseppe Valditara (Foto l. © Ministero dell’Istruzione, CC BY 3.0 IT, via Wikimedia Commons) gehört zu den profiliertesten Vertretern einer Bildungs- und Kulturpolitik, die den Verlust historischer Identität als eine der größten Herausforderungen Europas betrachtet. Das Manifesto per l’Occidente versteht sich deshalb ausdrücklich als Antwort auf ideologische Strömungen wie Wokeismus, radikalen Relativismus und postkoloniale Dekonstruktionsansätze. Es plädiert nicht für eine nostalgische Rückkehr in vergangene Zeiten, sondern für die selbstbewusste Verteidigung jener Werte, die Europa zu einer weltweit einzigartigen Zivilisation gemacht hätten.

Interessanterweise bestätigt selbst die teilweise sehr kritische Rezeption indirekt die Bedeutung des Buches. Kritiker werfen den Herausgebern vor, problematische Kapitel der europäischen Geschichte zu wenig zu berücksichtigen oder ein zu harmonisches Bild des Abendlandes zu zeichnen. Gerade diese Debatte zeigt jedoch, dass das Werk einen Nerv getroffen hat: Es zwingt dazu, sich erneut der Frage zu stellen, was den Westen eigentlich ausmacht und ob eine Zivilisation dauerhaft bestehen kann, wenn sie ihre eigenen geistigen Grundlagen nicht mehr kennt oder sogar ablehnt.

Manifesto per l’Occidente ist weit mehr als ein politisches Buch. Es ist der Versuch, dem Westen sein kulturelles Gedächtnis zurückzugeben. Wer sich für europäische Identität, Naturrecht, christliche Kulturgeschichte oder die geistigen Grundlagen der freiheitlichen Ordnung interessiert, findet hier eine ebenso kompakte wie anspruchsvolle Einführung. Gerade in einer Zeit, in der Europas kulturelles Selbstverständnis zunehmend umkämpft ist, liefert der Band zahlreiche Denkanstöße. Man muss nicht jeder These zustimmen, um anzuerkennen, dass Valditara und Azzoni eine Debatte angestoßen haben, die längst überfällig war. Für konservative Leser dürfte das Buch zu den wichtigsten kulturpolitischen Neuerscheinungen dieses Jahres gehören. Eine Übersetzung in die deutsche Sprache ist daher ein dringendes Desiderat!

Giuseppe Valditara / Giampaolo Azzoni (Hrsg.): Manifesto per l’Occidente. I valori universali della nostra cultura. Guerini e Associati, Mailand 2026, 184 Seiten.


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