(David Berger) Selenskyj, Merkel, Wałęsa: Mit großem Pathos verlieh das Europäische Parlament erstmals seinen neuen Europäischen Verdienstorden. Doch statt historischer Größe blieb vor allem ein schaler Eindruck zurück. Berichte über als Publikum eingesetzte Parlamentsmitarbeiter machen aus der Zeremonie eine politische Groteske — irgendwo zwischen sozialistischem Politbüro-Ritual, höfischer Selbstinszenierung und Titanic-Stimmung.
Im Straßburger Plenarsaal ist am Dienstag erstmals der Europäische Verdienstorden verliehen worden. Zu den Ausgezeichneten zählen unter anderem Wolodymyr Selenskyj, Angela Merkel und Lech Wałęsa. Der Orden war erst im vergangenen Jahr vom Europäischen Parlament geschaffen worden und soll Persönlichkeiten ehren, die sich um europäische Integration und „europäische Werte“ verdient gemacht haben.
Die Verleihung fand im Rahmen der Plenartagung in Straßburg statt. Nach Angaben des Europäischen Parlaments sollten mehrere der Geehrten persönlich anwesend sein.
Angestellte des Europäischen Parlaments als Statisten angeheuert
Für Irritation sorgten jedoch Berichte aus dem Umfeld der Veranstaltung, wonach Mitarbeiter des Europäischen Parlaments den Plenarsaal auffüllen sollten, um der Zeremonie den passenden festlichen Rahmen zu geben. Fabio de Masi dazu: „Bei der Verleihung des Europäischen Verdienstordens an Selenskyj und Co heute hat man tatsächlich Angestellte des Europäischen Parlaments als Statisten angeheuert, um den Plenarsaal aufzufüllen. Ein Hauch von DDR oder Monarchie. Ein schales Ritual der großen Fraktionen, um größtenteils ihren eigenen Parteigängern Orden umzuhängen, das erst letztes Jahr beschlossen wurde. Es fühlt sich an wie auf dem Oberdeck der Titanic.“
Fans der „Sissi“-Filme fühlen sich dabei vielleicht an eine berühmte Szene aus „Schicksalsjahre einer Kaiserin“ erinnert. Sie spielt während des Staatsbesuchs von Sissi und Franz Joseph in Venedig. Die österreichische Herrschaft über Venetien ist dort zutiefst unpopulär, und der venezianische Adel organisiert einen stillen Boykott gegen das Kaiserpaar. Die eigentlichen Adligen bleiben der Oper demonstrativ fern. Stattdessen schicken sie ihre Diener, Bediensteten und Hausangestellten in die Logen, damit der Saal offiziell „gefüllt“ aussieht. Die Atmosphäre wirkt dadurch künstlich und gespenstisch: formal ist alles prächtig inszeniert, aber hinter der höfischen Kulisse steckt offene Verachtung und politische Distanz. Die Szene zeigt anschaulich, dass die Macht des Hofes äußerlich noch funktioniert, innerlich aber bereits bröckelt. Gerade deshalb wird sie seit jeher als Bild für politische Selbstinszenierung trotz schwindender Zustimmung gelesen.
Die heutige EU-Groteske setzt einem Ritual die Krone auf, das zwischen Pseudo-Staatsakt und Selbstinszenierung schwankte. Denn der neue Orden trägt bereits in seiner Konstruktion einen eigentümlichen Beigeschmack: große Fraktionen ehren Persönlichkeiten, die oft aus dem eigenen politischen Kosmos stammen — ein Zirkel aus Würdigungen, Laudationes und europäischem Schulterklopfen. Der feierliche Ton soll historische Größe vermitteln, wirkt aber mitunter wie aus einer anderen Zeit gefallen. Tatsächlich ein Hauch spätes Politbüro, ein wenig höfische Ordenskultur.
Orden auf dem Oberdeck der Titanic
Während außenpolitische Krisen eskalieren, die EU immer mehr zur gehässigen Kriegstreiberin mutiert, die wirtschaftliche Nervosität wächst und so das Vertrauen vieler Bürger in die EU bröckelt, feiert sich der politische Betrieb im Plenarsaal selbst — geschniegelt, dekoriert und offenbar vorsorglich auch personell aufgefüllt. Es ist das Bild einer EU, die sich nach historischer Bedeutung sehnt, aber den Kontakt zur Wirklichkeit komplett verloren hat. Oder wie eben de Masi richtig feststellte: Fast wie auf dem Oberdeck der Titanic: Die Kapelle spielt noch, die Orden glänzen — und unter Deck hört man längst das Wasser.
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