„Die dümmste Grafik unserer Zeit“ tönt Boris Palmer laut. Schaut man genau hin, dann zeigt sich, dass der grüne „Klimaretter“ zwar selbstbewusst im Ton, dafür aber umso bescheidener in der Substanz ist. Oder um es mit Georg Bernhard Shaw [1] zu sagen: Der Weg in die Klimahölle ist mit den guten Vorsätzen grüner Klimaaktivisten gepflastert – nicht mit den Bedenken der „Klimaskeptiker“. Ein Gastbeitrag von Stephan Eissler und Harald Pfeiffer

Die dümmste Grafik unserer Zeit“ schreibt Boris Palmer auf seiner facebook-Seite [2] über eine Grafik, die sie hier einsehen können.

Mit diesem vernichtenden Urteil lehnt sich Tübingens grüner Bürgermeister ganz weit aus dem Fenster. Schaut man aber genauer hin, wie Palmer sein harsches Urteil begründet, dann stellt man schnell fest, dass er nichts liefert, womit sich sein Urteil rechtfertigen ließe. Schlimmer noch, Teile seiner Ausführungen sind so haarsträubend, dass sich sein harsches Urteil zwangsläufig gegen ihn selbst wendet, indem sich die Frage regelrecht aufdrängt: Haben wir es hier mit der dümmsten Kritik unserer Zeit zu tun?

Angesichts einer zunehmenden Infantilisierung des klimapolitischen Diskurses[1] darf solch laut vorgetragener Flachsinn nicht unwidersprochen bleiben! Deshalb möchten wir hier nun ausführlich auf Boris Palmers Beitrag eingehen. Dabei werden wir zeigen, dass Palmers Begründungen von einer intellektuellen Anspruchslosigkeit sind, die symptomatisch ist für die Art und Weise, wie sich viele „Klimaretter“ neuerdings öffentlich artikulieren.

Palmers Ausführungen – soviel sei hier vorweg genommen – erinnern in gewisser Weise an das all freitägliche „Schulschwänzen für das Klima“. Die tragisch-komische Pointe dabei: Beides, sowohl Palmers Kritik an dieser Grafik, wie auch „Hüpfen gegen Kohle“[2] sind Ausdruck einer gesinnungsethischen Selbstreferentialität, die auf der einen Seite – nämlich bei den „Klimaskeptikern“ – allenfalls für Belustigung sorgt, und auf der anderen Seite – bei den Verantwortungsethikern unter den Klimaaktivisten – zunehmend die Alarmglocken schrillen lässt. Dazu jedoch später mehr. Zunächst aber wollen wir Palmers Ausführungen (die wir im Folgenden immer kursiv hervorheben) einer kritischen Überprüfung unterziehen:

  1. Das „Strohmann-Argument“ und Palmers argumentativer Schiffbruch 

Aussage der Grafik, 1. Teil: „Unsere Luft besteht aus: 78% Stickstoff, 21% Sauerstoff, 1% Edelgase, 0,038% CO2“

Hierzu schreibt Palmer:

„Ja, es stimmt, CO2 hat nur einen Anteil von 0,041% an der Atmosphäre. 0,028% war der Wert von 1850. Der Wert, den diese Grafik immer noch weiter verbreitet, ist leider schon zehn Jahre alt. 0,038% das war einmal.“

Die Zahlen einer Grafik können nun mal nicht aktueller sein, als die Grafik selbst. Die Grafik ist bereits älter – die Zahlen daher zwangsläufig auch. Also nichts, womit sich Palmers Erregung auch nur ansatzweise rechtfertigen ließe. Schauen wir daher, was Boris Palmer weiter schreibt:

„Die These, dass 0,038% eines Stoffes keine Wirkung haben könnten, ist so abstruser Unsinn, dass ich mich echt frage, wer solche Bildchen macht.“

Nun ja, tatsächlich wäre diese Behauptung abstruser Unsinn. Allerdings findet sich auf dieser Grafik keine solche Behauptung. Genau das aber suggeriert Boris Palmer hier.

Was Palmer hier aufbaut ist ein klassisches „Strohmann-Argument“[3], denn er versucht anschließend, eine Behauptung als Unsinn zu entlarven, die er zuvor der Grafik einfach untergeschoben hat – die aber nichts mit dem Inhalt der Grafik zu tun hat. Dieser rhetorische Trick ist – vorsichtig formuliert – nicht besonders redlich.

So weit, so peinlich. Aber es kommt noch schlimmer. Dazu muss man wissen, das Strohmann-Argumente das sind, was der Bayer gemeinhin als „gmaade Wiesn“ bezeichnet: Nichts lässt sich einfacher widerlegen, als eine Behauptung, die man sich selbst zuvor zu eben diesem Zweck ausgesucht oder gar ausgedacht hat. Umso erstaunlicher ist es, dass Boris Palmer beim Versuch, sein eigenes Strohmann-Argument zu widerlegen, argumentativen Schiffbruch erleidet, indem er folgendes schreibt:

„Denkt mal drüber nach:

0,038% Zyankali im Blut und man ist schon lange tot.
0,038% Alkohol im Blut = 0,38 Promille = schuldig bei einem Unfall
0,038% Mörder unter einer Million Flüchtlingen sind 380 Mörder. Spielt keine Rolle?“
 

Offensichtlich scheinen Boris Palmer fundamentale Unterschiede zwischen CO2 einerseits, und Zyankali, Alkohol und Mörder andererseits nicht klar zu sein. Denn CO2 ist, zumindest in bestimmten Konzentrationen, lebensnotwendig – etwas, das man von Zyankali, Alkohol und Mördern nicht sagen kann.

  1. Ohne CO2 gäbe es kein Leben auf der Erde:

Pflanzen benötigen für die Photosynthese C02. Man kann also sagen, dass CO2 für Pflanzen so wichtig ist, wie Sauerstoff für uns Menschen. Zumindest in bestimmten Konzentrationen ist CO2 also von zentraler Bedeutung dafür, dass es Leben auf der Erde gibt. Ohne CO2 kein Leben auf unserem Planeten!

  1. Die Erhöhung der CO2-Konzentration hat positive Effekte:

Es lässt sich noch weiteres über CO2 sagen: Eine Erhöhung der CO2-Konzentration in der Luft wirkt sich positiv auf das Pflanzenwachstum aus. Satellitendaten zeigen, dass unser Planet mit steigender CO2-Konzentration in der Atmosphäre grüner geworden ist.[4] So schrumpft beispielsweise die größte Wüste der Welt – die Sahara – nachweislich, was Wissenschaftler auch auf den Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zurückführen.[5] Diesen positiven Effekt auf das Pflanzenwachstum hat CO2 allerdings nur bis zu einer bestimmten Konzentration, die jedoch deutlich über dem aktuellen Anteil von CO2 an unserer Luft liegt. 

Nun können wir Boris Palmers Vergleich auf seine Sinnhaftigkeit hin überprüfen und fragen:

a.) Hätte es vergleichbare negative Konsequenzen für das Leben auf unserem Planeten, wenn es kein Zyankali, keinen Alkohol oder keine Mörder gäbe?

b.) Gibt es irgend eine Menge, die größer als Null ist, bei der sich sagen lässt, dass sich eine Erhöhung der Konzentration von Zyankali, Alkohol oder Mördern positiv auswirkt?

Alleine diese beiden Fragen machen unmittelbar deutlich, wie absurd Boris Palmers Vergleich ist.

Zwischenfazit 1:

Boris Palmer liefert bis hierher also keinerlei Begründung dafür, warum diese Grafik seiner Meinung nach die dümmste unserer Zeit sei. Dafür haben aber seine Ausführungen zu der Grafik genau das Niveau, das er der Grafik unterstellt, indem er mit „Strohmann-Argumenten“ hantiert und haarsträubende Vergleiche anstellt.

  1. Palmer schwadroniert gegen alle Fakten von einem „stabilen CO2-Kreislauf“

Aussage der Grafik, 2. Teil: „Davon produziert die Natur selbst etwa 96%. Den Rest (also 4%) der Mensch. Das sind 4% von 0,038%, also 0,00152%.“Dazu schreibt Boris Palmer folgendes:

„Und ja, die Natur produziert sehr viel mehr CO2 als der Mensch. Das CO2 aus natürlichen Quellen wurde aber zuvor aus der Atmosphäre durch Photosynthese entnommen, und zwar in den letzten Jahrhunderten, meistens vor weniger als hundert Jahren. Der Mensch fügt hingegen CO2 hinzu, das unter der Erde über viele Millionen Jahre gebunden war. Deswegen ist der Kreislauf der Natur stabil. Nur die Emissionen des Menschen erhöhen den Anteil des CO2. Das ist auch physikalisch nachgewiesen. Kohlenstoff aus fossilen Quellen sind alt, daher sind die zerfallenden Isotope weg. In der Atmosphäre lässt sich dieser Effekt messen. Die Zusammensetzung verändert sich. “

Auch hier geht es Palmer also nicht etwa darum, den Inhalt der Grafik als falsch zu entlarven. Vielmehr führt er nur wortreich aus, was er an der Grafik für missverständlich hält – nämlich das Wort „produziert“. Während in diesem Abschnitt der Grafik lediglich ein Wort missverständlich ist, baut Boris Palmer in seine Ausführung dazu einen Satz ein, der sachlich falsch ist: „Deswegen ist der Kreislauf der Natur stabil.“

Tatsächlich war der „CO2-Kreislauf“ zu keinem Zeitpunkt der Erdgeschichte stabil. Palmers Behauptung ist umso abwegiger, je größer der erdgeschichtliche Zeitrum ist, den man betrachtet.  Denn die Schwankungen der CO2-Konzentration in der Atmosphäre waren im Laufe der Erdgeschichte auch ohne menschliches Zutun enorm. Beispielsweise haben sich die Meere im Laufe der Erdgeschichte immer wieder erwärmt und dabei riesige Mengen CO2 an die Atmosphäre abgegeben, während die Meere in Phasen ihrer Abkühlung sehr viel CO2 aus der Atmosphäre aufgenommen haben.

Viel wichtiger aber ist, dass  Palmers Behauptung selbst dann falsch ist, wenn wir nur die Gegenwart betrachten: Von dem CO2, das wir Menschen freisetzen, verbleibt nämlich nur der kleinere Teil in der Atmosphäre, während der größere Teil von Wäldern und Ozeanen „geschluckt“ und damit in den natürlichen Kreislauf überführt wird. Das behaupten übrigens nicht wir, sondern Wissenschaftler des IPCC.[6] 

Zwischenfazit 2:

An der „dümmsten Grafik unserer Zeit“ gibt es also auch bis zu diesem Punkt wenig zu beanstanden. Vielmehr ist Boris Palmer in seinen Ausführungen deutlich unsachlicher und unkorrekter, als man es der Grafik bis hierher vorwerfen kann.

  1. Wie sind die deutschen CO2-Emissionen im globalen Vergleich einzuordnen? Palmer zeichnet nur das halbe Bild

Aussage der Grafik, 3. Teil: „Der Anteil von Deutschland beträgt hierbei 3,1%. Somit beeinflusst Deutschland mit nur 0,0004712% das CO2 in der Luft.“

Auch an diesem Teil der Grafik ist Palmers eigenen Ausführungen zufolge nichts falsch. Er möchte lediglich den deutschen Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß ins richtige Verhältnis gerückt sehen:

„Bleibt also der deutsche Anteil. Ja, der liegt heute bei 3% weltweit. Wir sind aber nur 1% der Weltbevölkerung. Das ist also viel zu viel.“

Ja, in der Tat, wenn man die Bevölkerung als Vergleichsgröße wählt, dann lässt sich zeigen, dass die CO2-Emissionen, die in Deutschland pro Einwohner verursacht werden, sehr viel höher sind als im weltweiten Durchschnitt. Wählt man hingegen das Bruttoinlandsprodukt als Vergleichsgröße, dann lässt sich zeigen, dass die CO2-Emissionen, die in Deutschland pro Doller produzierter Waren und Dienstleistungen verursacht werden, niedriger sind als im weltweiten Durchschnitt.

Man kann die deutschen CO2-Emissionen also ins Verhältnis zur Bevölkerung setzen, man kann die deutschen CO2-Emissionen aber ebenso gut ins Verhältnis zum Bruttoninlandsprodukt setzen. Für beides gibt es gute sachliche Gründe. Und beide Relationen sind für eine sinnvolle Klimapolitik gleichermaßen relevante Richtgrößen.

Zwischenfazit 3:

Wieder liefert Palmer nichts, was erklären würde, warum er diese Grafik als die dümmste unserer Zeit bezeichnet. Den deutschen Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß ins Verhältnis zur Bevölkerung zu setzen ist zwar durchaus legitim, kann jedoch keinesfalls als Begründung für sein Urteil über die Grafik herangezogen werden. Denn diese 3% könnte man auch ins Verhältnis zu anderen Vergleichsgrößen setzen, beispielsweise ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.

  1. Palmer gibt sich als gesinnungsethischer Hasadeur mit wahnhaft religiösen Zügen

Aussage der Grafik, 4. Teil: „Damit wollen „wir“ die Führungsrolle in der Welt übernehmen, was uns jährlich an Steuern und Belastungen etwa 50 Milliarden Euro kostet. Einfach mal darüber nachdenken…“

Auch im letzten Teil der Grafik kann Boris Palmer keinen Fehler und erst recht keine Lüge beanstanden. Liest man seine Ausführungen dazu, dann scheint ihm schlicht zu missfallen, dass hier angedeutet wird, die deutschen Klimapolitik sei im globalen Maßstab vergleichsweise unbedeutend – dafür aber vergleichsweise teuer. Palmer schreibt zu diesem letzten Abschnitt der Grafik folgendes:

„Und alle Staaten der Welt müssen laut Pariser Vertrag ihren Anteil zur Reduktion bringen. Deutschland genau so wie alle anderen. Der Verweis auf die anderen Nationen ist also einfach nur eine schlechte Ausrede.“

Diese Aussage ist von so erschreckender gesinnungsethischer Infantilität, dass wir besonders ausführlich darauf eingehen wollen, ja, müssen.

Boris Palmer „erschreckende gesinnungsethische Infantilität“ zu attestieren, mag manchem Leser übertrieben hart erscheinen. Aber dieser Vorwurf ist mehr als angemessen, bedenkt man folgendes: Im Jahr 2017 betrugen die globalen CO2-Emissionen 36 153 Millionen Tonnen[7]; im Jahr 2018 stiegen die weltweiten CO2-Emissionen um ca. 2,7%[8], das entspricht einem Anstieg um ca. 976 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Die CO2-Emissionen der Bundesrepublik lagen 2017 bei ungefähr 907 Millionen Tonnen.[9] 2018 wurde also weltweit mehr zusätzliches CO2 in die Atmosphäre geblasen, als Deutschland insgesamt im Jahr zuvor ausgestoßen hat. Mit anderen Worten:

  • Selbst wenn alle Menschen in Deutschland an Silvester 2017 kollektiven Selbstmord begangen hätten, um Deutschland auf diesem Wege für das Jahr 2018 „CO2-neutral“ zu machen, wären die globalen CO2-Emissionen nicht etwa gesunken, sondern trotzdem leicht gestiegen!
  • Einerseits: Deutschland einen aberwitzigen finanziellen Aufwand betrieben, um 2018 im Vergleich zum Vorjahr ca. 40 Millionen Tonnen CO2 einzusparen (ohne die günstige Witterung wäre es aber wohl dennoch nicht gelungen). Andererseits: Es hat nur bis zum 16. Januar 2018 gedauert, bis die weltweiten CO2-Emissionen im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 40 Millionen Tonnen angestiegen sind. Die deutschen CO2-Einsparungen eines ganzen Jahres reichten 2018 also gerade einmal aus, um die Menge CO2 auszugleichen, um welche die weltweiten CO2-Emissionen innerhalb von nur 15 Tagen gewachsen ist.

Wie bitteschön soll man jemanden nennen, der angesichts solcher Größenverhältnisse allen ernstes schreibt, der Verweis auf anderen Nationen sei einfach nur eine schlechte Ausrede?

Nein, Herr Palmer, der Verweis auf andere Nationen ist alles andere als eine „Ausrede“! Die Interessen, Sachzwänge und daraus resultierenden Strategien anderer Nationen im Blick zu behalten und bei der eigenen Entscheidungsfindung zu berücksichtigen ist vielmehr genau das, was rationale und verantwortungsvolle Politik von einer quasi-religiösen Glaubensgemeinschaft unterscheidet.

Wir möchten das kurz am Beispiel „Kohleausstieg“ veranschaulichen. Die folgenden zwei Zitate zeigen, dass dieses sündhaft teure deutsche Vorhaben für die mittelfristige Entwicklung der globalen CO2-Emissionen mindestens unbedeutend, womöglich aber sogar kontraproduktiv ist:

[…] „In Südostasien und Mittel- und Südamerika ist die Kohlenutzung in der letzten Dekade teilweise um drei Prozent pro Jahr angestiegen“, berichten die Wissenschaftler. Und auch China, das noch vor einigen Jahren seine Pläne für neue Kohlekraftwerke auf Eis legte, will einen Teil dieser Kraftwerke nun doch bauen. „China schiebt Kohleprojekte wieder an, die eigentlich gestrichen werden sollten“  […] Der wachsende globale Energiebedarf lässt die Bemühungen zur Dekarbonisierung momentan weit hinter sich […]

(Quelle: https://www.scinexx.de/news/geowissen/co2-ausstoss-steigt-ungebremst/)

[…] Ein neuer Report des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) zeigt, dass China auch den weltweiten Ausbau von Kohlekraftwerken maßgeblich finanziert. Insgesamt werden derzeit Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 399 Gigawatt global gebaut oder geplant – die meisten davon in Bangladesch, Vietnam, Südafrika, Pakistan und Indonesien. Zum Vergleich: Die rund 150 Kohlekraftwerke in Deutschland haben eine Leistung von 45 Gigawatt.[…]

(Quelle: http://www.taz.de/!5564169/)

Wer angesichts dieser Entwicklung die Losung ausgibt „Der Verweis auf anderen Nationen ist einfach nur eine schlechte Ausrede“, der glaubt entweder selbst nicht ernsthaft an die drohende menschengemachte Klimakatastrophe, oder aber, er ist ein gesinnungsethischer Hasadeur, für den der Kampf gegen Atomenergie und fossile Energieträger allerhöchste Priorität hat – sollte sich nebenbei auch noch die Welt retten lassen, na, dann umso besser… und falls nicht, dann bleibt immer noch die grüne Heilsgewissheit, mit der „richtigen“ Gesinnung in den Untergang marschiert zu sein.

Denn: Wenn viele Staaten nicht nur nicht aus der Kohle aussteigen, sondern – ganz im Gegenteil – sogar viele neue Kohlekraftwerke bauen, dann kann der teure und riskante deutsche Kohleausstieg global betrachtet keinen nennenswerten Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leisten. Ginge es grünen  Klimarettern primär um die Senkung der globalen CO2-Emissionen, hätten sie nach nüchterner Analyse der Interessen und Sachzwänge anderer Nationen nicht etwa für den deutschen Kohleausstieg kämpfen müssen, sondern sich sehr viel stärker für die Entwicklung marktfähiger Konzepte zum Abscheiden und Speichern von CO2 bei der Energiegewinnung durch fossile Energieträger einsetzen müssen.[10] Statt dafür zu kämpfen, dass unsere Steuergelder für den deutschen Sonderweg eines übereilten Kohleausstiegs auszugeben werden, hätten diese finanziellen Ressourcen dazu genutzt werden müssen, Technologien zur Abscheidung von CO2 bis zur marktreife zu bringen und diese für Schwellen- und Entwicklungsländer attraktiv zu machen. So nämlich hätten die vielen Milliarden Euro sehr viel nachhaltiger zur Senkung der globalen CO2-Emissionen beitragen können, weil diese Technologie nicht nur in Deutschland zur Senkung von CO2-Emissionen geführt hätte, sondern zukünftig auch an vielen anderen Orten der Welt.  

Und Boris Palmer selbst erhärtet den Verdacht, dass er ein gesinnungsethischer grüner Hasadeur ist, für den der Kampf gegen fossile Energieträger allerhöchste Priorität hat – selbst wenn dies dazu beitragen sollte, dass die globalen CO2-Ziele unerreichbar werden -, denn er schreibt weiter:

Es gilt umgekehrt: Wenn nicht mal ein reiches Land wie Deutschland sich von billiger Kohle und billigem Öl verabschiedet, und den Umstieg auf CO2-freie Energieträger vorantreibt, wer dann sonst?“

Diese Aussage strotzt nicht nur so vor gesinnungsethischem Pathos, sondern trägt geradezu wahnhaft religiöse Züge, wenn man sie im Lichte aktueller Entwicklungen betrachtet. Denn Deutschland ist derzeit im Begriff, sich nicht nur von der Atomenergie zu verabschieden, sondern nahezu gleichzeitig auch aus der Kohle auszusteigen. Selbstverständlich verfolgen Politiker, Wissenschaftler und Ökonomen weltweit dieses Experiment mit großem Interesse – und mit wachsendem Befremden. Denn die deutsche „Energiewende“ steuert ungebremst auf ein ökonomisches, klimapolitisches und ökologisches Desaster zu:

Der Bundesrechnungshof warnt inzwischen davor, dass der deutschen Klimapolitik der Kontrollverlust droht[11]. Einerseits explodieren derzeit die Kosten der deutschen Energiewende regelrecht, andererseits stehen den hohen Kosten vergleichsweise niedrige CO2-Einsparungen gegenüber. Mit anderen Worten: Was wir in Deutschland derzeit veranstalten, ist zwar irrsinnig teuer (pro Jahr kostet uns die Energiewende derzeit über 30 Milliarden Euro), dafür aber klimapolitisch relativ unwirksam. Dabei stehen Deutschland die wirklich teuren und schmerzhaften Klimapolitischen Maßnahmen erst noch bevor!

Nach Lage der Dinge hat die deutsche Energiewende daher aktuell eine erheblich abschreckende Wirkung auf viele Staaten. Mit anderen Worten: Schwellen- und Entwicklungsländer weigern sich nicht etwa trotz des deutschen Vorbilds, sich von billiger Kohle und billigem Öl zu verabschieden und auf CO2-freie Energieträger umzusteigen, sondern wegen des deutschen Vorbilds! Wenn Palmer also fragt „wer dann sonst?“, dann muss eine realistische Antwort lauten: Niemand, der noch bei klarem politischen Verstand ist!

Palmers Aussage (siehe letztes Zitat oben) ist daher die eines grünen Gesinnungsethikers, für den die globalen Implikationen der deutschen Klimapolitik nachrangig zu sein scheinen. Für ihn zählt vor allem die strikte Befolgung des grünen Katechismus… dass wir Deutsche damit auf unsere Weise dazu beitragen, dass Schwellen- und Entwicklungsländer wieder verstärkt auf fossile Energieträger und Atomenergie setzen, kann die  Heilsgewissheit grüner Fundamentalisten nicht erschüttern.

Zwischenfazit (4):

Bei aller inhaltlichen Kritik an Palmers irrational und sektiererisch anmutenden Ausführungen dürfen wir das wichtigste nicht aus dem Blick verlieren: Auch bis hierhin benennt Palmer nichts, was auch nur ansatzweise erklären würde, warum er diese Grafik als die dümmste unserer Zeit bezeichnet.

  1. Palmers bizarre „Schlusspointe“ ohne jeden Bezug zur Grafik

Boris Palmers Ausführungen gipfeln schließlich in dieser bizarr anmutenden Schlusspointe:

„Die ganze Grafik strotz vor Ablehnung von Fakten, Physik und Verantwortung. Und das scheint ein Synonym für AfD und Klimapolitik zu sein.“

Ablehnung von Fakten? Ablehnung von Physik? Wovon redet Palmer da bloß? Und wie kommt hier plötzlich die AfD ins Spiel? Um das ganze Ausmaß an Absurdität erfassen zu können, das in diesen beiden Schlusssätzen zum Ausdruck kommt, muss man den Inhalt der Grafik und Palmers Ausführungen zu der Grafik nochmal gründlich Revue passieren lassen. Weder hier (in der Grafik) noch dort (in Palmers Ausführungen) findet sich etwas, mit dem sich diese beiden Schlusssätze erklären ließen.

Wir können es uns nur so erklären: Womöglich zielt Palmers Verriss überhaupt nicht auf den Inhalt dieser Grafik, sondern auf Aussagen und Schlussfolgerungen, die irgendwelche Dritte aus dieser Grafik abgeleitet haben? Aber wenn dem so wäre, dann bräuchte es sinnvolle Bezüge zu diesen Aussagen und Schlussfolgerungen. Diese aber fehlen vollständig.

Damit sind und bleiben Palmers Ausführungen ein rhetorisches und argumentatives Desaster. Palmer mag der Meinung sein, die Grafik sei die dümmste unserer Zeit – in jedem Fall unterbietet seine Kritik das Niveau dieser Grafik deutlich.

abschließendes Fazit:

Palmer liefert bis zum Schluss nichts, womit er sein harsches Urteil  („die dümmste Grafik unserer Zeit“) auch nur ansatzweise begründen kann. Als wäre das nicht schon peinlich genug, bewegen sich Teile seiner eigenen Ausführungen auf genau dem unsäglichen Niveau, das er der Grafik unterstellt.

Leider ist Boris Palmers Kritik an der Grafik symptomatisch für die Art und Weise, wie grüne Klimaaktivisten derzeit auftreten: Sehr bestimmend und selbstbewusst im Ton, dafür aber umso bescheidener in der Substanz.

  1. Ausblick

Daten und Fakten deutet derzeit darauf hin, dass große Teile der Weltgemeinschaft nicht dazu bereit sind, grünen Fundamentalisten in ihrem Kampf gegen fossile Energieträger zu folgen. Grüne Gesinnungsethiker wie Palmer lassen sich dadurch natürlich keinesfalls beirren, sondern wollen ihren grünen Kampf gegen fossile Energieträger noch entschiedener und konsequenter führen. Sie hinterfragen keinesfalls kritisch, ob der eingeschlagene klimapolitische Weg wirklich ans Ziel führen kann, sondern führen die bisherige Wirkungslosigkeit frei nach Greta Langstrumpf darauf zurück, dass die Menschen bisher wohl einfach noch nicht ausreichend in Angst und Schrecken versetzt wurden.

Für Verantwortungsethiker hingegen sind regenerative Energieträger zwar ebenfalls von großer klimapolitischer Relevanz – aber eben kein Selbstzweck. Für sie stellt sich vielmehr die Frage, ob am Ende womöglich gerade dieser radikale Abkehr von fossilen Energieträgern eine signifikante Absenkung der globalen CO2-Emissionen verhindern könnte.

Denn die Frage, wie sich die globalen CO2-Emissionen mittelfristig entwickeln, entscheidet sich weniger in Europa, sondern sehr viel mehr in Afrika und Asien – also in jenen Weltregionen, deren Wirtschaft und Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten dramatisch hohe Wachstumsraten verzeichnen werden. Mit Blick auf diese Weltregionen müssen wir Europäer endlich beginnen, den energiepolitischen Realitäten ins Auge zu schauen:

1,) Der Energiebedarf vieler Schwellen- und Entwicklungsländer wird in den nächsten Jahrzehnte um unvorstellbare Größenordnungen wachsen.

2.) Die Entwicklung der CO2-Emissionen dieser Schwellen- und Entwicklungsländer hängt ganz maßgeblich davon ab, ob wir Europäer ihnen die richtigen Mittel an die Hand geben, um Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum mit CO2-Einsparungen in Einklang bringen zu können.

3.) Mit dem Atom- und Kohleausstieg hat die deutsche Politik jedoch entschieden, dass Deutschland für wichtige Formen der Energiegewinnung zukünftig weder Leitmarkt noch Technologieführer sein wird. Deutschlands zukünftiger Einfluss auf die technologische Entwicklung im Bereich der Kohle- und Atomenergie wird damit dramatisch schwinden – obwohl beiden Energiesektoren auch mittelfristig eine wichtige Rolle bei der globalen Energiegewinnung zukommen wird. Die weltweiten CO2-Emissionen werden sich nur unter Einbeziehung (und Weiterentwicklung!) dieser Technologien nachhaltig senken lassen.

4.) Mit VW entschied sich nun auch der größte deutsche Autobauer für den mittelfristigen Ausstieg aus der fossilen Verbrennungstechnologie. Sollten andere deutsche Autobauer der Strategie von VW folgen, würde Deutschland auch bei dieser globalen Schlüsselindustrie für viele Regionen mit großem Wachstumspotential weitgehend irrelevant. Denn für große Teile Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sind batteriebetriebene PKWs und LKWs aus Kostengründen, aus Gründen der Reichweite und aus Gründen der Infrastruktur auf sehr lange Sicht keine echte Alternative.

5.) Dank einer alles-oder nichts-Strategie grüner Gesinnungsethiker wird Deutschland bei der Frage, ob und wie es der Weltgemeinschaft gelingen kann, die globalen CO2-Emissionen signifikant zu senken, immer weniger die Richtung und das Tempo mitbestimmen können, sondern allenfalls noch eine Nebenrolle spielen. Infantiles „Hüpfen gegen Kohle“ wird womöglich bald symbolisch dafür stehen, wie wirksam und ernstzunehmend deutsche Klimapolitik aus globaler Perspektive ist.

*

[1]Was uns das Phänomen Greta Thunberg über die zunehmende Infantilität unserer politischen Eliten erzählt, bringt Gunnar Jeschke hier sehr gut auf den Punkt: https://www.freitag.de/autoren/gunnar-jeschke/das-phaenomen-greta-thunberg

[2]https://www.youtube.com/watch?v=N3QGgd33kTU

[3]https://de.wikipedia.org/wiki/Strohmann-Argument

[4]http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/co2-macht-die-welt-gruener-a-1089850.html

https://www.deutschlandfunk.de/ueberraschender-klimaeffekt-pflanzen-reagieren-auf-mehr-co2.676.de.html?dram:article_id=416145

[5]http://www.klimanotizen.de/2011.12.23_Sahara_wird_gruener.pdf

[6]Der Physiker und Klimaforscher Jochem Marotzke: […] Weitere Emissionen führen zu einer geringeren C02-Konzentration in der Luft als vermutet. Offenbar verbleibt ein kleinerer Teil der Treibhausgase in der Atmosphäre, weil Wälder und Ozeane mehr davon schlucken als gedacht. […]

      Zitiert aus: „Galgenfrist verlängert“;  DER SPIEGEL, 06.10.2018, S.111

Online: https://www.spiegel.de/plus/klimawandel-galgenfrist-verlaengert-a-00000000-0002-0001-0000-000159786817

[7]https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37187/umfrage/der-weltweite-co2-ausstoss-seit-1751/

[8]https://www.wissenschaft.de/erde-klima/co2-emissionen-steigen-weiter/

https://www.scinexx.de/news/geowissen/co2-ausstoss-steigt-ungebremst/

[9]https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76558/umfrage/entwicklung-der-treibhausgas-emissionen-in-deutschland/

[10]In diesem Sinne wurde schon vor über zehn Jahren argumentiert – beispielsweise hier: http://www.bine.info/publikationen/projektinfos/publikation/kohlendioxid-abtrennen-und-lagern/fazit-und-perspektiven-9/

Auch der Tagesspiegel schreibt „Das Abscheiden und Speichern von CO2 gilt als letzte Chance für den Klimaschutz.“ https://www.tagesspiegel.de/wissen/ccs-technik-endlager-fuer-kohlendioxid/12971980.html

Dass der Ausbau dieser Technologie nicht voran kommt, liegt zu einem guten Teil an den Prioritäten der „Klimarettungs-Industrie“: Ihnen geht es in erster Linie um die Durchsetzung regenerativer Energieträger – und erst in zweiter Linie um die Frage, welche Maßnahmen am ehesten geeignet sich, eine Senkung der globalen CO2-Emissionen zu erreichen.

[11]Vgl. dazu u.a. https://www.welt.de/wirtschaft/article181690102/Bundesrechnungshof-wirft-Regierung-Versagen-bei-Energiewende-vor.html