Papst Benedikt kann heute seinen 92. Geburtstag feiern. Erinnerungen an einen Stellvertreter Christi, der diesen Titel noch verdiente – von David Berger

benedikt xvi

Ein kleiner, fast unscheinbarer Mann, der aus dem Schatten der Kolonaten Berninis in die grelle Sonne des Petersplatzes tritt, um eilig zu seinem Arbeitsplatz zu laufen. Und ein junger Student, der gerade an seiner Promotion arbeitet und ihn dort abgepasst, hat, um ihm kurz die Hand zu geben. Das war meine erste Begegnung mit dem damaligen Kardinal Ratzinger im Jahr 1997.

Kurz zuvor hatte mir ein Diplomat, der damalige Präsident der „Una Voce“, einer internationalen Vereinigung für die traditionelle Liturgie, erzählt, dass Ratzinger gefragt habe, „wer dieser David Berger“ sei. Eine Frage, die meine jugendliche Eitelkeit extrem nährte, aber mit meiner Person gar nichts zu tun hatte. Denn zuvor waren in der wissenschaftlichen Zeitschrift der Una Voce einige Artikel von mir erschienen. Und es war vermutlich das reine Interesse an den Inhalten, das Ratzinger zu der Frage bewegt hatte. Was mir in meiner Eitelkeit natürlich völlig entgangen war.

Als ich mich vorstellte, lächelte er freundlich

…und erst mein Hinweis auf das Engagement für die traditionelle Feier des Gottesdienstes brachte ihn dazu, einige Worte zur Wichtigkeit der Wissenschaftlichkeit diese Einsatzes zu sagen. Um dann rasch weiter zu seinem Arbeitsplatz, der Glaubenskongregation zu eilen.

Dass ich später einmal für kurze Zeit selbst ein kleines Pöstchen unter ihm als oberstem Wächter über die Reinheit des Glaubens bekommen sollte, konnte ich natürlich noch nicht ahnen. Ebenso wenig, dass ich wenige Jahre später zum Professor der Päpstlichen Thomasakademie, deren Ehrenmitglied und Kardinalsprotektor Ratzinger war, werden sollte.

Aber auch bei den weiteren Begegnungen blieb es dabei, dass das Charisma, das diesen Mann umgab, nicht jenes der Macht, sondern das einer hohen Geistigkeit war.

Akademische und politische Titel, Karriere, große Namen – all das schien Ratzinger nicht wirklich zu interessieren. Sein Blick war ganz auf die Inhalte, theologisch gesprochen, die großen Mysterien des Christentums und deren rationale Durchdringung, gerichtet.

Eine der wenigen Filmaufnahmen aus den letzten Monaten:

Jener Blick auf das Wesentliche war es auch, der für ihn die Frage, ob etwas zeitgemäß ist, ob es ankommt und kurzfristig irgendetwas „bringt“, irrelevant werden ließ. Ganz im Gegenteil.

Sein Programm war nicht die wohlgefällige Kuschelkirche, sondern die Catholica, die sich als Stachel im Zeitgeist, als Gegenprogramm gegen die „Welt“ versteht. Die kein „Produkt des Augenblicks“ ist, sondern sich ganz aus ihrer Geschichte, ihrer Tradition heraus nährt. 

Einer Kirche, die mit dieser überlegenen Perspektive immer öfter in Opposition zu gehen hat zu einer „Kultur des Relativismus“, die weitgehend die Weltpolitik bestimmt. Dass es den Mächtigen der Welt, von Merkel bis Obama dabei nicht gefiel, dass er etwa vor der Islamisierung warnte, nahm er bereitwillig in Kauf.

Theozentrisches Weltbild

Dazu gehört ein theozentrisches Weltbild, in dem alles aus der höheren, weisheitlichen Warte seine Erklärung findet. Auch als er vor einigen Tagen noch einmal seine Stimme angesichts der Diskussionen um den sexuellen Missbrauch in der Kirche erhob und eine Perspektive anlegte, die der Vatikanischen Missbrauchskonferenz völlig abhanden gekommen war:

„Im letzten liegt der Grund für den Missbrauchsskandal in der Abwesenheit Gottes“ – und eben nicht im Zölibat oder traditionellen kirchlichen Strukturen: „Eine Gesellschaft, in der Gott abwesend ist – eine Gesellschaft, die ihn nicht kennt und als inexistent behandelt, ist eine Gesellschaft, die ihr Maß verliert.“

Und weiter: „Auch wir Christen und Priester reden lieber nicht von Gott, weil diese Rede nicht praktisch zu sein scheint. Nach der Erschütterung des 2. Weltkriegs hatten wir in Deutschland unsere Verfassung noch ausdrücklich unter die Verantwortung vor Gott als Leitmaß gestellt. Ein halbes Jahrhundert später war es nicht mehr möglich, die Verantwortung vor Gott als Maßstab in die europäische Verfassung aufzunehmen. Gott wird als Parteiangelegenheit einer kleinen Gruppe angesehen und kann nicht mehr als Maßstab für die Gemeinschaft im ganzen stehen. In diesem Entscheid spiegelt sich die Situation des Westens, in dem Gott eine Privatangelegenheit einer Minderheit geworden ist.“

Franziskus als Gegenentwurf zu Benedikt

Ich muss gestehen, dass mir dieser ganz auf Gott, auf das Übernatürliche ausgerichtete Charakterzug Benedikts in seinem ganzen Umfang erst während des Pontifikats seines Nachfolgers so recht deutlich wurde.

Franziskus scheint der komplette Gegenentwurf zu Benedikt zu sein: Intellektuelle Tiefe oder ein kritischer Blick auf die „Welt“ scheinen dem Medienliebling ebenso fremd, wie der Wille, die Gefahren des Islams für Benedikts Idealbild des „christlichen Abendlands“ zu sehen.

Benedikt, vor fünf Jahren zurückgetreten und heute auf 92 Lebensjahre im Dienste seines Herren zurückschauend, bereitet sich derzeit auf seinen Tod vor und verschwindet immer mehr aus unserer Wahrnehmung. Aber sein Programm wird die Zukunft der Kirche bestimmen, wenn sie denn eine haben soll.

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