Der Mensch kann die Wirklichkeit erkennen, aber er kann sie nicht neu erschaffen. Warum der katholische Realismus die radikalste Absage an die Ideologien der Moderne ist. Über einen Vortrag des Oxforder Philosophen Dr. Jan Bentz.
Was bedeutet es heute überhaupt noch, konservativ zu sein? Der Oxforder Philosoph Jan Bentz gibt darauf eine Antwort, die weit über parteipolitische Zuordnungen hinausgeht: Wer konservatives Denken konsequent zu Ende denkt, stößt auf das katholische Weltbild. Denn dort werden Wahrheit, Natur und Ordnung nicht als menschliche Konstruktionen verstanden, sondern als Wirklichkeiten, die dem Menschen vorausliegen. Konservativ kann heute vieles heißen. Ein britischer Tory, ein amerikanischer Republikaner und ein deutscher Katholik können sich gleichermaßen so nennen und dennoch in zentralen Fragen weit auseinanderliegen. Bentz fragt deshalb grundsätzlicher: Was bleibt vom Konservatismus, wenn man ihn nicht über Parteien, Programme und historische Zufälligkeiten definiert?
Seine Antwort lautet: Ein Konservatismus, der seine eigenen Voraussetzungen durchdenkt, findet seine tiefste Entsprechung im katholischen Weltbild. Denn dieses geht von einer Wahrheit aus, die nicht durch Mehrheiten geschaffen wird; von einer Schöpfungsordnung, die dem Menschen vorausliegt; von einer Natur der Dinge, die erkannt, aber nicht beliebig umdefiniert werden kann; und von einer Tradition, die bewahrt, weil sie Wahres empfangen hat. Hier liegt der eigentliche Gegensatz zur Moderne: Der Mensch erschafft die Wirklichkeit nicht. Er findet sie vor.
Gegen den Kult des ewigen Zweifels
Bentz wendet sich zunächst gegen einen Konservatismus, der sich vor allem als Skepsis gegenüber Dogmen und universalen Wahrheitsansprüchen versteht. In diesem Zusammenhang setzt er sich mit Alexander Graus These auseinander, ein erfolgreicher Konservatismus werde „protestantisch sein oder gar nicht sein“. Bentz dreht diese These um. Wenn Konservatismus am Ende nur darin besteht, alles Vorgegebene unter Vorbehalt zu stellen, nähert er sich gerade jenem modernen Emanzipationsdenken an, dem er eigentlich widersprechen will.
Der Zweifel kann Mittel sein, aber nicht letztes Prinzip. Wer alles unablässig hinterfragt, kann am Ende nichts mehr bewahren. Bentz greift deshalb Chestertons bekanntes Bild auf: Der Zweck eines offenen Geistes gleiche dem eines offenen Mundes – er müsse sich irgendwann über etwas Festem schließen. Das betrifft unmittelbar die geistige Situation unserer Zeit. „Kritisch“ zu sein gilt vielfach schon als Tugend an sich. Alles soll dekonstruiert, problematisiert und infrage gestellt werden. Nur nach dem Maßstab dieser Kritik wird immer seltener gefragt.
Das katholische Denken kennt einen solchen Maßstab. „Prüft alles und behaltet das Gute“, heißt es bei Paulus. Prüfung besitzt also ein Ziel. Sie soll zwischen wahr und falsch, gut und böse unterscheiden helfen. Deshalb formuliert Bentz einen entscheidenden Satz: „Das Dogma ist daher nicht das Ende des Denkens, sondern eine seiner Voraussetzungen.“ Wo alles gleichermaßen zur Disposition steht, kann zwar endlos diskutiert, aber kaum noch entschieden werden, was wahr ist.
Einheit ohne Gleichmacherei
Ein zweiter Grundzug katholischen Denkens liegt für Bentz im et – et, im „Sowohl-als-auch“. Gemeint ist damit keine Beliebigkeit, sondern die Fähigkeit, Unterschiede festzuhalten und zugleich in eine übergeordnete Ordnung einzufügen. Bentz verwendet dafür das Bild eines Orchesters. Harmonie entsteht nicht dadurch, dass alle Instrumente dasselbe spielen, sondern dadurch, dass jedes seiner Eigenart entsprechend in das Ganze eingeordnet wird. Philosophisch führt dieser Gedanke zur analogia entis. Einheit verlangt keine Gleichmacherei, Verschiedenheit keine Auflösung. Gott und Schöpfung sind weder identisch noch völlig voneinander getrennt; Natur und Gnade schließen einander nicht aus; Leib und Seele bilden den einen Menschen; Mann und Frau sind verschieden und können gerade aufgrund dieser Verschiedenheit eine Einheit bilden.
Der moderne Geist neigt dagegen dazu, Unterschiede entweder aufzulösen oder absolut zu setzen. Das katholische Denken unterscheidet, um zu ordnen. Darum kann es Tradition und Entwicklung, Freiheit und Verantwortung, Natur und Gnade, Vernunft und Offenbarung zusammendenken, ohne eines gegen das andere auszuspielen.
Freiheit ist nicht Grenzenlosigkeit
Besonders anschaulich wird dies in Bentz’ Deutung der Paradieserzählung. Adam und Eva dürfen von allen Bäumen essen – mit einer einzigen Ausnahme. Die göttliche Ordnung besteht also nicht aus zahllosen Verboten. Sie eröffnet einen weiten Raum der Freiheit, setzt dieser Freiheit aber eine Grenze. Gerade dadurch erhält Freiheit Gestalt. Der moderne Freiheitsbegriff setzt dagegen Freiheit immer häufiger mit Grenzenlosigkeit gleich. Wirklich frei soll nur sein, wer keine Natur, keinen Leib, keine geschichtliche Bindung und keine von ihm unabhängige moralische Ordnung anerkennen muss.
Das katholische Denken beginnt am entgegengesetzten Ende. Freiheit heißt nicht, Wirklichkeit abzuschaffen, sondern innerhalb der Wirklichkeit das Gute wählen zu können. Bentz formuliert diesen Gedanken auch am Verhältnis von Glaube und Vernunft. Der katholische Glaube nimmt auf, „was wahr, gut und schön ist“, sofern es nicht im Widerspruch zur geoffenbarten Ordnung steht. Deshalb konnten Albert der Große und Thomas von Aquin heidnische, jüdische und islamische Philosophen lesen, aufnehmen und kritisieren. Katholizität ist universal, weil sie das Wahre nicht danach beurteilt, aus welchem Lager es stammt.
Tradition ist Weitergabe
Besonders eng begegnen sich katholisches und konservatives Denken im Begriff der Tradition. Tradition ist nicht die mechanische Wiederholung vergangener Formeln. Sie ist traditio, Weitergabe. Was empfangen wurde, wird bewahrt, durchdrungen und weitergegeben. Deshalb steht echte Entwicklung nicht im Gegensatz zur Tradition. Bentz beruft sich hier auf Benedikt XVI. und die Hermeneutik der Reform in Kontinuität. Entwicklung besitzt eine Identität. Sie entfaltet etwas, das bereits vorhanden ist; sie ersetzt es nicht durch etwas völlig anderes.
Das unterscheidet konservatives von revolutionärem Denken. Die revolutionäre Mentalität betrachtet das Überlieferte zunächst als Last, von der man sich befreien müsse. Der Konservative fragt dagegen, weshalb bestimmte Ordnungen entstanden sind, was sie bewahrt haben und was verloren geht, wenn man sie zerstört. Das bedeutet nicht, alles Alte für gut zu halten. Bentz spricht von einer „kritischen Reverenz gegenüber der Vergangenheit“. Der Konservative weiß, dass die Vorfahren irren konnten. Er weiß aber auch, dass die Gegenwart kein Privileg auf Wahrheit besitzt.
Realismus gegen Ideologie
Den stärksten Punkt erreicht Bentz dort, wo er den katholischen Realismus der Ideologie gegenüberstellt. Unter Berufung auf Étienne Gilson formuliert er: „Im Realismus bestimmt die Realität die Methode und es ist nicht die Methode, die die Realität definiert.“ Der Realist beginnt mit dem, was ist, und richtet sein Denken danach aus. Der Ideologe beginnt mit einem System und verlangt anschließend von der Wirklichkeit, sich diesem System zu fügen.
Genau darin liegt die Gefahr der großen modernen Ideologien. Der Marxist sieht nicht zuerst den konkreten Menschen, sondern den Angehörigen einer Klasse. Die Gender-Ideologie nimmt den gegebenen männlichen oder weiblichen Leib nicht als Ausgangspunkt, sondern als etwas, das einer selbstdefinierten Identität untergeordnet werden kann. Der Transhumanismus betrachtet natürliche Grenzen des Menschen als technische Defizite. Immer kehrt dieselbe Versuchung wieder: Nicht das Denken soll sich nach der Wirklichkeit richten, sondern die Wirklichkeit nach dem Denken.
Das katholische Weltbild kehrt dieses Verhältnis um. Die Welt ist Schöpfung. Sie besitzt eine Ordnung, bevor wir über sie verfügen. Der Mensch besitzt eine Natur, bevor Parlamente Definitionen beschließen. Mann und Frau existieren, bevor Theorien über Geschlecht entwickelt werden. Das ungeborene Kind besitzt seine Würde, bevor Gerichte sie anerkennen. Der Mensch erkennt Wirklichkeit. Er erzeugt sie nicht. Genau darin liegt der konservative Kern katholischen Denkens.
Wahrheit ist gegeben
Das letzte Prinzip führt die vorherigen zusammen. Bentz unterscheidet zwischen Wahrheit als datum und Wahrheit als factum: Wahrheit ist gegeben, nicht gemacht. Sein Bild dafür ist einprägsam: Der Mensch kann eine Landkarte zeichnen, aber er baut nicht die Landschaft. Die Karte kann falsch sein. Die Landschaft ändert sich dadurch nicht.
Unsere Zeit versucht dagegen immer häufiger, Wirklichkeit durch Sprache neu zu ordnen. Aus Abtreibung wird „reproduktive Gesundheit“, aus der Auflösung der Geschlechter „Vielfalt“, aus Zensur der „Schutz vor Desinformation“. Begriffe sollen nicht mehr Wirklichkeit beschreiben, sondern sie politisch verändern. Bentz besteht dagegen auf dem Ernst des Wortes. Sprache muss sich an der Wirklichkeit bewähren, nicht umgekehrt. Dahinter steht ein zutiefst katholischer Gedanke: Das Sein wird empfangen. Der Mensch ist nicht dessen Urheber.
Das konservative Denken schlechthin
Von hier aus lässt sich die Ausgangsfrage beantworten. Konservativ sein heißt nicht, unterschiedslos alles Alte zu verteidigen oder sich in ein goldenes Zeitalter zurückzuträumen. Bentz formuliert es präziser: Konservativ sein bedeutet, „die Wirklichkeit als gegebene Realität anzunehmen“ und weder nostalgisch in die Vergangenheit noch utopisch in die Zukunft zu fliehen.
Damit erhält der Konservatismus ein Fundament, das stärker ist als Milieu, Geschmack oder politische Zweckmäßigkeit. Der Konservative verteidigt die Familie nicht deshalb, weil es sie schon lange gibt, sondern weil sie in der Natur des Menschen gründet. Er verteidigt Mann und Frau nicht aus Nostalgie, sondern weil der menschliche Leib eine Wirklichkeit besitzt, die unserer Verfügung vorausliegt. Er verteidigt das Lebensrecht des ungeborenen Kindes nicht aus Gewohnheit, sondern weil dessen Menschsein nicht von unserer Anerkennung abhängt.
Und der Katholik bewahrt das überlieferte Glaubensgut nicht, weil er Angst vor Veränderung hätte, sondern weil er es empfangen hat. Am Ende seines Vortrags fasst Bentz seine These in einem Satz zusammen: „Der Konservative ist katholisch und der Katholische ist konservativ.“
Dieser Satz ist nicht parteipolitisch gemeint. Er zielt tiefer. Wo der Mensch anerkennt, dass Wahrheit vor ihm da ist, dass Freiheit Ordnung braucht, dass die Natur nicht sein Produkt ist, dass Tradition Erkenntnis transportiert und dass Wirklichkeit sich nicht nach unseren Wünschen richtet, denkt er bereits in Kategorien, die im katholischen Weltbild ihre geschlossenste Form gefunden haben. Das katholische Denken ist deshalb nicht nur eine Spielart konservativen Denkens. Es ist, folgt man Bentz’ Argumentation, das konservative Denken schlechthin.
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