(David Berger) Auf dem Trafalgar Square, dem steingewordenen Symbol britischer Selbstbehauptung, wird die postkoloniale Selbstanklage nun öffentlich inszeniert. Während Admiral Nelson noch immer über London wacht, arbeiten seine Nachfahren mit erstaunlichem Eifer daran, jene Geschichte moralisch abzuwickeln, auf die frühere Generationen einmal stolz waren.
Es gibt Orte, deren historische Bedeutung so eindeutig ist, dass man einigen Ehrgeiz aufbringen muss, um sie gegen den Strich zu lesen. Der Trafalgar Square gehört dazu. Benannt nach jener Seeschlacht von 1805, in der Admiral Horatio Nelson die französisch-spanische Flotte vernichtend schlug und damit die britische Vorherrschaft auf den Weltmeeren sicherte, gehört der Platz zum steingewordenen Gedächtnis eines Großbritannien, das sich seiner selbst, seiner Geschichte und seiner Stellung in der Welt noch ziemlich sicher war. Über dem Platz steht Nelson auf seiner mehr als fünfzig Meter hohen Säule, zu seinen Füßen erinnern Bronzereliefs an seine Siege, die berühmten Löwen bewachen das Monument. Rundherum begegnet man weiteren Gestalten jener britischen Geschichte, die nach den Maßstäben unserer Gegenwart vermutlich dringend einer postkolonialen Therapie bedarf.
„Woman of colour“
Ausgerechnet an diesem Ort steht nun auf dem vierten Sockel die „Lady in Blue“ der amerikanischen Künstlerin Tschabalala Self, eine 3,5 Meter hohe schwarze Frau im blauen Kleid. Selbstverständlich hat niemand Nelson vom Sockel gestoßen, und der vierte Sockel ist seit 1999 wechselnden zeitgenössischen Kunstwerken vorbehalten. Entscheidend ist daher nicht, was dort abgeräumt wurde, sondern was unsere Gegenwart ausgerechnet an diesem Ort aufstellen möchte. Die offizielle Erklärung der Londoner Stadtverwaltung lässt daran wenig Zweifel. Die Figur soll eine junge großstädtische „woman of colour“ verkörpern, eine moderne „Everywoman“, und selbstverständlich fallen dabei jene Vokabeln, ohne die heute kaum noch ein kulturpolitisches Projekt zwischen London, Berlin und Brüssel auskommt: „representation“, „equity“, gemeinsame Gegenwart und gemeinsame Zukunft. Man könnte fast meinen, die Statue habe vor ihrer Aufstellung noch ein Diversity-Seminar absolviert.
Damit erhält sie auf dem Trafalgar Square eine Bedeutung, die sie auf irgendeinem Platz eines Londoner Neubauviertels niemals besitzen könnte. Hier tritt das Selbstverständnis des gegenwärtigen Großbritannien unmittelbar neben die steinernen und bronzenen Zeugnisse jenes alten Großbritannien, das Weltgeschichte schrieb, ohne sich anschließend von einer Antidiskriminierungsbeauftragten erklären zu lassen, ob es dies überhaupt gedurft habe.
Die Vergangenheit auf der Anklagebank
Natürlich war das britische Empire kein moralisches Ferienlager. Es gab Gewalt, Unterdrückung, wirtschaftliche Ausbeutung und schweres Unrecht. Ebenso unseriös ist allerdings eine Geschichtsbetrachtung, die aus mehreren Jahrhunderten britischer Weltgeltung im Wesentlichen eine Anklageschrift gegen Kolonialismus, Rassismus und weiße Vorherrschaft macht und dabei Rechtsordnung, Wissenschaft, Infrastruktur, Welthandel sowie nicht zuletzt die britische Rolle bei der Bekämpfung des internationalen Sklavenhandels allenfalls am Rande erwähnt. Genau darin liegt das Problem der postkolonialen Erinnerungskultur: Nicht die kritische Betrachtung der eigenen Vergangenheit kennzeichnet sie, sondern die Unfähigkeit, zur eigenen Geschichte noch ein anderes Verhältnis als das des moralischen Verdachts zu entwickeln.
Andere Völker dürfen ihre Helden verehren, ihre Siege feiern und ihre kulturellen Leistungen als Bestandteil ihrer Identität betrachten. Beim Europäer hingegen soll bereits der Stolz auf die eigene Zivilisation den Verdacht wecken, dass hier womöglich dringend ein Workshop gegen strukturellen Rassismus erforderlich ist. Je stärker sich Europa seiner historischen Identität entledigt, desto moralischer hält es sich dabei. Die Selbstverachtung erscheint als Aufklärung, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses als Fortschritt und die Abwicklung des eigenen historischen Selbstbewusstseins als Weltoffenheit. Dass dies ausgerechnet am Trafalgar Square sichtbar wird, besitzt eine fast vollkommene Ironie.
Nelson und seine Erben
Nelsons Großbritannien wusste, dass Staaten Interessen haben, dass Kulturen nicht im luftleeren Raum existieren und dass eine Nation, die sich behaupten will, bereit sein muss, für ihre Existenz einzustehen. Das heutige Großbritannien beschäftigt sich dagegen mit der Frage, wie viel von seinem historischen Selbstverständnis noch entsorgt werden muss, bevor niemand mehr Anstoß an seiner Vergangenheit nehmen könnte. Selbst ein wohlwollender Kritiker des „Guardian“, der die „Lady in Blue“ ausdrücklich lobte, verglich die gesellschaftspolitisch aufgeladenen Reden bei ihrer Enthüllung mit „Soviet propaganda“. Das trifft einen Zug der Gegenwartskunst recht genau: Sie möchte dem Betrachter nicht mehr nur etwas zeigen, sondern ihm zugleich mitteilen, was er darüber zu denken hat. Selbst eine Bronzefigur kommt kaum noch ohne Gebrauchsanweisung für die richtige gesellschaftspolitische Haltung aus.
Eine Zivilisation kann ihre Verbrechen kennen, ohne ihre Helden zu verachten; sie kann historisches Unrecht benennen, ohne ihre Geschichte darauf zu reduzieren, und sie kann Menschen unterschiedlicher Herkunft integrieren, ohne deshalb ihre eigene kulturelle Identität zur Verhandlungsmasse zu erklären. Der Trafalgar Square erzählt inzwischen zwei Geschichten. Die eine handelt von einem Land, das die Weltmeere beherrschte, seine Interessen verteidigte und seine Helden auf monumentale Säulen stellte. Die andere handelt von dessen Nachkommen, die vor diesen Säulen stehen und darüber nachdenken, wie sie sich für die Welt ihrer Vorfahren nachträglich entschuldigen können.
Schuld, Scham und postkoloniale Belehrung
Das britische Empire wurde von seinen Gegnern nicht militärisch niedergerungen. Doch die nachträgliche moralische Demontage seiner Geschichte besorgen die Briten inzwischen selbst – mit öffentlichen Geldern, feierlichen Ansprachen und einem umfangreichen Vokabular aus Diversität, Repräsentation und Gerechtigkeit. Ausgerechnet auf dem Trafalgar Square, dem steingewordenen Symbol britischer Selbstbehauptung, wird die postkoloniale Selbstanklage nun öffentlich inszeniert. Während Admiral Nelson noch immer über London wacht, arbeiten seine Nachfahren mit erstaunlichem Eifer daran, das historische Selbstbewusstsein Großbritanniens durch Schuld, Scham und postkoloniale Belehrung zu ersetzen.
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