(David Berger) Wenige Tage vor Jom Kippur wird ein Brandanschlag auf die Wuppertaler Synagoge verübt. Der Tatverdächtige: ein polizeibekannter Afghane. Während der Zentralrat der Juden ganz allgemein vor der „Normalisierung des Judenhasses“ warnt, bleibt eine Frage auffällig ausgespart: Welche Rolle spielt der mit der Massenzuwanderung und damit verbundenen Islamisierung nach Deutschland gelangte Antisemitismus?
Man stelle sich für einen Augenblick vor, der mutmaßliche Täter wäre ein deutscher Rechtsextremist. Vermutlich stünde Bundeskanzler Friedrich Merz längst vor der Synagoge, umgeben von Kameras, Betroffenheitsmienen und den unvermeidlichen Bekenntnissen zum „Nie wieder“. Nachrichtensendungen würden Sonderschichten fahren, Politiker sich mit Solidaritätsadressen überbieten und Demonstrationen gegen Rechts organisiert. Am besten noch vor den zwei anstehenden Landtagswahlen.
In Wuppertal blieb die ganz große bundespolitische Inszenierung bislang aus. Dabei ist das Geschehen eindeutig ernst. Gegen 14 Uhr soll ein Mann am Donnerstag an der Bergischen Synagoge in Wuppertal-Barmen brennbare Flüssigkeit ausgebracht und angezündet haben. Das Feuer konnte schnell gelöscht werden. Der Verdächtige wurde in Tatortnähe festgenommen. Nach Angaben der Polizei handelt es sich um einen 37 Jahre alten, polizeibekannten Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit. Nach ersten Erkenntnissen handelte er allein; der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen. Der Zeitpunkt verschärft die Bedeutung des Anschlags: In drei Tagen beginnt Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag.
„Normalisierung des Judenhasses“ – aber woher kommt er?
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, fand deutliche Worte. Ihn verstöre die „Seelenruhe“, mit der der Täter am helllichten Tag vorgegangen sei. Das Geschehen bezeuge eine „fortschreitende Normalisierung des Judenhasses“. Schuster stellte den Anschlag zudem ausdrücklich in eine Reihe mit antisemitischen Angriffen an jüdischen Feiertagen. Doch gerade deshalb fällt auf, was in dieser Stellungnahme wieder einmal nicht vorkommt: die afghanische Herkunft des Tatverdächtigen, muslimischer Antisemitismus, Migration, die Frage, ob Deutschland mit der Zuwanderung aus Gesellschaften, in denen antisemitische Einstellungen weit verbreitet sind, ein zusätzliches Problem bekommen hat. Deutschland hat sich daran gewöhnt, beim Stichwort Antisemitismus reflexartig nach rechts zu schauen. Und dann seit neuestem selbst islamistische Angriffe – wie beim CSD – zu rechten umdefinieren. So als hätte die AfD den Import von Islamisten zum wichtigsten Anliegen ihres Parteiprogramms gemacht. Jüdisches Leben in Deutschland ist dadurch alles andere als sicherer geworden.
Am Donnerstagabend versammelten sich nach Angaben des WDR lediglich knapp 30 Menschen zu einer spontanen Mahnwache vor der Synagoge. Darunter waren Vertreter verschiedener Parteien und Glaubensgemeinschaften; weitere Aktionen wurden für Freitag angekündigt. Von völliger Gleichgültigkeit kann also nicht gesprochen werden. Aber angesichts eines Brandanschlags auf eine Synagoge unmittelbar vor Jom Kippur bleibt die überschaubare erste Reaktion bemerkenswert. Wo sind die großen, von steuerfinanzierten NGOs kurzfristig auf die Beine gestellten Demonstrationen? Wo die Spitzen der Bundesregierung? Wo die großen gesellschaftlichen Bündnisse? Wo die stundenlangen Fernsehdiskussionen über die geistigen und gesellschaftlichen Hintergründe des Antisemitismus? Die Frage drängt sich geradezu auf: Wie sähe Deutschland heute Morgen aus, hätte die Polizei statt eines polizeibekannten Afghanen einen polizeibekannten Rechtsextremisten festgenommen?
Wuppertal hat eine Vorgeschichte
Besonders bitter: Es ist nicht der erste Brandanschlag auf diese Synagoge. Bereits 2014 wurde das Gotteshaus mit selbstgebauten Brandsätzen angegriffen. Die Täter waren drei junge Palästinenser; sie wurden unter anderem wegen versuchter schwerer Brandstiftung zu Haftstrafen verurteilt. Ein Blick zurück zeigt zugleich, welche gesellschaftliche Wirkung ein antisemitischer Brandanschlag entfalten kann: Am 25. März 1994 setzten vier junge Männer die Lübecker Synagoge in Brand. Das Gericht stellte später den antisemitischen Charakter der Tat fest; mindestens einer der Täter hatte Material der rechtsextremen DVU bezogen. Dabei handelt es sich um den bislang letzten wirklichen Brandanschlag auf eine Synagoge in Deutschland, an dem auch ein „Rechter“ beteiligt war. Das Entsetzen war bundesweit groß, internationale Medien berichteten, und bereits am folgenden Tag demonstrierten in Lübeck mehrere Tausend Menschen gegen Rassismus und Antisemitismus.
Das war richtig. Und genau dieser Maßstab sollte auch heute gelten: Die gesellschaftlichen und ideologischen Hintergründe des Antisemitismus dürfen nicht nur dann mit größter Aufmerksamkeit untersucht werden, wenn die Spur wirklich oder vermeintlich nach rechts führt. Wer heute über Judenhass spricht, darf deshalb nicht so tun, als gäbe es nur eine einzige Quelle. Es gibt rechtsextremen Antisemitismus. Es gibt inzwischen noch viel häufiger und fast hoffähig geredeten, linken und israelbezogenen Antisemitismus. Und es gibt vor allem einen ungebremsten Judenhass in zahllosen Teilen muslimisch geprägter Milieus.
Der blinde Fleck der deutschen Antisemitismusdebatte
Gerade seit dem 7. Oktober 2023 lässt sich die Frage nach Antisemitismus in muslimisch geprägten Milieus ohnehin nicht mehr seriös aus der öffentlichen Diskussion heraushalten. Der Hass auf Israel, antisemitische Parolen und offene Sympathiebekundungen für die Hamas haben deutlich gemacht, dass der Antisemitismus in Deutschland nicht ausschließlich aus jenem Milieu kommt, auf das Politik und Medien jahrzehntelang beinahe exklusiv fixiert waren. Umso merkwürdiger wirkt die Sprachlosigkeit, sobald ein konkreter Fall nicht in das eingeübte politische Raster passt. Josef Schuster hat recht, wenn er vor einer „fortschreitenden Normalisierung des Judenhasses“ warnt. Aber dann muss die nächste Frage lauten: Welcher Judenhass normalisiert sich – und in welchen Milieus? So lange er diese Frage nicht stellt und ehrlich beantwortet, verrät er seine eigenen Leute in einer höchst kritischen Stunde.

Der Wuppertaler Anschlag sollte deshalb Anlass sein, die Debatte über Antisemitismus ohne politische Scheuklappen und Instrumentalisierungen zu führen. Kein Mensch steht aufgrund seiner Herkunft oder Hautfarbe unter Kollektivverdacht.
Aber ebenso wenig verschwindet muslimisch geprägter Judenhass und die darauf folgende Gewalt dadurch, dass Politik und Öffentlichkeit aus lauter Angst, dass sich die Islamophobie-Schreier aufregen, möglichst gar nicht über diese immer mehr um sich greifenden Phänomene sprechen. So lange dies nicht geschieht sind die Tränen von Merz und Co zu diesem Problem extrem verlogen.
***
Wir verzichten auf Paywall und aufdringliche Pop-Ups – Bitte vergessen Sie uns trotzdem nicht: Ohne Ihre Hilfe kann hier kein einziger Satz erscheinen:
Oder per Überweisung auf
David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung
ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)
Entdecke mehr von Philosophia Perennis
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.









Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.