Mehr Christen als Kommunisten: Das stille Wunder Chinas

(David Berger) Während in Deutschland Kirchen geschlossen werden, Pfarreien fusionieren und jedes Jahr Hunderttausende der Kirche den Rücken kehren, könnte sich in China eine Entwicklung vollziehen, die vor wenigen Jahrzehnten kaum jemand für möglich gehalten hätte: Die Zahl der Christen könnte inzwischen die Zahl der Mitglieder der Kommunistischen Partei erreicht oder sogar übertroffen haben.

Gesichert ist zunächst die Größenordnung der Partei. Die Kommunistische Partei Chinas zählt mittlerweile mehr als 100 Millionen Mitglieder. Sie ist damit die größte kommunistische Partei der Welt und bildet das Machtzentrum eines Staates, der sich bis heute ausdrücklich auf den Marxismus-Leninismus beruft. Die Zahl der Christen dagegen entzieht sich einer exakten Erfassung. Der Grund ist einfach: Millionen Gläubige erscheinen in keiner staatlichen Statistik. Sie versammeln sich in protestantischen Hauskirchen oder gehören zu jenem Teil des chinesischen Katholizismus, der sich jahrzehntelang staatlicher Kontrolle widersetzte und gewöhnlich als katholische Untergrundkirche bezeichnet wird.

Unabhängige Religionssoziologen wie Fenggang Yang sowie internationale Forschungsinstitute gehen deshalb seit Jahren von erheblich höheren Zahlen aus, als die offiziellen chinesischen Statistiken erkennen lassen. Schätzungen von mehr als 100 Millionen Christen sind im Umlauf. Sollte diese Größenordnung zutreffen, könnte es in China heute tatsächlich mehr Christen als Mitglieder der Kommunistischen Partei geben. Als statistisch gesicherte Tatsache darf man dies allerdings nicht ausgeben. Zu groß sind die Unsicherheiten, die gerade aus der Existenz nicht registrierter Gemeinden entstehen. Doch schon die Möglichkeit einer solchen Entwicklung besitzt eine gewaltige historische Symbolkraft.

Der große Irrtum des Marxismus

Karl Marx bezeichnete die Religion bekanntlich als „Opium des Volkes“. Nach marxistischer Geschichtsphilosophie sollte sie mit zunehmendem wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt allmählich verschwinden. Religion erschien als Überbleibsel einer vergangenen Epoche, deren soziale Voraussetzungen eines Tages beseitigt sein würden. Die Geschichte hat diese Erwartung nicht erfüllt.

Nicht nur in Polen, Litauen oder der ehemaligen Sowjetunion überlebte der christliche Glaube Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft. Auch in China hat sich der Versuch, Religion durch staatlichen Atheismus zu ersetzen, als weit weniger erfolgreich erwiesen, als die Parteiführung gehofft hatte. Nach den Verwüstungen der Kulturrevolution, in der Kirchen zerstört, Geistliche verfolgt und Christen öffentlich gedemütigt wurden, entwickelte sich seit den 1980er Jahren ein erstaunlicher religiöser Aufbruch. Ganze Familien fanden zum Glauben, Bibeln wurden heimlich weitergegeben, Hauskirchen entstanden in Wohnungen, Fabrikhallen und abgelegenen Dörfern.

Ausgerechnet unter der Herrschaft einer Partei, deren Weltanschauung die Religion für historisch überholt erklärt hatte, erwies sich das religiöse Bedürfnis des Menschen als unausrottbar. Vielleicht zeigt sich hier besonders deutlich der anthropologische Irrtum des Marxismus. Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein. Wirtschaftlicher Fortschritt, Konsum und technologische Modernisierung beantworten nicht die Fragen nach Schuld und Tod, Wahrheit und Ewigkeit, nach dem Sinn des Leidens und dem letzten Ziel menschlichen Lebens.

Die Kraft der verfolgten Kirche

Die Geschichte der Kirche kennt dieses Phänomen seit ihren Anfängen. Der Kirchenvater Tertullian brachte es bereits um das Jahr 200 auf die berühmte Formel: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Christen.“ Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Kirchengeschichte. Wo Christen gesellschaftliche Privilegien verlieren oder sogar verfolgt werden, wird der Glaube keineswegs zwangsläufig schwächer. Nicht selten geschieht das Gegenteil: Er wird entschiedener, ernster und glaubwürdiger gelebt.

China liefert dafür eindrucksvolle Beispiele. Protestantische Hauskirchen entzogen sich über Jahrzehnte staatlicher Kontrolle. Katholische Bischöfe, Priester und Laien nahmen Gefängnis, Arbeitslager, Berufsverbote und gesellschaftliche Benachteiligungen in Kauf, weil sie sich weigerten, die Freiheit der Kirche dem kommunistischen Staat zu überlassen.

Gerade hier beginnt jedoch eines der schmerzlichsten Kapitel der jüngeren katholischen Kirchengeschichte. Seit den 1950er Jahren versuchte Peking, mit der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung eine staatlich kontrollierte kirchliche Struktur zu etablieren. Besonders schwer wog die Ernennung und Weihe von Bischöfen ohne päpstliche Zustimmung.

Von einer schlicht „schismatischen Staatskirche“ zu sprechen, wäre kirchenrechtlich dennoch zu pauschal. Benedikt XVI. betonte in seinem großen Brief an die Katholiken Chinas von 2007, dass die Kirche in China trotz ihrer schweren inneren Spannungen nicht einfach aus zwei voneinander getrennten Kirchen bestehe. Doch hinter dem Konflikt stand eine fundamentale Frage katholischer Ekklesiologie: Wer besitzt die Autorität über die hierarchische Ordnung der Kirche? Christus und die von ihm gestiftete Kirche – oder die Kommunistische Partei? Für zahlreiche chinesische Katholiken war die Antwort eindeutig. Sie hielten Rom die Treue. Bischöfe und Priester verbrachten Jahre, manche sogar Jahrzehnte in Gefängnissen und Arbeitslagern. Gläubige feierten die heilige Messe heimlich in Wohnungen. Familien nahmen gesellschaftliche Nachteile in Kauf. Sie taten dies gerade deshalb, weil sie überzeugt waren, dass die katholische Kirche niemals zu einer religiösen Unterabteilung eines atheistischen Staates werden darf. Umso bitterer ist, was anschließend geschah.

Kardinal Zen: die Stimme der Enttäuschten

2018 schloss der Heilige Stuhl mit der Volksrepublik China ein vorläufiges Abkommen über die Ernennung von Bischöfen. Seine genauen Bestimmungen wurden bis heute nicht veröffentlicht. Das Abkommen wurde mehrfach verlängert, zuletzt 2024 sogar für weitere vier Jahre. Rom hoffte offensichtlich, damit die jahrzehntelangen Konflikte zu entschärfen, die Einheit der chinesischen Katholiken zu fördern und wenigstens einen gewissen Einfluss auf die Ernennung der Bischöfe zu bewahren.

Diese Absicht muss man der vatikanischen Diplomatie zugestehen. Doch für viele Katholiken der Untergrundkirche musste das Ergebnis wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Denn ausgerechnet jene staatlich kontrollierten kirchlichen Strukturen, von denen sie sich unter großen Opfern ferngehalten hatten, erfuhren nun eine erhebliche Aufwertung. Zugleich nahm Papst Franziskus zuvor ohne päpstliches Mandat geweihte Bischöfe in die volle kirchliche Gemeinschaft auf.

Damit entstand eine bittere historische Paradoxie: Katholiken hatten Gefängnis, Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung auf sich genommen, weil sie sich weigerten, einer vom kommunistischen Staat kontrollierten Kirchenstruktur zu folgen – und nun suchte ausgerechnet der Vatikan selbst einen modus vivendi mit diesem System.

Kaum jemand hat diese Entwicklung so entschieden kritisiert wie Kardinal Joseph Zen, der emeritierte Bischof von Hongkong. Für Zen bedeutete die neue vatikanische China-Politik weit mehr als einen diplomatischen Kompromiss. Er sah darin die Gefahr, dass ausgerechnet jene Katholiken im Stich gelassen würden, die jahrzehntelang wegen ihrer Treue zu Rom verfolgt worden waren. Damit stellte Zen eine Frage, die sich nicht einfach mit diplomatischen Formeln beantworten lässt: Was soll ein Priester denken, der wegen seiner Weigerung, sich einer staatlich kontrollierten Kirchenorganisation anzuschließen, Jahre im Gefängnis verbracht hat, wenn Rom anschließend selbst mit eben diesem System einen Ausgleich sucht?

Treu zu Rom – und von Rom verlassen?

Besonders problematisch ist, dass die erhoffte größere Freiheit der Kirche keineswegs eingetreten ist. Unter Xi Jinping wurde die staatliche Religionspolitik vielmehr erneut verschärft. Kirchen und Gemeinden wurden unter Druck gesetzt, Geistliche zur Registrierung gedrängt und religiöse Gemeinschaften der sogenannten „Sinisierung“ unterworfen. Dieser Begriff klingt zunächst harmlos. Eine echte Inkulturation des Christentums in die chinesische Kultur wäre sogar selbstverständlich und wünschenswert. Doch die staatlich verlangte Sinisierung bedeutet etwas anderes: Religion soll mit den politischen und ideologischen Vorgaben der Kommunistischen Partei vereinbar gemacht werden. Genau hier liegt die Grenze, die eine katholische Kirche nicht überschreiten darf.

Hinzu kommt, dass Peking bei Bischofsernennungen auch nach Abschluss des Abkommens wiederholt eigenmächtig vorging und den Vatikan damit vor vollendete Tatsachen stellte. Das wirft die Frage auf, welchen tatsächlichen politischen und kirchlichen Gewinn Rom für seine weitreichenden Zugeständnisse erhalten hat. Gemessen an der Religionsfreiheit und besonders am Schicksal der romtreuen Untergrundkatholiken fällt die Bilanz jedenfalls ernüchternd aus. Nebenbei stellt sich auch noch die Frage, ob man in Rom mit zweierlei Maß  misst: Strenge Strafen angesichts der unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft und ein zugedrücktes Auge bei jenen Bischofsweihen, die von einem kommunistischen Regime bestimmt sind.

Das verleiht der Geschichte der chinesischen Untergrundkirche eine beinahe tragische Dimension. Diese Menschen hielten Rom die Treue, als diese Treue Gefängnis, Berufsverbot und Verfolgung bedeuten konnte. Gerade in dem Augenblick aber, in dem sie auf die Solidarität Roms angewiesen waren, mussten manche von ihnen den Eindruck gewinnen, ihre jahrzehntelangen Opfer würden auf dem Altar vatikanischer Diplomatie geopfert.

Man muss nicht jedes Urteil Kardinal Zens teilen, um seine zentrale Frage ernst zu nehmen: Was wird aus der Glaubwürdigkeit der Kirche, wenn diejenigen, die für ihre Treue zu ihr gelitten haben, am Ende den Eindruck gewinnen müssen, von eben dieser Kirche im Stich gelassen worden zu sein? Vielleicht liegt gerade darin die besondere Größe dieser chinesischen Katholiken: Sie blieben der Kirche treu, als Peking diese Treue bestrafen wollte – und viele von ihnen blieben ihr sogar dann treu, als sie sich von Rom selbst nicht mehr verstanden fühlten. Damit teilen sie das Schicksal der Gläubigen der Piusbruderschaft, die für sich in Anspruch nehmen, dem „Ewigen Rom“ die Treue zu halten.

Eine Lektion für Europa

Der Blick nach China wirft zugleich ein grelles Licht auf Europa. Hier wird häufig behauptet, die moderne Gesellschaft habe den christlichen Glauben überwunden. Gleichzeitig zeigen Christen in einem autoritär regierten kommunistischen Staat, dass sie bereit sind, persönliche Nachteile und teilweise sogar Verfolgung in Kauf zu nehmen, um Christus nachzufolgen.

Das stellt auch den europäischen Katholizismus vor eine unbequeme Frage. Ist unser Glaubensschwund tatsächlich zwangsläufige Folge von Wissenschaft, Aufklärung und Modernisierung? Oder liegt er nicht auch daran, dass sich große Teile des europäischen Christentums der säkularen Gesellschaft derart angepasst haben, dass kaum noch erkennbar ist, wozu man dieses Christentum überhaupt braucht? China zeigt jedenfalls: Modernisierung führt nicht zwangsläufig zum Verschwinden der Religion. Und vielleicht gilt noch etwas anderes: Wo das Christentum nichts mehr kostet, verliert es leicht seine Überzeugungskraft. Wo es dagegen Opfer verlangt, gewinnt es nicht selten an Glaubwürdigkeit.

Ob China die Schwelle von 100 Millionen Christen tatsächlich bereits überschritten hat, lässt sich derzeit nicht mit letzter Sicherheit sagen. Noch weniger lässt sich exakt bestimmen, wie viele dieser Christen katholisch sind oder den verschiedenen protestantischen Hauskirchen angehören. Die verbreitete Behauptung „In China gibt es inzwischen mehr Christen als Kommunisten“ sollte deshalb nicht als zweifelsfrei erwiesene statistische Tatsache präsentiert werden. Aber sie beschreibt eine Entwicklung, deren historische Bedeutung kaum zu überschätzen ist: Ausgerechnet in einem Land, dessen herrschende Ideologie die Religion für ein Relikt der Vergangenheit hält, könnte inzwischen eine der größten christlichen Bevölkerungen der Erde leben.

Während Europa Kirchen schließt, falls sie nicht vorher von Christenhassern niedergebrannt wurden, wachsen in China christliche Gemeinden. Während westliche Theologen und gleichgeschaltete Bischöfe darüber diskutieren, wie sich die Kirche noch stärker dem Zeitgeist anpassen kann, riskieren chinesische Christen ihre gesellschaftliche Existenz dafür, sich diesem Zeitgeist – dort in Gestalt einer kommunistischen Staatsideologie – gerade nicht zu unterwerfen. Und während die vatikanische Diplomatie glaubt, durch Abkommen und Zugeständnisse kirchliche Handlungsspielräume sichern zu können, erinnern die einfachen Gläubigen der chinesischen Untergrundkirche an eine ältere Wahrheit des Christentums. Tertullians bereits zitiertes Wort hat nach beinahe zwei Jahrtausenden nichts von seiner provozierenden Aktualität verloren: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Christen.“

Vielleicht liegt darin das eigentliche stille Wunder Chinas. Der Kommunismus wollte den Glauben überwinden. Doch diese Katholiken widerstanden der Gleichschaltung. Dadurch könnte die Zahl der Christen inzwischen selbst die Mitgliederzahl der Kommunistischen Partei erreicht oder übertroffen haben. Ideologien kommen und gehen. Das Kreuz bleibt.

***

PP w ist dringend auf Ihre finanzielle Unterstützung angewiesen. Wenn Sie helfen könnten wäre dies ganz großartig:

PAYPAL (Stichwort Schenkung)

Oder per Überweisung auf

David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung

ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)

David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

Trending

VERWANDTE ARTIKEL