(David Berger) Nach den unerlaubten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat der Vatikan die erwarteten Exkommunikationen ausgesprochen. Doch löst Rom damit wirklich die Krise – oder lenkt der entschlossene Griff zum Kirchenrecht von den tieferen Glaubenskonflikten ab, die die Kirche seit Jahren erschüttern?
Es war keine Überraschung mehr. Nachdem die Priesterbruderschaft St. Pius X. gestern in Écône vier neue Bischöfe ohne päpstliches Mandat geweiht hatte, zog der Vatikan die Konsequenz, die nach dem geltenden Kirchenrecht nahezu zwangsläufig war: Die beteiligten Bischöfe seien exkommuniziert, die Weihen stellten einen schismatischen Akt dar. So hatte Rom bereits 1988 nach den Weihen durch Erzbischof Marcel Lefebvre reagiert, und so handelt es nun erneut. Daran ist juristisch wenig auszusetzen.
Dennoch dürfte jeder, der die Entwicklung der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten aufmerksam verfolgt hat, spüren, dass die eigentliche Geschichte nicht in diesem Dekret steht. Das Dokument beantwortet eine kirchenrechtliche Frage. Die geistliche und theologische Krise, die hinter diesem Konflikt steht, bleibt dagegen völlig unberührt.
Wer die Reaktionen der vergangenen Stunden verfolgt, gewinnt fast den Eindruck, als sei mit der Piusbruderschaft die größte Gefahr für die Einheit der Kirche gebannt. Dabei genügt ein Blick auf die Realität des kirchlichen Lebens, um zu erkennen, dass die tiefsten Spaltungen längst an ganz anderer Stelle entstanden sind.
Seit Jahren erleben gläubige Katholiken, wie in weiten Teilen der Kirche Wahrheiten, die Generationen von Christen als selbstverständlich betrachtet haben, plötzlich zu bloßen Diskussionsgegenständen werden. Was gestern noch verbindliche Lehre war, erscheint heute vielerorts als bloße Meinung. Bischöfe widersprechen öffentlich dem bisherigen Lehramt, Priester segnen Verbindungen, die nach der bisherigen Lehre nicht gesegnet werden können, Theologen erklären Glaubenssätze zu historischen Zeitdokumenten. Und oft entsteht der Eindruck, dass Rom zwar gelegentlich mahnende Worte findet, letztlich aber den Konflikt scheut.
Piusbruderschaft als Hort der Orthodoxie
Gerade deshalb wirkt das jetzige Vorgehen gegen die Piusbruderschaft auf viele Katholiken widersprüchlich. Denn über eines sollte man bei aller notwendigen Kritik an den unerlaubten Bischofsweihen nicht hinwegsehen: Die Priesterbruderschaft bestreitet weder die Gottheit Christi noch die leibliche Auferstehung, weder die Realpräsenz in der Eucharistie noch den Opfercharakter der heiligen Messe. Sie verteidigt die katholische Morallehre, hält an den Sakramenten fest und versteht sich selbst als Bewahrerin der überlieferten Tradition. Der eigentliche Streit entzündet sich vielmehr an der Frage, wie das Zweite Vatikanische Konzil im Licht der gesamten kirchlichen Tradition zu verstehen ist und ob einzelne Aussagen späterer Jahrzehnte tatsächlich widerspruchsfrei mit dem früheren Lehramt vereinbar sind.
Man kann diese Position für falsch halten. Man kann ihr widersprechen. Aber man sollte sie wenigstens korrekt beschreiben. Genau dies geschieht jedoch erstaunlich selten. In der öffentlichen Berichterstattung erscheint die Piusbruderschaft häufig als eine Art kirchliche Protestbewegung von Liturgieromantikern, die sich nicht mit den Reformen der sechziger Jahre abfinden wollten. Wer jedoch ihre jüngsten Erklärungen liest, erkennt schnell, dass der Konflikt längst eine andere Ebene erreicht hat.
Wie wir bereits vor wenigen Tagen auf Philosophia Perennis dargestellt haben, hat die Bruderschaft Rom nicht einfach mehr Freiräume für die Alte Messe abverlangt. Sie hat vielmehr ein neues Glaubensbekenntnis veröffentlicht und den Heiligen Stuhl aufgefordert, in den entscheidenden theologischen Streitfragen endlich Klarheit zu schaffen. Es geht um die Auslegung des Zweiten Vatikanischen Konzils, um Religionsfreiheit, Ökumene, das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen und um die Frage, wie die unveränderliche Glaubensüberlieferung der Kirche heute verbindlich zu verstehen ist.
Man muss diese Forderungen nicht teilen. Aber man wird kaum leugnen können, dass sie inzwischen weit über den Kreis der Piusbruderschaft hinaus gestellt werden. Gerade konservative Katholiken erleben seit Jahren eine merkwürdige Asymmetrie kirchlicher Autorität. Wo Priester und Bischöfe offen Positionen vertreten, die dem bisherigen Lehramt widersprechen, scheint Geduld die bevorzugte Tugend Roms zu sein. Man setzt auf Dialog, Prozesse, Synodalität und gegenseitiges Zuhören. Wo dagegen Traditionalisten kirchenrechtliche Grenzen überschreiten, reagiert dieselbe Kirche mit bemerkenswerter Geschwindigkeit und Entschlossenheit.
Was steht höher: Das Kirchenrecht oder der Glaube?
Natürlich wird man einwenden, beides lasse sich nicht vergleichen. Die unerlaubte Bischofsweihe sei ein objektiver Verstoß gegen das Kirchenrecht und deshalb unmittelbar zu sanktionieren. Das ist richtig. Doch genau hier beginnt die eigentliche Frage: Ist das Kirchenrecht wirklich das höchste Gut der Kirche? Oder steht über ihm nicht doch die Bewahrung des Glaubens selbst?
Die Kirchengeschichte kennt genügend Beispiele dafür, dass es Zeiten gab, in denen die Kirche Irrlehren mit großer Entschiedenheit zurückgewiesen hat. Nicht weil sie autoritär sein wollte, sondern weil sie wusste, dass die Wahrheit des Glaubens keine beliebig verhandelbare Größe ist. Die großen Konzilien der Alten Kirche wurden nicht einberufen, um Konflikte zu verwalten, sondern um die Wahrheit auszusprechen. Athanasius stand gegen den Arianismus oft fast allein. Auch damals war die Versuchung groß, den Frieden über die Wahrheit zu stellen. Die Geschichte hat gezeigt, dass dies der falsche Weg gewesen wäre.
Vielleicht liegt genau hier der tiefere Grund dafür, weshalb der Konflikt mit der Piusbruderschaft bis heute nicht zur Ruhe kommt. Denn die Bruderschaft versteht sich – ob man ihre Selbstdeutung teilt oder nicht – nicht als Gründerin einer neuen Kirche. Sie behauptet vielmehr, an der immerwährenden Lehre der katholischen Kirche festzuhalten und gerade deshalb in bestimmten Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte einen Bruch mit dieser Tradition zu erkennen. Wer diese Diagnose für irrig hält, wird ihr argumentativ widersprechen müssen. Disziplinarmaßnahmen allein können diese theologische Auseinandersetzung nicht ersetzen.
Papst Leo XIV. hatte noch unmittelbar vor den Weihen eindringlich an die Verantwortlichen appelliert, den Schritt nicht zu vollziehen. Dass dieser Appell erfolglos blieb, ist tragisch. Denn jede weitere Vertiefung der Spaltung schmerzt jeden Katholiken, dem die Einheit der Kirche am Herzen liegt. Aber ebenso tragisch wäre es, wenn Rom glaubte, mit einem Exkommunikationsdekret sei die eigentliche Krise bewältigt. Die liegt nämlich ganz woanders und ist mit ein bisschen Herz-Jesu-Sozialismus nicht zu lösen.
Die Stunde ist gekommen
Denn diese Krise trägt einen anderen Namen. Sie heißt Glaubensverwirrung. Sie zeigt sich darin, dass heute selbst Bischöfe dieselben kirchlichen Dokumente völlig unterschiedlich auslegen. Sie zeigt sich darin, dass Katholiken in Warschau, Nairobi oder Astana oft etwas völlig anderes über Ehe, Familie oder Liturgie hören als Gläubige in Köln, Limburg oder München. Sie zeigt sich darin, dass viele junge Menschen gerade deshalb zur überlieferten Liturgie finden, weil sie dort jene Klarheit entdecken, nach der sie in ihrer Heimatpfarrei vergeblich suchen.
Die Kirche braucht heute deshalb vor allem eines: den Mut zur Wahrheit. Nicht zu einer neuen Wahrheit. Nicht zu einer an den Zeitgeist angepassten Wahrheit. Sondern zu jener Wahrheit, die sie seit zweitausend Jahren verkündet. Die Forderung der Piusbruderschaft nach lehrmäßiger Klarheit mag unbequem sein. Sie mag an manchen Stellen überzogen erscheinen. Aber sie trifft einen Nerv, den inzwischen viele Katholiken verspüren – auch solche, die niemals eine Kapelle der Bruderschaft betreten würden.
Wenn Rom die Wunden der Kirche wirklich heilen will, wird es deshalb nicht genügen, immer neue Dekrete zu veröffentlichen. Es wird sich erneut jener Frage stellen müssen, die schon Benedikt XVI. mit seiner Hermeneutik der Kontinuität beantworten wollte: Wie kann die Kirche glaubwürdig zeigen, dass das, was sie heute lehrt, tatsächlich dasselbe ist, was sie gestern gelehrt hat? Solange diese Frage offenbleibt, wird jeder neue kirchenrechtliche Konflikt nur ein Symptom einer tieferliegenden Krankheit sein. Die Kirche hat in ihrer Geschichte viele Krisen überstanden. Immer dann, wenn sie den Mut hatte, die Wahrheit klar auszusprechen, ging sie gestärkt aus ihnen hervor. Jetzt ist wieder eine solche Stunde gekommen.
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