Harry Jaffa hatte recht: Der eigentliche Siegeszug des Kommunismus begann erst nach seinem Untergang

(David Berger) Hat der Westen den Kommunismus besiegt – oder lediglich seine Gestalt verändert? Harry Jaffa vertrat bereits 1991 die provozierende These, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion den kulturellen Siegeszug linker Utopien erst möglich gemacht habe. Seine Warnung erscheint heute besonders aktuell.

Als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, schien für viele Beobachter eine ganze Epoche zu Ende zu gehen. Der Kalte Krieg war gewonnen, der Kommunismus militärisch, wirtschaftlich und politisch gescheitert. Nicht wenige Intellektuelle glaubten damals, nun beginne das Zeitalter des endgültigen Sieges von Demokratie, Freiheit und Marktwirtschaft. Francis Fukuyama sprach sogar vom „Ende der Geschichte“. Rückblickend wirkt diese Euphorie beinahe naiv. Denn sie übersah, dass Ideologien nicht notwendig mit den Staaten untergehen, die sie hervorgebracht oder getragen haben.

Einer der wenigen, die dies bereits damals erkannten, war der amerikanische politische Philosoph Harry V. Jaffa (1918–2015). Der Schüler Leo Strauss‘ gehörte zu den bedeutendsten konservativen Denkern der Vereinigten Staaten und beschäftigte sich zeitlebens mit den geistigen Voraussetzungen einer freien Ordnung. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schrieb er einen Satz, der heute erstaunlich aktuell wirkt: „Die Niederlage des Kommunismus in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten bedeutet keineswegs seine Niederlage in der Welt. Im Gegenteil: Die Befreiung des Westens von seinem Konflikt mit dem Osten befreit den utopischen Kommunismus im eigenen Land von dem Verdacht, mit einem äußeren Feind verbunden zu sein. Der Kampf um die Bewahrung der westlichen Zivilisation ist in eine neue – und vielleicht weitaus tödlichere und gefährlichere – Phase eingetreten.“

Langsame Unterwanderung des Denkens

Damals mochten viele diese Worte für übertrieben halten. Schließlich war der eiserne Vorhang gefallen, die Berliner Mauer verschwunden und der Marxismus-Leninismus hatte sich in der Realität als ökonomisch wie moralisch bankrott erwiesen. Doch gerade darin lag nach Jaffas Auffassung die eigentliche Gefahr. Mit dem Untergang der Sowjetunion verschwand auch das abschreckende Beispiel, an dem sich jede sozialistische Utopie messen lassen musste. Wer sich im Westen auf marxistische Ideen berief, musste sich nicht länger fragen lassen, weshalb diese überall dort, wo sie konsequent verwirklicht worden waren, in Unfreiheit, Armut und Terror geendet hatten. Der utopische Impuls konnte sich nun von seiner historischen Last lösen und in neuer Gestalt auftreten.

Dass dies möglich war, hatte der italienische Marxist Antonio Gramsci bereits Jahrzehnte zuvor vorausgeahnt. Anders als Lenin war er überzeugt, dass sich die westlichen Gesellschaften nicht durch eine klassische Arbeiterrevolution überwinden ließen. Zu tief waren ihre kulturellen und religiösen Wurzeln. Deshalb verlagerte er den revolutionären Kampf von der Fabrik in die Kultur. Schulen, Universitäten, Medien, Literatur, Kunst und Kirchen sollten allmählich jene geistige Hegemonie hervorbringen, die den politischen Wandel erst möglich macht. Nicht die Machtübernahme am Ende stand im Mittelpunkt, sondern die langsame Veränderung des Denkens.

Familie, Religion, Autorität und Nation als Gegner

Die Vertreter der Frankfurter Schule griffen diesen Gedanken auf und entwickelten ihn weiter. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse verschoben den Schwerpunkt marxistischen Denkens zunehmend von der Ökonomie auf Kultur, Moral und Erziehung. Der eigentliche Gegner war nun nicht mehr in erster Linie der Kapitalismus, sondern die gesamte traditionelle Ordnung des Abendlandes: Familie, Religion, Autorität, Nation und überlieferte Moralvorstellungen. Die Studentenbewegung von 1968 machte aus diesen theoretischen Überlegungen schließlich ein gesellschaftliches Programm, dessen Folgen bis heute sichtbar sind.

Gerade deshalb erscheint Jaffas Diagnose so aktuell. Denn der eigentliche Sieg der revolutionären Ideologie erfolgte möglicherweise erst in dem Augenblick, als der historische Kommunismus zusammenbrach. Die Revolution wechselte ihr Vokabular, nicht aber ihre Zielsetzung. Aus dem Klassenkampf wurde der Kulturkampf. An die Stelle des Proletariats traten immer neue Gruppen, die sich über Benachteiligung oder Diskriminierung definieren. Wo früher Produktionsverhältnisse überwunden werden sollten, richtet sich die Kritik heute gegen Sprache, Geschichte, Familie, Nation oder selbst gegen die biologische Wirklichkeit des Menschen.

Natürlich wäre es historisch ungenau, die heutige kulturelle Linke einfach mit dem sowjetischen Kommunismus gleichzusetzen. Niemand wird wegen einer regimekritischen Bemerkung nach Sibirien deportiert, und zwischen liberalen Demokratien und totalitären Einparteienstaaten bestehen fundamentale Unterschiede. Dennoch fällt auf, dass sich bestimmte Denkfiguren erstaunlich hartnäckig erhalten haben. Der Glaube an die vollständige Formbarkeit des Menschen, das Misstrauen gegenüber gewachsenen Institutionen, die Überzeugung, gesellschaftliche Konflikte ließen sich durch umfassende Umerziehung überwinden, oder der moralische Absolutheitsanspruch gegenüber Andersdenkenden begegnen heute in neuer Sprache wieder. Und mit den neuen Mitteln der Zensur, Ausgrenzung und Kriminalisierung Andersdenkender.

Der „antifaschistische Schutzwall“ erlebt eine Neuauflage

Der eigentliche Konflikt unserer Zeit ist deshalb weniger ein wirtschaftlicher als ein anthropologischer. Er entscheidet sich an der Frage, ob der Mensch eine ihm vorgegebene Natur besitzt oder ob er letztlich das Ergebnis gesellschaftlicher Konstruktionen ist. Genau hier berührt sich Jaffas Denken mit der klassischen katholischen Naturrechtslehre. Für Thomas von Aquin gründet jede gerechte Ordnung auf einer objektiven menschlichen Natur, die weder Staat noch Wissenschaft noch Technik beliebig verändern dürfen. Wird diese Voraussetzung aufgegeben, bleibt nur noch der politische Wille als letzte Instanz. Dann entscheidet nicht mehr die Wahrheit über das Gute, sondern die Macht über das jeweils Durchsetzbare. In meinem Beitrag über das „rechte“ und „linke“ Menschenbild habe ich das ausführlicher dargelegt.

Vor diesem Hintergrund erscheinen viele Debatten der Gegenwart in einem neuen Licht. Die Auseinandersetzungen über Gender, Transhumanismus, Leihmutterschaft, künstliche Intelligenz oder die Auflösung traditioneller Familienstrukturen sind keine voneinander isolierten Einzelthemen. Sie kreisen alle um dieselbe Grundfrage: Gibt es eine unverfügbare Ordnung des Menschen oder ist der Mensch selbst zum Material politischer und technischer Gestaltung geworden?

Genau darin die eigentliche Weitsicht Harry Jaffas. Er verstand, dass der Kampf um den Westen nicht mit dem Fall der Berliner Mauer beendet war. Er hatte lediglich seine Frontlinie verlagert. Und das nicht nur in der sog. Brandmauer, die die DDR-Ideologie des „antifaschistischen Schutzwalls“ (wie die Mauer im DDR-Sprech hieß) fortschreibt. Heute entscheidet sich die Zukunft der westlichen Zivilisation nicht mehr in den Schützengräben des Kalten Krieges, sondern in den Hörsälen der Universitäten, den Redaktionen der Medien, den Lehrplänen der Schulen und nicht zuletzt in den Kirchen. Dort wird längst nicht mehr nur über politische Programme gestritten, sondern über das Menschenbild selbst. Der Kommunismus als Staatsform ist untergegangen. Ob aber auch der revolutionäre Traum von der völligen Neugestaltung des Menschen verschwunden ist, darf mit guten Gründen bezweifelt werden.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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