(David Berger) Unter dem Schlagwort der „Kriegstüchtigkeit“ verändert sich Deutschland Schritt für Schritt. Während die Bundesregierung weiterhin betont, über eine Rückkehr zur Wehrpflicht sei noch nicht entschieden, werden hinter den Kulissen offenbar bereits die organisatorischen Voraussetzungen für einen neuen Zivildienst geschaffen: ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Politik längst auf ein mögliches militärisches Großszenario in Europa ausrichtet.
Während die Bundesregierung offiziell weiterhin an einem freiwilligen Wehrdienst festhält, laufen offenbar bereits konkrete Vorbereitungen für den Fall einer Wiedereinführung der Wehrpflicht. Wie die Bild-Zeitung berichtet und das Bundesfamilienministerium inzwischen bestätigt hat, wird bereits an den Grundlagen für einen neuen Zivildienst gearbeitet.
Ausgangspunkt ist der Anfang des Jahres eingeführte neue Wehrdienst, der weiterhin auf Freiwilligkeit beruht. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte allerdings bereits im Januar erklärt, dass verpflichtende Elemente nicht ausgeschlossen seien, falls sich auf freiwilliger Basis nicht genügend Soldaten gewinnen lassen. In diesem Fall würde auch ein verpflichtender Zivildienst wieder notwendig.
Arbeiterwohlfahrt und Naturschutzbund freuen sich schon auf den Ernstfall
Nach Informationen aus dem Berliner Regierungsviertel hat das von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) geführte Ministerium deshalb bereits alle großen sozialen Träger Deutschlands angeschrieben. Sie wurden gefragt, ab wann und in welchem Umfang sie Wehrdienstverweigerer aufnehmen könnten. Zu den befragten Organisationen gehören unter anderem der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Deutsche Sportjugend (DSJ), der Malteser Hilfsdienst, der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sowie das Technische Hilfswerk (THW). Nach Angaben der Bild erklärten 22 der 23 angeschriebenen Verbände ihre Bereitschaft, entsprechende Einsatzmöglichkeiten bereitzustellen. Das Bundesfamilienministerium bestätigte die Vorbereitungen ausdrücklich. Wörtlich heißt es:
„Zwar gibt es keinen Zivildienst, solange wir keine Wehrpflicht haben. Aber falls die Wehrpflicht einmal nötig werden sollte, müssen wir die Basis für einen modernen Zivildienst schon vorbereitet haben.“
Nach der parlamentarischen Sommerpause soll das Konzept eines „modernen Zivildienstes“ öffentlich vorgestellt werden. Auch der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Thorsten Frei, bezeichnete entsprechende Vorbereitungen als sinnvoll. Zwar gebe es derzeit keinen Beschluss über eine Rückkehr zur Wehrpflicht, doch müsse man auf den Fall vorbereitet sein, dass sich die sicherheitspolitische Lage rasch verändere. Parallel dazu steigt die Zahl der Kriegsdienstverweigerer deutlich an. Nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben gingen allein im ersten Halbjahr 2026 bereits 5.862 entsprechende Anträge ein – ein neuer Höchstwert.
Die Planungen fügen sich in eine Entwicklung ein, die von der Bundesregierung seit Monaten mit dem Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ beschrieben wird. Milliardeninvestitionen in die Bundeswehr, der Ausbau militärischer Infrastruktur, Diskussionen über Wehrpflicht und Zivildienst sowie wiederholte Warnungen führender Politiker und Militärs vor einer möglichen militärischen Konfrontation mit Russland prägen inzwischen die sicherheitspolitische Debatte. Dabei wird immer wieder auf Einschätzungen verwiesen, wonach Russland gegen Ende dieses Jahrzehnts militärisch in der Lage sein könnte, NATO-Staaten herauszufordern. Ob ein solcher Krieg tatsächlich eintreten wird, kann heute niemand mit Gewissheit sagen. Unübersehbar ist jedoch, dass die Bundesregierung ihre Planungen zunehmend an einem solchen Szenario ausrichtet.
„Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen“
Gerade diese Entwicklung wirft grundsätzliche Fragen auf. Wer dauerhaft vom kommenden Krieg spricht, richtet nicht nur die Streitkräfte, sondern schrittweise auch den gesamten Staat auf einen militärischen Ernstfall aus. Der nun vorbereitete Zivildienst wäre ein weiterer Baustein dieser Entwicklung.
Für Philosophia Perennis, das seit seiner Gründung für Frieden, Diplomatie und den Schutz menschlichen Lebens eintritt, sollte deshalb eine andere Frage im Mittelpunkt stehen: Ist es wirklich klug, eine Gesellschaft immer umfassender auf einen möglichen Krieg vorzubereiten – oder müsste nicht alles politische Handeln darauf gerichtet sein, die Voraussetzungen für Frieden zu schaffen? Wehrpflicht und Zivildienst mögen im Ernstfall organisatorisch sinnvoll erscheinen. Sie dürfen jedoch niemals zum Symbol einer Politik werden, die den Krieg als nahezu unausweichliche Zukunft voraussetzt. Denn die Geschichte Europas lehrt, dass dauerhafter Frieden nicht allein durch Aufrüstung entsteht, sondern vor allem durch Diplomatie, politische Vernunft und die Bereitschaft, Konflikte zu entschärfen, bevor sie militärisch eskalieren. Oder um es mit dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt zu sagen: „Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen“.
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