(David Berger) Mit dem ersten Teil seiner Trilogie „Alles über Angela“ legt OVALmedia eine Dokumentation vor, die von der ersten Minute an fesselt. Der Film versteht sich nicht als klassische Politikerbiografie, schon gar nicht als von bezahlten Claqueuren verfasste Hagiographie, sondern als investigative Spurensuche nach den Wurzeln einer der prägendsten politischen Figuren Europas. Dabei gelingt es den Machern, bekannte Stationen aus Angela Merkels Lebenslauf in einen neuen Zusammenhang zu stellen und durch prominente Merkelkenner nicht nur zu belegen, sondern auch noch zu erweitern. Mit zum Teil erschreckenden Einsichten.
Besonders beeindruckend ist die dramaturgische Gestaltung. Ausgehend von Merkels oft zitierter Aussage, sie sei „wie die Jungfrau zum Kinde“ zur Politik gekommen, entwickelt der Film eine vielschichtige Erzählung über Herkunft, familiäre Prägungen und historische Hintergründe. Archivmaterial, Zeitzeugenberichte und dokumentarische Recherchen werden geschickt miteinander verwoben und erzeugen eine Spannung, die eher an einen politischen Thriller als an eine konventionelle Dokumentation erinnert.
Die Heiligsprechung Merkels konsequent in Frage stellen
Die Stärke des Films liegt vor allem darin, dass er den Zuschauer nicht mit vorgefertigten Antworten abspeist, sondern konsequent Fragen stellt. So widmet sich die Dokumentation ausführlich der Rolle von Merkels Vater Horst Kasner, der 1954 entgegen dem damaligen Strom der Zeit von Westdeutschland in die DDR übersiedelte. Mehrere Interviewpartner thematisieren seine privilegierte Stellung innerhalb des DDR-Systems und die ungewöhnlichen Möglichkeiten, die seiner Familie eingeräumt wurden. Der Film stellt die Frage, wie prägend dieses Umfeld für die spätere Kanzlerin gewesen sein könnte.
Besonders spannend sind die Passagen über Merkels Familiengeschichte. Die Dokumentation geht den Lebenswegen ihres Großvaters nach und beleuchtet dessen wechselvolle Biografie zwischen verschiedenen politischen Systemen und Loyalitäten. Dabei wird unter anderem auf bislang wenig bekannte Dokumente verwiesen, die nach Ansicht der Filmemacher neue Fragen zur Familiengeschichte aufwerfen.
Warum Merkel alles tun wird, dass ihre Stasi-Akte verschwindet
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Merkels Zeit in der DDR. Der Film greift ihre Tätigkeit innerhalb der FDJ auf und setzt sich kritisch mit späteren Darstellungen dieser Funktion auseinander. Dabei kommen Zeitzeugen und Historiker zu Wort, die unterschiedliche Einschätzungen über Bedeutung und Umfang ihrer damaligen Aufgaben vertreten. Auch ihre Kontakte zu oppositionellen Kreisen sowie ihre Anwesenheit bei Ereignissen rund um den DDR-Dissidenten Robert Havemann werden thematisiert. Die Dokumentation arbeitet dabei zahlreiche Widersprüche und offene Fragen heraus, die nach Ansicht der Autoren bislang nicht ausreichend untersucht wurden. Angesichts dessen, was die Autoren der Dokumentation zu Merkels Stasi-Tätigkeiten herausgefunden haben, verwundert es nicht mehr, dass das System Merkel alles daran setzt, dass diese niemals das Licht der Öffentlichkeit erreicht. Vera Lengsfeld dazu: „Also wir haben die Akten im Keller liegen und könnten alle Stasi-Mitarbeiter seit 1949 in der Bundesrepublik identifizieren. Passiert nicht.“ Und Hans-Georg Maaßen, ebenfalls einer der Zeitzeugen, die nahen beruflichen Kontakt zu Merkel hatten, ergänzt: „Oskar Lafontaine hat, glaube ich, unmittelbar nach der Wahl von Angela Merkel zur Bundeskanzlerin in einem Interview mit Beckstein damals ganz offen gesagt, wissen Sie eigentlich, wen Sie da zur Bundeskanzlerin wählen? Das ist eine Kaderkommunistin oder Jungkommunistin. Und so war es auch gewesen. Und dass nie darüber gesprochen worden war, dass diese Frau, wieso diese Frau überhaupt Karriere machen konnte, das ist wirklich ein Mysterium.“
Besonders fesselnd sind die Abschnitte über die Umbruchzeit von 1989/90. Der Film zeichnet detailliert nach, wie Angela Merkel aus dem Umfeld des Demokratischen Aufbruchs innerhalb kurzer Zeit in zentrale politische Positionen gelangte. Dabei werden die Verbindungen zur Familie de Maizière sowie zu wichtigen Akteuren der Nachwendezeit beleuchtet. Die Dokumentation präsentiert diese Entwicklung als weit weniger zufällig, als es die offizielle Erzählung eines überraschenden politischen Aufstiegs vermuten lässt.
Bei der Auslöschung der alten CDU strategisch vorgegangen
Auch die spätere Karriere in der CDU wird kritisch betrachtet. Eindrucksvoll schildern mehrere Interviewpartner Merkels strategisches Vorgehen innerhalb der Partei, ihre Fähigkeit zur Anpassung an politische Situationen und ihren konsequenten Aufstieg bis an die Spitze der Bundesregierung. Besonders die Darstellung des Verhältnisses zu Helmut Kohl sowie die Analyse der CDU-Spendenaffäre liefern spannende Einblicke in die Machtmechanismen der deutschen Politik.
Filmisch überzeugt die Produktion durch eine hochwertige Bildgestaltung, sorgfältig ausgewählte Interviewpartner und einen klar strukturierten Erzählfluss. Trotz der Fülle an Informationen verliert der Film nie den roten Faden. Die Mischung aus historischen Aufnahmen, dokumentarischen Recherchen und persönlichen Einschätzungen sorgt dafür, dass man bis zum Ende gespannt zuschaut und zuhört.
Unabhängig davon, wie man die einzelnen Thesen und Schlussfolgerungen bewertet, ist „Das Geheimnis Merkel – Teil 1“ ein bemerkenswertes Stück dokumentarischer Arbeit. Der Film zeigt eindrucksvoll, dass über eine der bekanntesten Politikerinnen Europas, die von manchen noch immer als „die gute „Mama Merkel“ verehrt wird, endlich Fragen gestellt werden müssen, die weit über die üblichen biografischen Darstellungen hinausgehen und so die dringende Aufarbeitung des System Merkel ermöglichen, das bis hin zu Merz und dem von ihm derzeit zugrunde gerichteten Land seine toxischen Auswirkungen zeigt.
Gerade dieser Mut zur Recherche, die Vielzahl an Quellen und die konsequente Suche nach bislang wenig beleuchteten Aspekten machen den Auftakt der Trilogie zu einem sehenswerten und diskussionswürdigen Film.
Was nach diesem ersten Teil der Angela-Doku jetzt schon endgültig klar zu sein scheint, formuliert der Merkel-Biograph Gerold Keefer ebenso knapp wie nachhaltig erschütternd: In der Rückschau kann man nur zu dem Schluss kommen, dass Angela Merkel in der CDU ein Maulwurf war. Da ist jemand, der diese konservative Partei im Grunde komplett auf den Kopf stellt, sie inhaltlich entkernt, sie macht in einer CDU-geführten Regierung sozialdemokratische Politik, später dann auch grüne Politik.
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