Das langsame, aber unweigerliche Sterben der SPD

Die SPD steuert stramm Richtung Einstelligkeit. Die Genossen sind nicht mehr nur in einer schweren Krise, sondern haben inzwischen den Zustand der Agonie erreicht: Mit nur noch 11 Prozent laut der neuesten Umfrage der Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung (GMS) hat die einstige Volkspartei eine Marke unterschritten, die vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre. Gastbeitrag

Innerhalb von nur drei Monaten hat die SPD ein weiteres Drittel (!) ihrer ohnehin schon schwachen Zustimmung –  satte fünf Prozentpunkte – eingebüßt. Im selben Zeitraum legte die AfD auf 27 Prozent zu. Selbst die Grünen haben sich mit 16 Prozent klar an der SPD vorbeigeschoben. Dadurch sacken die Sozialdemokraten nun auf das Niveau der Linken ab und geraten in jene Todeszone, in der aus einstiger historischer Größe endgültig politische Folklore wird. Die Partei von Brandt, Schmidt und Schröder ist nicht mehr wirklich wettbewerbsfähig und kämpft längst nicht mehr nur ums politische Überleben; sie versucht lediglich noch, wie ein angeschlagener Boxer bis zum nächsten – und womöglich letzten – Gong durchzuhalten.

Dieser desolate Zustand hatte sich in den vergangenen Tagen in einem einzigen, beinahe tragikomischen Vorgang verdichtet: Dr. Carolin Wagner, SPD-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende bildungspolitische Sprecherin, hatte auf Instagram eine kämpferische Ansage gepostet, wonach die SPD die Koalition verlassen werde, falls die BAföG-Erhöhung nicht zum Wintersemester komme. Auch Juso-Chef Philipp Würmer übernahm die polternde Forderung. Doch wenige Stunden später war der Beitrag kommentarlos gelöscht. Es wirkte wie ein Rückzug, der deutlich lauter sprach als jede noch so drohende Formulierung. Denn was hier sichtbar wurde, war keine taktische Finte, sondern vielmehr die blanke Hilflosigkeit einer Partei, die sich selbst nicht mehr wirklich glaubt.

Ohne erkennbare Zukunftsperspektive

Im Koalitionsvertrag mit der Union ist die Erhöhung der Wohnkostenpauschale für Studenten und Auszubildende von 380 auf 440 Euro zwar schwarz auf weiß vereinbart als ein bescheidener, aber lange versprochener Schritt; doch dann erklärte Jens Spahn, dass staatliche Leistungen absehbar nicht erhöht werden könnten, während die zuständige Ministerin Dorothee Bär öffentlich durchblicken ließ, dass die eigene Koalition die Reform gar nicht mehr wolle. Und die SPD? Spuckte zunächst große Töne und postete ihre vorgebliche Entschlossenheit in den sozialen Medien – nur um sie dann umgehend zu löschen, sobald das Telefon in der Fraktion klingelte. Dieses schizophrene Verhalten trägt etwas zutiefst Demütigendes in sich – zeigt es doch die Panik, Konzept- und Kopflosigkeit einer Fraktion, die längst nicht mehr aus echter Überzeugung handelt, sondern nur noch aus purem Reflex im Dauerkrisenmodus.

Denn im Willy-Brandt-Haus weiß man sehr wohl, dass die SPD bei derzeitigen Neuwahlen nur noch auf etwa 10 bis maximal 12 Prozent landen würde und damit auf Platz vier oder fünf zurückfallen würde – hinter AfD, Union, Grünen und möglicherweise sogar der Linken. Ohne jede realistische Koalitionsfähigkeit, ohne Ministerien und ohne erkennbare Zukunftsperspektive kann sie es sich deshalb nicht wirklich erlauben zu drohen; deshalb bettelt sie im Grunde nur noch darum, weiter mitregieren zu dürfen. Doch selbst das traut  man sich nur noch nachts auf Instagram zu. Die aktuelle GMS-Umfrage zeichnet dabei ein schonungsloses Bild der politischen Kräfteverhältnisse, in dem die AfD mit 27 Prozent klar dominiert, die Union auf 23 Prozent zurückfällt und die Grünen deutlich zulegen, sodass sie die Sozialdemokraten inzwischen klar überholen. Sogar die FDP schafft hier mit fünf Prozent wieder den Sprung über die Hürde – wobei es sich hierbei eher um ein eher kurzlebiges Zwischenhoch handelt, das wohl mehr mit der medialen Präsenz nach der Wahl von Wolfgang Kubicki zum neuen Parteichef zusammenhängen dürfte als mit einer versprochenen “tiefgreifenden Erneuerung”. Die zuvor bei drei Prozent dümpelnden Liberalen erhalten also durch etwas mehr Fernsehpräsenz zwei Punkte geschenkt – was allerdings weniger über die Liberalen selbst aussagt als vielmehr über die Volatilität einer tief verunsicherten Wählerschaft.

Eine Partei am Ende

Hingegen gibt es für die SPD keine solchen Rettungsinseln mehr – denn ihr Absturz ist strukturell bedingt. Sie hat ihre klassische Kernklientel aus der Arbeiterschaft weitgehend an die AfD verloren, während sie in den urbanen und akademischen Milieus von den Grünen klar überholt wurde, und wirkt in der Großen Koalition wie ein Juniorpartner, der weder gestalten noch glaubwürdig opponieren kann. Lars Klingbeil und Bärbel Bas stehen vor einem so gewaltigen Scherbenhaufen, dass sie ihn auch mit noch so markigen Sonntagsreden und Zweckoptimismus nicht mehr kitten können.

Man muss sich die innere Verfassung der SPD einmal vor Augen führen: Sie sitzt in einer Regierung, die laut Umfragen nur noch von 15 Prozent der Bürger unterstützt wird, und schafft es nicht einmal mehr, einen vergleichsweise kleinen Punkt aus dem eigenen Koalitionsvertrag durchsetzen, ohne dass daraus ein öffentliches Chaos entsteht. Doch statt daraus endlich Konsequenzen zu ziehen, produziert sie Instagram-Posts, die nach wenigen Stunden wieder verschwinden. Das zeugt nicht von ernstzunehmender Politik, sondern vielmehr von politischer Inkontinenz. Deshalb steuern die Genossen völlig verdient und unaufhaltsam auf die politische Bedeutungslosigkeit zu. Nicht wegen eines einzelnen konkreten Fehlers, sondern weil sie über viele Jahre hinweg ihre Identität, ihre Glaubwürdigkeit und ihre gesellschaftliche Verankerung verspielt haben. Der gelöschte Instagram-Post von Carolin Wagner war kein bloßer Ausrutscher. Er ist das Symptom einer Partei, die tief in sich spürt, dass sie am Ende ist, und immer noch so tut, als hätte sie noch die Kraft auf den Tisch zu hauen und zu drohen. Doch sie ist ein politisches Fliegengewicht geworden.

Vielleicht ist genau das die traurigste Erkenntnis dieses Frühsommers 2026: Die SPD geht nicht mit einem lauten Knall unter, sondern verabschiedet sich leise und unauffällig. Mit gelöschten Posts, zurückrudernden Parteichefs, widerrufenen Drohungen und der inneren Ahnung, wenn nicht gar schon Gewissheit, dass die Geschichte schon längst über sie hinweggezogen ist.

Der Beitrag erschien zuerst bei ANSAGE.ORG.

**

Derzeit ist unklar, wie lange PP die Kosten für die Technik noch bestreiten kann. Wenn Sie mithelfen wollen, dass PP noch seinen 10. Geburtstag erreicht, dann bitte

hier mit einem Klick:

PAYPAL (Stichwort Schenkung)

Oder per Überweisung auf

David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung

ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

PP-Redaktion
PP-Redaktion
Eigentlich ist PP nach wie vor ein Blog. Dennoch hat sich aufgrund der Größe des Blogs inzwischen eine Gruppe an Mitarbeitern rund um den Blogmacher Dr. David Berger gebildet, die man als eine Art Redaktion von PP bezeichnen kann.

Trending

VERWANDTE ARTIKEL