Es ist eine politische Ohrfeige, die sich gewaschen hat: Ausgerechnet CSU-Urgestein Horst Seehofer (77) stellt Bundeskanzler Friedrich Merz ein vernichtendes Zeugnis aus. Gebrochene Wahlversprechen, soziale Kälte, Realitätsverlust – der ehemalige bayerische Ministerpräsident spricht aus, was immer mehr Bürger denken. Besonders bitter für Merz: Seehofer hält inzwischen sogar Angela Merkel für die glaubwürdigere Kanzlerin.
Es sind harte Worte, die Horst Seehofer gegenüber der heute erscheinenden „Bild am Sonntag“ findet. Der frühere CSU-Vorsitzende, bayerische Ministerpräsident und Bundesinnenminister gehört zu den erfahrensten Politikern der Union. Einer, der das politische Geschäft über Jahrzehnte selbst mitgestaltet hat und gewiss nicht im Verdacht steht, ein Gegner seiner eigenen Partei zu sein. Umso schwerer wiegt seine Abrechnung mit Bundeskanzler Friedrich Merz.
„Friedrich Merz hat durch den Bruch von Wahlversprechen einen massiven Glaubwürdigkeitsverlust erlitten“, erklärt Seehofer gegenüber BILD. Als Beispiel nennt er die versprochene Senkung der Stromsteuer für alle, die CDU und CSU in ihrem Sofortprogramm an prominenter Stelle angekündigt hatten. Geschehen sei nichts. Das ist mehr als Kritik an einer einzelnen politischen Entscheidung. Es ist der Vorwurf, dass Merz mit seinen Wahlversprechen Erwartungen geweckt hat, die er anschließend nicht erfüllte.
Merz hat verspielt, was ein Kanzler am dringendsten braucht
Besonders schmerzhaft dürfte für Merz Seehofers Vergleich mit Angela Merkel sein. Ausgerechnet jener Seehofer, der sich während der Migrationskrise 2015 heftige Auseinandersetzungen mit der damaligen Bundeskanzlerin geliefert hatte, stellt ihr nun ein besseres Zeugnis aus. Merkel habe ebenfalls Wahlversprechen gebrochen, anschließend aber durch ihr Krisenmanagement Vertrauen zurückgewonnen. Bei Merz sieht Seehofer diese Fähigkeit offenbar nicht: „Das Vertrauen in ein authentisches Handeln ist die wichtigste Stellgröße in der Politik. Die hat Merz nicht.“
Ein vernichtender Satz. Denn Vertrauen lässt sich weder durch Regierungserklärungen noch durch PR-Kampagnen erzwingen. Wer vor der Wahl entschlossen auftritt, nach der Wahl aber seine zentralen Ankündigungen relativiert oder kassiert, darf sich nicht wundern, wenn die Wähler irgendwann nicht mehr zuhören. Merz war mit dem Versprechen eines Politikwechsels angetreten. Für viele Unionswähler sollte er gerade das Gegenteil jener Politik verkörpern, mit der sie unter Merkel und später unter der Ampel gebrochen hatten. Inzwischen ist klar: sie wurden bitter getäuscht. Unter Merz ist alles noch viel schlimmer geworden, die Machtgarantie, die Merkel für die eigenen Leute darstellte, kann Merz nicht mehr bieten. Er wollte die AfD halbieren, hat aber seine eigene Partei halbiert.
Die Union hat ihre eigenen Wähler aus den Augen verloren
Seehofer wirft der Union außerdem vor, die Sorgen der arbeitenden Bevölkerung nicht mehr ernst zu nehmen: „Wir leben in einer Zeit, in der Schulden, Steuern, Abgaben, Mieten und Energiekosten gleichermaßen steigen“, beklagt er. Statt echter Entlastungen werde selbst ein bescheidenes Lohnplus durch die kalte Progression teilweise wieder aufgezehrt. Und dann folgt ein Satz, der das ganze Elend der gegenwärtigen Union auf den Punkt bringt: „Aber in der Union sagt niemand mehr: ‚Stopp, so geht das nicht.‘“
Besonders deutlich wird die Entfremdung von der Lebenswirklichkeit der Bürger bei der Debatte über angeblich zu geringe Arbeitsbereitschaft und zu viele Krankmeldungen. Seehofer erinnert an Krankenschwestern, die Wochenend- und Nachtschichten leisten, und an Beschäftigte bei Audi, die gerne mehr arbeiten würden, denen aber stattdessen Aufhebungsverträge angeboten werden. Nicht die arbeitenden Bürger sind das Problem, sondern eine Politik, die ihre Sorgen aus dem Blick verloren hat, ein Kanzler, der längst jeden Kontakt zur Realität verloren zu haben scheint und an jenen Augenblicken, wo ihm das ansatzweise schwant, in Tränen ausbricht.
Eine besondere Ironie liegt darin, dass diese Kritik von einem Mann kommt, der selbst über Jahrzehnte Verantwortung für die Politik der Union getragen hat. Auch Seehofers eigene politische Bilanz ist nicht frei von Widersprüchen. Vielen dürfte noch in Erinnerung sein, wie oft der bayerische Löwe laut gegen Merkel brüllte, dann aber als Bettvorleger in ihrem von Migranten nur so wimmelnden Schlafzimmer gelandet ist.
Für die eigenen Leute ein kompletter Versager
Dennoch sind seine Worte aufschlussreich. Seine Kritik lässt sich kaum als bloße Polemik der politischen Opposition abtun. Bemerkenswert ist zudem seine Warnung vor einer Erosion politischer Standards. Die Bereitschaft der SPD, Bündnisse mit der Linken einzugehen, obwohl in deren Umfeld antisemitische und antichristlich-kommunistische Positionen sichtbar werden, stößt bei ihm auf scharfes Unverständnis. Seehofer fordert mehr Tempo, weniger Selbstbeschäftigung und Politiker, die selbst noch eine Haltung besitzen, statt ständig neue Kommissionen einzusetzen. Das klingt fast schon revolutionär in einer politischen Landschaft, in der Ankündigungen häufig die Stelle von Ergebnissen einnehmen.
Für Friedrich Merz ist diese öffentliche Kritik besonders unangenehm, falls er sie überhaupt noch wahrnimmt. Seehofer ist kein AfD-Politiker, kein oppositioneller Kommentator und kein enttäuschter Protestwähler. Er stammt aus dem innersten Machtzirkel jener Union, die Merz heute führt. Allerdings bleibt eine Frage offen, die sich angesichts von Journalisten stellt, die langsam die anstehende Wende riechen: Warum finden Unionspolitiker solche deutlichen Worte so häufig erst dann, wenn sie selbst keine Regierungsverantwortung mehr tragen? Warum spricht sein Nachfolger auf dem bajuwarischen Thron hier nicht ebensolchen Klartext? Die Wahrheit wird ausgesprochen, sobald sie politisch oder karrieretechnisch nichts mehr kostet. Kurzum: Seehofers vernichtende Abrechnung entlarvt Merz als Kanzler der gebrochenen Versprechen, der nicht nur das Vertrauen der Bürger verspielt hat, sondern inzwischen selbst in den eigenen Reihen als kompletter Versager dasteht.
Quelle: Horst Seehofer im Interview mit der „Bild am Sonntag“ vom 11. Oktober 2026; Vorabveröffentlichung auf BILD.de am 10. Oktober 2026.
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