(David Berger) Berlin kann auch im Sommer 2026 noch mit Innovationen überraschen. Nachdem im „Volksbad“ vor der Volksbühne ein Schwimmnachmittag ausschließlich für Schwarze geplant und nach Protesten sowie nach Angaben der Veranstalter auch Drohungen abgesagt worden war, setzte eine beeindruckende Solidaritätswelle ein: Binnen zwei Tagen kamen mehr als 70.000 Euro für den beteiligten Verein zusammen. Das neue Prinzip der Reichshauptstadt ist bestechend einfach: Die Leute zahlen dafür, dass sie nicht reindürfen oder nicht reinmüssen, um dort mit POCs zusammen im Wasser zu schwimmen.
Es gibt Nachrichten, die so vollkommen sind, dass der Satiriker eigentlich nur noch die Meldung abschreiben muss. Vor der Berliner Volksbühne steht also ein Schwimmbecken. Es heißt ausgerechnet „Volksbad“ und soll grundsätzlich für alle da sein. Aber Berlin wäre nicht Berlin, wenn „für alle“ tatsächlich immer für alle bedeutete. Also war für einen Nachmittag ein besonderes Programm vorgesehen: Schwarze sollten endlich mal unter sich schwimmen können. Begründet wurde das mit dem Wunsch nach einem geschützten Raum für die Schwarze Community. Das heißt ohne, dass irgendwelche Weißhäutige das Wasser durch ihre Hautfarbe verschmutzen.
Die Leute zahlen dafür, dass sie nicht reindürfen
Dann kam der Protest. Alice Weidel sprach von „Apartheid“. Und so schaltete man geschwind vom Rassismus-Täter auf das Opfer von Rassismus. Weil aber Opfer sein erst so richtig Spaß macht, startete man gewissermaßen sein Sommerhilfswerk für Rassentrennung. Innerhalb von nur zwei Tagen spendeten rund 3.300 Menschen mehr als 70.000 Euro für den beteiligten Verein Each One Teach One. Man muss sich diese Pointe auf der Zunge zergehen lassen: Die Leute zahlen dafür, dass sie nicht reindürfen. Oder rassistische gelesen: dass sie nicht mit rein müssen, sondern die schwarzen Leiber unter sich bleiben.
Natürlich, bevor die Faktenchecker ihre Schwimmflügel anlegen: Das Geld finanziert nicht buchstäblich den ausgefallenen Schwimmnachmittag oder irgendwelche Einlasskontrollen am Beckenrand. Die Spenden gehen an den Verein und sollen dessen Bildungs-, Jugend- und sogenannte Empowerment-Arbeit unterstützen. Aber wir befinden uns hier schließlich in einer Satire. Und deren Pointe liefert die Wirklichkeit selbst: Ein Schwimmangebot wird nach Hautfarbe organisiert, darüber entsteht ein Skandal – und anschließend öffnen Tausende Menschen aus Solidarität ihre Geldbörsen. 70.000 Euro für das gute Gefühl, beim nächsten Mal vielleicht wieder draußen bleiben zu dürfen.
Früher galt es einmal als gesellschaftlicher Fortschritt, Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe zu unterscheiden. Die Idee war geradezu verblüffend einfach: Ob schwarz oder weiß, jeder darf ins Schwimmbad. Das war offenbar zu unkompliziert. Der moderne Antirassismus hat erkannt, dass man Rassismus viel wirkungsvoller bekämpfen kann, indem man die Hautfarbe wieder zu einem entscheidenden gesellschaftlichen Merkmal macht. Schwarz? Hereinspaziert! Weiß? Heute leider nicht. Aber dort hinten steht die Spendendose.
Rassentrennung heißt jetzt „Empowerment“
Man könnte sich das neue Prinzip problemlos auf den regulären Berliner Badebetrieb übertragen. An der Kasse würde der Besucher zunächst nach seiner Hautfarbe gefragt. „Weiß.“ – „Bedauerlich, heute kein Zutritt.“ – „Was kostet es?“ – „Der Eintritt?“ – „Nein, der Ausschluss.“ – „Spenden Sie einfach, was Sie können.“ Und der Berliner zieht zufrieden seine Kreditkarte. Denn er weiß: Auch das Ausgeschlossensein will finanziert werden.
Vielleicht erleben wir damit überhaupt die Geburtsstunde eines neuen deutschen Sozialmodells. Das klassische Winterhilfswerk ist Geschichte, Berlin hat jetzt das Sommerhilfswerk. Gesammelt werden keine Decken und Kohlen, sondern Geld für „Safer Spaces“. Die Losung lautet: Keiner soll frieren – und nicht jeder soll schwimmen. Wobei selbstverständlich niemand von „Rassentrennung“ sprechen darf. Denn Rassentrennung ist böse. Jedenfalls dann, wenn sie von den Falschen betrieben wird. Wenn dagegen die politisch richtige Gruppe einen Raum ausschließlich für Menschen einer bestimmten Hautfarbe schaffen möchte, handelt es sich um „Empowerment“. Das ist der entscheidende Unterschied. Das eine trennt Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe. Das andere trennt Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, aber mit einem englischen Fachbegriff.
„Fickt euch!“
Man könnte sogar sagen, die Geschichte habe einen bemerkenswerten Fortschritt gemacht. Früher wurden Menschen nach Hautfarben getrennt und fanden das ungerecht. Heute wird ein Schwimmangebot nach Hautfarbe getrennt – und die potentiell Ausgeschlossenen spenden anschließend auch noch dafür. Mehr als 70.000 Euro in 48 Stunden. Das muss man erst einmal hinbekommen. Berlin hat damit einen völlig neuen Typus des solidarischen Bürgers geschaffen: Er steht vor der Tür, darf nicht hinein, holt sein Portemonnaie heraus und ist anschließend glücklich darüber, dass am Ende alle auf ihre Art diskriminiert wurden.
Vielleicht sollte über dem Eingang des nächsten Volksbades deshalb nur noch ein Schild hängen: „Sommerhilfswerk 2026: 70.000 Euro für die Rassentrennung. Sei solidarisch, bleib draußen – und vergiss das Spenden nicht.“ Und wenn Ihr gespendet habt, sagen wir euch so ganz berlinerisch danke: „Fickt euch!“
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