„Jetzt sind sie halt weg“: Erzbischof Koch und die Kirche der politisch Richtigen

(David Berger) Der Berliner Erzbischof Heiner Koch nimmt ausdrücklich in Kauf, dass AfD-Wähler wegen der politischen Positionierung der Kirche ihre Gemeinden verlassen. Deutlicher lässt sich der inzwischen entstandene Graben zwischen dem deutschen Kirchensteuerklerikat und einem erheblichen Teil der einfachen Gläubigen kaum beschreiben. Die Botschaft lautet im Grunde: Wer politisch falsch wählt, dessen Verlust können wir verschmerzen.

Es gibt Sätze, die mehr über den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland verraten als ganze Stapel von Synodalpapieren. Ein solcher Satz stammt jetzt vom Berliner Erzbischof Heiner Koch. Auf die Frage, ob die Kirche mit ihrer politischen Positionierung nicht Gefahr laufe, AfD-Wähler aus ihren Gemeinden zu verlieren, antwortete Koch: „Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen.“ Es gehe um „Werte und inhaltliche Grundfragen“. Man könnte das etwas weniger bischöflich und im Anschluss an das bekannteste Diktum der geistigen Mutti solcher Herren formulieren: Jetzt sind sie halt weg.

Auffällig ist dabei, dass Koch selbst weiß, wie prekär die Lage längst geworden ist. Er berichtet von der Sorge in den Pfarreien, eine allzu massive politische Positionierung könne „die ohnehin kleine Gemeinde“ weiter spalten. Statt diese Warnung ernst zu nehmen, fordert der Erzbischof „Mut und klare Kommunikation im Auftreten“. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Gemeinden werden immer kleiner, die Kirchen immer leerer, und wenn die verbliebenen Katholiken davor warnen, auch noch die letzten Gläubigen durch parteipolitisch wahrgenommene Kampagnen auseinanderzutreiben, lautet die Antwort der Kirchenleitung sinngemäß: Dann müssen wir dieses Risiko eben eingehen.

Der neue deutsche Kirchenbegriff

Natürlich darf und muss ein Bischof politische Ideologien kritisieren, wenn sie der katholischen Glaubens- und Sittenlehre widersprechen. Niemand kann von einem katholischen Bischof weltanschauliche Neutralität verlangen. Aber genau hier beginnt das Problem. Warum trifft der kirchliche Bannstrahl ausgerechnet jene Partei, die dem Naturrecht und der christlichen Ethik an nähsten steht?

Wo bleibt dieselbe Unerbittlichkeit gegenüber Parteien und Politikern, wenn es um den Schutz des ungeborenen Lebens geht? Wo bleibt sie angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Abtreibung und assistiertem Suizid? Wo war diese kompromisslose Grenzziehung bei der staatlichen Corona-Politik? Wo ist sie gegenüber Genderideologie oder politischen Angriffen auf das traditionelle Verständnis von Ehe und Familie? Und vor allem: Wann hat man zuletzt einen deutschen Bischof sagen hören, man müsse eben „das Risiko eingehen“, dass Wähler einer anderen großen Partei die Kirche verlassen, weil deren Positionen in zentralen Fragen mit der katholischen Morallehre kollidieren?

Genau diese Asymmetrie macht die Sache so verräterisch. Es entsteht der Eindruck, als habe sich ein Teil des deutschen Episkopats längst daran gewöhnt, die Kategorien des politisch-medialen Establishments mit den Kategorien katholischer Moraltheologie zu verwechseln. Was im herrschenden politischen Diskurs als „demokratisch“ gilt, erhält beinahe kirchliche Weihen; was dort unter Verdacht steht, wird auch kirchlich mit Bannmarken versehen. Das ist keine Gleichschaltung im historischen Sinne des Wortes. Aber es ist eine bemerkenswerte politische Gleichförmigkeit zwischen großen Teilen des deutschen Kirchenapparates und dem etablierten Parteienspektrum.

Die Schäfchen, die man ziehen lässt

Besonders befremdlich ist jedoch die pastorale Dimension. Das Evangelium erzählt von einem Hirten, der neunundneunzig Schafe zurücklässt, um das eine verlorene zu suchen. Die moderne deutsche Kirchenverwaltung scheint dieses Gleichnis gelegentlich umzuschreiben: Wenn das hundertste Schaf politisch verdächtig wählt, muss man eben das Risiko eingehen, dass es davonläuft. Man stelle sich nur vor, Christus hätte über Zöllner, Sünder und gesellschaftlich Verachtete gesagt: Wir müssen das Risiko eingehen, dass sie wegbleiben.

Das genaue Gegenteil ist der Kern seines pastoralen Handelns. Natürlich bedeutet christliche Seelsorge nicht, jede Überzeugung eines Gläubigen gutzuheißen. Der Hirte muss widersprechen, ermahnen und gegebenenfalls zurechtweisen. Aber gerade dann bleibt der betreffende Mensch Gegenstand seiner besonderen Sorge. Ein Bischof sollte über jeden Katholiken, der seiner Kirche den Rücken kehrt, betrübt sein – nicht dessen Verlust als hinzunehmendes Kollateralrisiko einer politischen Kampagne verbuchen.

Kirchensteuerklerikat und Kirchenvolk

Hier zeigt sich der immer tiefere Graben zwischen einem institutionell gut abgesicherten Kirchensteuerklerikat und den einfachen Katholiken in den Gemeinden. Für letztere ist Kirche nicht zuerst Diözesanrat, Katholisches Büro, Demokratiekampagne oder politisches Banner. Kirche bedeutet Messe, Sakramente, Beichte, Taufe der Kinder, Erstkommunion, Beerdigung der Eltern, Gebet und die Hoffnung auf das ewige Leben. Genau diese Menschen erleben jedoch seit Jahren eine Kirche, die ihnen zu allen möglichen politischen Fragen mit erstaunlicher Gewissheit erklärt, was sie denken sollen, während sie bei der Vermittlung ihrer eigenen Glaubenswahrheiten zunehmend unsicher klingt.

Koch betont zwar ausdrücklich: „Als Kirche bevormunden wir nicht.“ Gleichzeitig möchte er mit politischen Kampagnen vor „Fehlentwicklungen“ warnen und die Gläubigen über die Ziele der Parteien informieren. Die Betroffenen werden selbst beurteilen können, ob sie das als Bevormundung empfinden und seine Statements als Amtsmissbrauch. Genau diese Mentalität erklärt einen Teil jener Entfremdung, über die die Kirchenleitungen anschließend in immer neuen Studien und Gesprächsprozessen rätseln. Denn irgendwann fragt sich der gewöhnliche Katholik: Brauche ich meine Kirche wirklich dafür, mir dieselben politischen Botschaften zu vermitteln, die ich bereits von Regierung, öffentlich-rechtlichem Rundfunk, Gewerkschaften, Verbänden und einem großen Teil der Medien höre?

Oder wäre es nicht vielmehr die unverwechselbare Aufgabe der Kirche, von Christus zu sprechen, die Sakramente zu spenden, zur Umkehr zu rufen und den Menschen den Weg zum ewigen Heil zu zeigen? Erzbischof Koch möchte offenbar das Risiko eingehen, bestimmte Gläubige darüber zu verlieren, die ihm durch sein Amt anvertraut sind und deren Selenheil er mit allem Eifer zu suchen beauftragt ist. Durch sein fahrlössiges Handeln werden am Ende immer mehr Menschen zu dem Schluss kommen, eine Kirche, die vor allem die politische Moral des Zeitgeistes sakralisiert, werde für das, wofür allein Kirche unersetzlich ist, gar nicht mehr gebraucht. Auch wenn er daran vielleicht selber nicht mehr glaubt, er wird am Jüngsten Tag für jede Seele, die ihm als Bischof in seiner Diözese anvertraut war und verloren ging, Rechenschaft ablegen müssen: „Quid sum miser tunc dicturus?“ (Dies irae).


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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