
Auf diese bemerkenswerte Folge des Podcasts „POV“ von Jule und Sascha Lobo hat mich Benedikt Kaiser aufmerksam gemacht. Ihm verdanke ich auch einige der Beobachtungen, die den Ausgangspunkt dieses Kommentars bilden. Er möchte jedem, der sich außerhalb des linksliberalen Meinungsmilieus bewegt, empfehlen, sich diese Folge einmal vollständig anzuhören. Nicht, weil dort besonders überzeugende Argumente gegen die AfD vorgetragen würden. Sondern weil selten so unverstellt sichtbar wird, mit welcher Haltung ein bestimmtes gesellschaftliches Milieu inzwischen auf politische Abweichung reagiert.
Es geht um AfD-Wähler im eigenen Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis – und darum, ob man ihnen widersprechen, sie ausgrenzen oder den Kontakt zu ihnen ganz abbrechen sollte. Sascha Lobo erklärt ausdrücklich, er habe „fast von Anfang an“ politisch wie persönlich „auf Ausgrenzung gesetzt“ und halte Ausgrenzung für ein sinnvolles gesellschaftliches Instrument. Besonders entlarvend wird es dort, wo Jule und Lobo über Menschen sprechen, die sie für politisch bereits verloren halten. Zunächst fällt ein durchaus richtiger Satz: Eine wirkliche Diskussion setze voraus, dass man zumindest die Möglichkeit einräume, der andere könne recht haben. Doch unmittelbar danach wird genau diese Möglichkeit ausgeschlossen. Die sogenannten „Hardliner“ hätten eben „gar nicht recht“; man wolle sich von ihnen auch gar nicht überzeugen lassen. Das seien „Menschen, die ich aufgegeben habe“.
Die Brunnenvergifter sind zurück
Hier zeigt sich das eigentliche Problem dieser totalitären Haltung. Der Andersdenkende erscheint nicht mehr als Gesprächspartner, bei dem sich vielleicht jene Einsicht finden könnte, die der eigenen Weltsicht fehlt. Er wird zum Gegenstand politischer und sozialer Behandlung: Man überlegt, wann man ihm widerspricht, wann man ihn ausgrenzt, wann man Kontakte abbricht und mit welchen kommunikativen Mitteln man ihn wieder auf den vermeintlich richtigen Weg bringen könnte. Am drastischsten verrät sich diese Haltung in ihrer Sprache. Menschen mit der falschen politischen Gesinnung erscheinen schließlich als eine Art Gift: Wenn ein großes Wasserbecken vergiftet werde, könne man daraus nicht mehr trinken; diese Personen seien unterwegs und würden „immer mehr Leute“ vergiften. Man muss über die historische Belastung solcher Bilder gar nicht lange dozieren, um zu bemerken, wie weit sich hier die Sprache bereits von jenem Respekt vor dem Andersdenkenden entfernt hat, den dasselbe Milieu sonst gerne einfordert.
Man sollte diese Folge deshalb tatsächlich anhören. Nicht primär, um etwas über die AfD zu erfahren, sondern um etwas über ihre Gegner zu erfahren: über ein Milieu, das sich über Jahrzehnte daran gewöhnt hatte, gesellschaftliche Normalität zu definieren, politische Abweichung moralisch zu sanktionieren und die Grenzen des Sagbaren festzulegen. Vielleicht erklärt gerade der Verlust dieser Selbstverständlichkeit den zunehmend herrischen Ton. Denn die kulturelle Hegemonie, aus deren Sicherheit heraus man Andersdenkende lange ausgrenzen konnte, beginnt sichtbar zu erodieren. Und diese Podcastfolge vermittelt einen bemerkenswerten Vorgeschmack darauf, wie nervös manche ihrer bisherigen Nutznießer bereits auf diesen Machtverlust reagieren.
Ich empfehle jedem, der sich abseits der linksliberalen Schickeria bewegt, diese Folge anzuhören: Diese tiefe Verachtung gegenüber Abweichlern, inklusive Brunnenvergifter-Topos, dazu die Weigerung, das Stückchen Wahrheit, das einem womöglich dann doch fehlt, auch mal beim…
— Benedikt Kaiser (@benedikt_kaiser) September 2, 2026
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