
(David Berger) Mit ihrem neuen Buch „Die Kirche schafft sich ab. Die Katholische Kirche auf Abwegen“ legen Sylvia und Alfred Sobel eine schonungslose Bestandsaufnahme des deutschen Katholizismus vor. Auf 140 Seiten dokumentieren sie, wie sich kirchliche Funktionäre, Verbände, Theologen und Bischöfe nach ihrer Überzeugung immer weiter vom eigentlichen Auftrag der Kirche entfernen. Den theologischen Schlussstein setzt Gerhard Kardinal Müller mit einem bemerkenswert grundsätzlichen Beitrag über den „Aus-Weg aus der deutschen Kirchenkrise“.
Schon die beiden Motti des Buches geben die Richtung vor. Robert Kardinal Sarah wird mit dem Satz zitiert: „Die Kirche stirbt, weil ihre Bischöfe und Priester Angst haben, in aller Wahrheit und Klarheit zu sprechen.“ Daneben steht Carl Friedrich von Weizsäckers ebenso einfacher wie weitreichender Satz: „Die Kirche hat nicht den Auftrag die Welt zu verändern. Wenn sie aber ihren Auftrag erfüllt, verändert sich die Welt.“ Damit ist der Maßstab gesetzt. Den Autoren geht es nicht darum, die Kirche als solche anzugreifen. Im Gegenteil: Sie verstehen ihre Kritik ausdrücklich als Kritik aus Liebe zur Kirche. In der Einführung greifen sie Karl Rahners berühmtes Bild von der Kirche als alter, runzeliger Mutter auf, die man trotz ihrer Fehler nicht schlägt. Gerade deshalb leide man darunter, dass kirchliche Institutionen sich dem Zeitgeist und den Mächtigen anbiederten und dabei „biblische Wahrheiten und Maxime über Bord“ würfen.
Das Buch ist daher keine kühle kirchenpolitische Analyse, auch kein theologisches Fachbuch, sondern eine Streitschrift. Es lebt von konkreten Beispielen, von Zitaten, von Zuspitzungen und nicht zuletzt von der Frage: Was bleibt von der katholischen Kirche übrig, wenn sie alles das aufgibt, was sie von einer politischen Nichtregierungsorganisation unterscheidet?
Corona als kirchlicher Offenbarungseid
Das erste große Kapitel widmet sich der Corona-Zeit. Für die Autoren war sie eine Art kirchlicher Stresstest – und zugleich ein Offenbarungseid. Ausgangspunkt ist die bekannte Aussage Papst Franziskus’, die Corona-Impfung sei ein „Akt der Liebe“. Die Sobels stellen dem die Erfahrung entgegen, dass Gottesdienste eingeschränkt, Ungeimpfte ausgegrenzt und Sterbende teilweise ohne die von ihnen gewünschten Sakramente geblieben seien. Besonders scharf kritisieren sie kirchliche Amtsträger, die politische und gesundheitliche Vorgaben nicht nur befolgten, sondern moralisch überhöhten.
Ein besonders drastisches Beispiel ist die im Buch zitierte Aussage des damaligen Rottenburger Bischofs Gebhard Fürst, „Querdenkern“ könne das „Hosianna nicht gelten“. Die Autoren stellen dieser Haltung Jesu Wort entgegen: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Noch schwerer wiegt für sie, wenn sogar der Sakramentenempfang unter gesundheitspolitischen Vorbehalt gestellt wurde. Sie zitieren die Anweisung: „Die Spendung der Krankenkommunion kann nur erfolgen, wenn sowohl der Spender, als auch der Empfänger vollständig geimpft sind.“
Für die Sobels ist dies paradigmatisch: Nicht mehr die sakramentale Sendung der Kirche, sondern eine weltliche Gesundheitsdoktrin habe an bestimmten Stellen den Vorrang erhalten. Gerhard Kardinal Müller erscheint in diesem Zusammenhang früh als Gegenfigur. Die Autoren sehen in ihm einen der wenigen Hierarchen, die den Mut besessen hätten, sich gegen Ausgrenzung und politische Gleichförmigkeit zu stellen. Die Grundfrage, die sich hier stellt: Hat die Kirche in der Krise noch als Kirche gehandelt – oder nur als moralisch aufgeladene Verlängerung des Staates?
Lebensschutz: Wo das katholische Profil verschwimmt
Besonders stark wird das Buch dort, wo es Widersprüche sichtbar macht. Kaum ein Feld eignet sich dafür besser als der Lebensschutz. Seit den Anfängen des Christentums gehört der Schutz ungeborenen Lebens zum unverwechselbaren Kern christlicher Moral. Gerade deshalb halten es die Autoren für alarmierend, wenn katholische Verbände und Funktionäre dieses Profil abschwächen. Ausführlich dokumentieren sie die Haltung verschiedener BDKJ-Gliederungen zum „Marsch für das Leben“. Sie verweisen darauf, dass sich Teile des katholischen Jugendverbandes gegen diese Demonstrationen stellten und zugleich Forderungen nach einer Liberalisierung des Abtreibungsrechts unterstützten.
Die Autoren fragen deshalb, warum kirchliche Vertreter bei einem Thema, das unmittelbar zur katholischen Morallehre gehört, plötzlich vorsichtig und differenzierend auftreten, während sie bei Klima, Migration oder „Kampf gegen Rechts“ oft keinerlei Zurückhaltung kennen. Eine besonders interessante Passage betrifft die politische Kontamination des Lebensschutzes. Bischof Stefan Oster wird zustimmend mit der Frage zitiert, ob man nicht gerade dann zu einem Marsch für das Leben gehen müsse, wenn man eine parteipolitische Vereinnahmung verhindern wolle.
Genau darin liegt für die Autoren eines der großen Probleme des deutschen Katholizismus: Die Position wird nicht mehr zuerst danach beurteilt, ob sie katholisch ist, sondern danach, wer sie vertritt. Auch Aussagen führender Vertreterinnen katholischer Organisationen wie Irme Stetter-Karp oder Eva Maria Welskop-Deffaa werden kritisch behandelt. Die Sobels sehen einen unauflösbaren Widerspruch darin, einerseits gegen Abtreibung zu sein, zugleich aber Strukturen zu fördern, durch die Abtreibungen leichter verfügbar werden.
Ein weiteres großes Thema ist die „Klima-Kirche“. Die Autoren bestreiten keineswegs die christliche Pflicht zur Bewahrung der Schöpfung. Ihre Kritik richtet sich gegen eine Umkehrung der Rangordnung. Wo Klima-Andachten, Klima-Fasten, Klimapilgerwege, „Churches for Future“ oder kirchlich begleitete Protestaktionen in den Mittelpunkt treten, drohe die Kirche ihre unverwechselbare Sendung zu verlieren. Die Autoren formulieren scharf: „Hier mutiert nun auch die katholische Kirche zu einer NGO.“ Und sie stellen dem die eigentlichen Aufgaben entgegen: Verkündigung, Seelsorge, Beichte, Sakramente. Sehr überzeugend ist dabei der positive Gegenentwurf. Die Sobels beschreiben Gemeinden, die gerade dort lebendig sind, wo Eucharistie, gemeinsames Gebet, Bibelkreise, Wallfahrten und geistliche Gemeinschaft im Zentrum stehen. Nicht „Churches for Future“, sondern Christus selbst müsse die Mitte sein. Dazu zitieren sie das Herrenwort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Und als eigentliche Regel kirchlicher Unabhängigkeit erinnern sie an die Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Besonders vergnüglich – wenn es nicht zugleich so traurig wäre – sind die Kapitel über kirchliche Sprachpolitik und Gender. Die Sobels greifen dabei ausdrücklich auf Papst Leo XIV. zurück. Sie zitieren seine Kritik an einer neuen Sprache mit „orwellschem Beigeschmack“, die angeblich inklusiv sein wolle, tatsächlich aber diejenigen ausgrenze, die sich bestimmten Ideologien nicht unterwerfen. Die Beispiele, die folgen, wirken teilweise wie Satire. So verweist das Buch auf eine Hildesheimer Handreichung, nach der statt „Der Herr sei mit euch“ nun formuliert werden könne: „Die Geistkraft sei mit euch“. Andere katholische Verbände experimentieren mit „Gott+“ oder „Gott*“. Die Sobels fragen entsprechend spöttisch, ob künftig „Großer Gott Plus wir loben dich“ gesungen werde. Aber der eigentliche Einwand ist ernster: Sprache sei eben nicht bloß Dekoration. Wer liturgische und theologische Sprache nach politischen Kategorien umformt, verändert langfristig auch das Denken.
Wenn Tiefkühlhähnchen durch den Dom fliegen
Ein weiteres starkes Kapitel widmet sich dem Umgang mit Priestern. Im Mittelpunkt steht unter anderem der inzwischen verstorbene Pater Joachim Wernersbach. Er hatte in einer Weihnachtspredigt Gender, Transhumanismus, Wokeness und LGBTIQ-Ideologie kritisiert und von einer Dissonanz gegenüber der göttlichen Schöpfungsordnung gesprochen: „Sie sind nicht im Einklang, nicht in Harmonie mit der unvorstellbar schönen göttlichen Ordnung.“ Nach Darstellung des Buches folgten Beschwerden, öffentlicher Druck und kirchliche Reaktionen gegen ihn. Die Sobels sehen darin ein Symptom: Wer sich offen zur traditionellen kirchlichen Lehre bekenne, müsse sich innerhalb der Kirche zunehmend rechtfertigen. Gerade solche Priester seien aber diejenigen, die viele Gläubige noch in der Kirche hielten. Dem gegenüber stehen Fälle von Priestern und Funktionären, die sich offen von katholischer Sexualmoral oder kirchlicher Disziplin distanzieren und dennoch als „Reformer“ gefeiert werden.
Der vielleicht groteskeste Abschnitt des Buches behandelt den Umgang mit sakralen Räumen. Im Paderborner Dom tanzten bei einer Performance halbbekleidete Künstler im Altarraum, hantierten mit Sensen und jonglierten mit „Tiefkühl-Hähnchen in Windeln“. Die Sobels sehen darin nicht bloß schlechten Geschmack. Für sie geht es um den Verlust des Bewusstseins dafür, dass ein Kirchenraum sakraler Raum ist. Ähnlich kritisch beurteilen sie kirchliche Projekte, in denen Kirche bewusst möglichst wenig nach Kirche aussehen soll. In Mainz wird ein kirchlicher Ort beschrieben, der Eltern-Kind-Café, Yoga und Erste Hilfe anbietet, aber keine regulären Gottesdienste. Die Autoren fragen deshalb: „Kirche, ohne Heilige Messe oder Wortgottesdienst, ohne Spendung der Sakramente; kann man da noch von ‚Kirche‘ reden?“
Das ist eine der zentralen Fragen des ganzen Buches. Die Antwort liefern sie im Anschluss mit Joseph Ratzinger. Die Kirche sei nicht einfach ein sozialer Treffpunkt, sondern Ort der Gegenwart Gottes. Ratzinger wird mit dem schönen Satz zitiert: „Es gibt nichts Größeres als das, dass Gott selbst als Mensch mit uns redet.“ Und genau daraus folgt, dass Kirche nicht modern wirken muss, indem sie ihr Eigenes abschafft. Otto von Habsburg wird dazu als Autor des Satzes: „Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet.“ zitiert. Der Satz stammt freilich von dem großen dänischen Philosophen Kierkegaard.
Theologie ohne „Theos“
Eines der intellektuell wichtigsten Kapitel behandelt den Zustand der katholischen Universitätstheologie in Deutschland. Hier geht es nicht mehr nur um Symptome, sondern um mögliche Ursachen der Krise. Denn wenn schon diejenigen, die künftige Priester, Religionslehrer und Pastoralreferenten ausbilden, den eigenen Glauben vor allem dekonstruieren, wird der Verlust kirchlicher Identität langfristig institutionalisiert. Das Buch zitiert den Theologen Ulrich Lehner mit der Kritik, gerade kirchentreue Kandidaten hätten es im akademischen Betrieb schwer. Als Beispiel erwähnt er eine praktizierende katholische Theologin, der bescheinigt worden sei, sie nehme den Glauben womöglich „zu ernst für eine Professorin“.
An anderer Stelle wird die Pointe Karl-Heinz Menkes aufgegriffen, dass man die Freiheit theologischer „Lehre oder Leere“ inzwischen entschlossener verteidige als den Glauben an die Gottheit Christi.Die Sobels greifen auch Positionen moderner Dogmatiker an, die traditionelle Vorstellungen von Berufung, Inkarnation oder Sühne relativieren. Im Religionsunterricht setzt sich das Problem fort. Für den künftigen ökumenischen Religionsunterricht in Niedersachsen weisen die Autoren darauf hin, dass von rund 130 verbindlichen Themen nur wenige ausdrücklich Jesus Christus behandeln, während Klima, sexuelle Orientierung, Scharia und buddhistische Meditation breiten Raum einnehmen. Ihr Fazit ist ebenso scharf wie treffend: „Wenn der Religionsunterricht sich als Religionskunde, Ethik für alle, Sammelsurium von Themen und sozialtherapeutischem Schuldienst versteht, schafft er sich auf Dauer ab.“
Missbrauch und der „Missbrauch mit dem Missbrauch“
Großen Raum nimmt die politische Positionierung der Kirche ein. Dabei lautet die These nicht, die Kirche dürfe zu politischen Fragen schweigen. Die Autoren fordern vielmehr eine prophetische Distanz zur weltlichen Macht. Eine im Buch zustimmend zitierte Formulierung bringt dies hervorragend auf den Punkt: „Die Gläubigen brauchen keinen Vormund in der Welt durch Kleriker, aber einen Brückenbauer zu Christus.“ Das Kapitel zur AfD dient dabei als Testfall. Nach Ansicht der Sobels herrscht im deutschen Katholizismus eine auffällige Ungleichbehandlung. Mit linken, grünen oder offen kirchenkritischen Kräften werde gesprochen, konservative oder AfD-nahe Gläubige würden dagegen vielfach moralisch ausgegrenzt.
Die Autoren stellen dabei nicht jede Position der AfD unter kirchlichen Schutz. Ihre Frage lautet vielmehr: Kann eine Kirche glaubwürdig demokratische Offenheit predigen, wenn sie gleichzeitig einen erheblichen Teil ihrer eigenen Gläubigen politisch verdächtig macht? Gleichzeitig kritisieren sie die aus ihrer Sicht naive Haltung vieler Kirchenvertreter gegenüber Islam und Islamismus. Das Buch unterscheidet ausdrücklich zwischen friedlich lebenden Muslimen und islamistischen Bedrohungen, wirft der Kirche aber vor, gerade bei letzterem häufig auszuweichen.
Besonders heikel, aber auch bemerkenswert differenziert fällt das Kapitel zum sexuellen Missbrauch aus. Die Sobels verharmlosen das Versagen der Kirche keineswegs. Sie sprechen von schweren Fehlern der Bischöfe und halten sogar einen kollektiven Rücktrittsversuch des Episkopats für denkbar. Gleichzeitig wenden sie sich aber gegen die Vorstellung, sexuelle Gewalt sei zwangsläufig aus Zölibat, katholischer Sexualmoral oder hierarchischer Kirchenstruktur hervorgegangen. Besonders kritisch sehen sie die Rede von „systemischen Ursachen“. Diese könne dazu führen, die konkrete Verantwortung einzelner Täter zu verwischen und stattdessen die Kirche als solche auf die Anklagebank zu setzen.
Hier liegt nach Ansicht der Autoren auch eine entscheidende Verbindung zum Synodalen Weg. Aus einer notwendigen Missbrauchsaufarbeitung sei ein umfassendes kirchenpolitisches Reformprogramm geworden. Für die deutsche Sitzungskultur zitieren sie Oswald von Nell-Breuning: „Es tagt und tagt – und will nicht hell werden!“ Besonders aufschlussreich ist der Erfahrungsbericht der früheren Synodalen Dorothea Schmidt. Sie berichtet von persönlichem Druck, Mobbing und Ausgrenzung. Ihren Austritt begründete sie damit, nicht an einem Prozess mitwirken zu wollen, „in dem wiederholte Interventionen und Klarstellungen von Seiten vatikanischer Stellen und des Papstes selbst ignoriert wurden.“
Katholikentage als Hochfeste des Zeitgeistes
Auch die modernen Katholikentage bekommen ihr eigenes Kapitel. Die Autoren kritisieren, dass dort Themen wie Klima, Extremismus, Krieg, Gender und soziale Gerechtigkeit dominieren, während zentrale katholische Fragen – etwa der Lebensschutz – vergleichsweise randständig bleiben. Treffend zitieren sie die Diagnose: „Der Katholikentag wird zum Raumschiff, das keinen Bezug zu den Menschen hat.“ Daran schließen sich die Debatten über Segnungen homosexueller Paare und die Konflikte zwischen deutschen Bischöfen und Rom an. Bemerkenswert ist, dass das Buch ausdrücklich auch die Kritik Papst Leos XIV. an förmlichen deutschen Segnungsritualen berücksichtigt.
Das Buch endet nicht resignativ. Im Gegenteil: Das vorletzte Kapitel zeigt, wo die Autoren Hoffnung sehen. Nicht in neuen Strukturen, nicht in Synodalkonferenzen, nicht in weiteren Kommissionen – sondern in lebendigen Gemeinden, Gebetsgruppen, geistlichen Bewegungen und der Rückkehr zu den Quellen. Die Kirche könne gerade in einer orientierungslosen Zeit wieder zum Ort von Verbindlichkeit und Orientierung werden. Dafür müsse sie aber wieder ihre eigentliche Aufgabe entdecken: Verkündigung, Eucharistie, Gebet, Lebensschutz, Schöpfungsordnung und klare moralische Orientierung. Genannt werden unter anderem Sant’Egidio, die Gemeinschaft Charles de Foucauld, Nightfever und die Initiative „Neuer Anfang“.
Bei aller Sympathie für die von den Autoren genannten geistlichen Aufbrüche fällt allerdings eine Leerstelle auf: Die wachsende Anziehungskraft traditionsverbundener katholischer Gemeinden und insbesondere der klassischen römischen Liturgie spielt praktisch keine Rolle. Gerade hier ließen sich jedoch jene Phänomene beobachten, nach denen die Sobels andernorts suchen: junge Gläubige, Familien, Konversionen, Berufungen, eine ausgeprägte eucharistische Frömmigkeit und der Wunsch nach verbindlicher katholischer Lehre. Ein naheliegendes Beispiel wäre – gerade auch nach der scharfen Kritik an der Coronazeit – das Institut St. Philipp Neri mit seiner Berliner Kirche St. Afra, wo die überlieferte Liturgie und ein bewusst katholisches Glaubensleben keineswegs museal gepflegt werden, sondern eine lebendige Gemeinde tragen. Dass dieser Teil des gegenwärtigen katholischen Aufbruchs im Buch kaum in den Blick kommt, ist bedauerlich. Denn vielleicht zeigt sich gerade dort besonders deutlich, dass die Zukunft der Kirche nicht darin liegt, immer ähnlicher wie die säkulare Umwelt zu werden, sondern darin, wieder erkennbar katholisch zu sein.
Kardinal Müller: Die Krise der Kirche ist in Wahrheit eine Krise Gottes
Der theologische Höhepunkt folgt ganz zum Schluss. Gerhard Kardinal Müller überschreibt seinen Beitrag mit „Der Aus-Weg aus der deutschen Kirchenkrise“. Und schon der Beginn macht klar, dass er die Krise wesentlich grundsätzlicher versteht als eine Auseinandersetzung über Kirchenpolitik. Er erinnert zunächst an Romano Guardinis berühmten Satz: „Die Kirche erwacht in den Seelen.“ Hundert Jahre später stellt er dem Nietzsches düstere Diagnose gegenüber: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“
Damit ist Müllers These umrissen: Die Kirchenkrise ist im Kern eine Gotteskrise. Wenn Kirche nur noch als soziale Organisation verstanden wird, muss sie sich ständig rechtfertigen, modernisieren, reformieren und dem Zeitgeist hinterherlaufen. Wenn sie dagegen wirklich Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes ist, besitzt sie einen Auftrag, der sich demokratischer Verfügung entzieht. Deshalb warnt Müller auch davor, wegen der gegenwärtigen Kirchenkrise die Kirche selbst zu verlassen: „lieber in der Kirche und an ihr leiden, als sich von ihr, die unserer Mutter im Glauben ist, zu trennen“.
Damit schließt sich der Kreis zur Einführung der Sobels. Auf Seite 133 findet sich wohl die theologische Quintessenz des gesamten Bandes: „Eine Erneuerung der Kirche kann es nicht geben durch eine Anpassung an eine Welt ohne Gott, sondern nur durch den ‚Gehorsam des Glaubens‘.“ Damit benennt Müller den eigentlichen Konflikt. Die Kirche ist entweder Stiftung Gottes – oder sie wird zur Verfügungsmasse kirchlicher Funktionäre.
Genau deshalb sieht Müller die „Geburtskrankheit“ des Synodalen Weges in der Leugnung der Sakramentalität der Kirche. Der Synodale Weg behandle die Kirche, als sei sie ein von Menschen konstruiertes Gebilde, das der moderne Mensch nach eigenem Ermessen umformen könne. Dem setzt Müller entgegen: „In Wirklichkeit ist allein der dreifaltige Gott der Gründer und der Grund der Kirche.“ Noch prägnanter wird er beim Offenbarungsverständnis: „Aber es gibt keine neue Offenbarung, die die Wahrheit Christi ergänzt, korrigiert, überholt und jeweils auf den neuesten Stand der Wissenschaft zu bringen hätte.“ Und schließlich jener Satz, der geradezu programmatisch über jeder heutigen kirchlichen Reformdebatte stehen müsste: „Der Heilige Geist ist der Geist des irdischen und erhöhten Christus und nicht das Kondensat zeitgeistiger Ideologien.“
Ein unbequemes und notwendiges Buch
Die Kirche schafft sich ab ist kein ausgewogener kirchenpolitischer Sammelband und will auch keiner sein. Aber es ist ein engagiertes, polemisches und oft sarkastisches Plädoyer für die Rückkehr der Kirche zu ihrer eigenen Identität. Gerade die Fülle der Beispiele macht das Buch stark. Ein Genderstern hier, eine Klima-Andacht dort, ein politischer Bischofstext, ein Tiefkühlhähnchen im Dom, ein queersensibler Religionsunterricht – jedes Beispiel allein ließe sich als Kuriosität abtun. In ihrer Gesamtheit stellen Sylvia und Alfred Sobel jedoch die viel unbequemere Frage: Sind dies wirklich isolierte Fehlentwicklungen – oder sind sie Ausdruck eines systematischen Verlustes katholischer Identität? Dass zu einer tiefer gehenden Darstellung dieser Identität, die nach der Kritik eine echte Liebe zum Katholizismus wecken könnte, nur das Nachwort Müllers vorhanden ist, scheint m.E. eine Schwäche dieses Buches, sofern es nicht nur die erreichen will, die ohnehin fest im Glauben stehen und auch all die Phänomene verurteilen, die in dem Buch eindrücklich vorgeführt werden.
Der Beitrag Kardinal Müllers deutet an, worum es hier gehen müsste: Wo die Kirche nicht mehr von Gott her verstanden wird, wird sie zwangsläufig zu einer Organisation unter anderen. Dann muss sie auf gesellschaftliche Anerkennung hoffen, Mehrheiten suchen, Sprachregeln übernehmen, politische Kampagnen unterstützen und sich permanent als „relevant“ erweisen. Doch gerade darin liegt ihre Selbstabschaffung. Denn die Kirche besitzt längst etwas, das keine Partei, keine NGO, kein Sozialverband und keine Klimabewegung anbieten kann: Christus selbst, sein Evangelium und die Sakramente. Oder noch einmal mit dem im Buch zitierten Joseph Ratzinger: „Es gibt nichts Größeres als das, dass Gott selbst als Mensch mit uns redet.“ Wenn die Kirche diesen Satz wieder ernst nimmt, braucht sie keine künstliche gesellschaftliche Relevanz mehr. Sie wäre wieder das, was sie sein soll: Kirche.
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Sylvia und Alfred Sobel: Die Kirche schafft sich ab. Die Katholische Kirche auf Abwegen. Mit einem Beitrag von Gerhard Kardinal Müller Klappenbroschur DIN A5, 140 Seiten ISBN 978-3-87336-885-9, Veröffentlicht: 28.08.2026 18,00 €. Das Buch kann hier versandkostenfrei bestellt werden: GHV.
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