(David Berger) Der prominente amerikanische Jesuit Thomas Reese hat ausgesprochen, was in manchen kirchlichen Kreisen offenbar längst gedacht wird: Er „hasst“ die überlieferte lateinische Messe. In einem geradezu bizarren Text vergleicht er jene Liturgie, in der Generationen von Heiligen Gott verehrten, sogar mit einem „Zombie“. Damit geht es längst nicht mehr um unterschiedliche liturgische Vorlieben.
Der bekannte amerikanische Jesuit Thomas Reese hat beim „Religion News Service“ einen Beitrag veröffentlicht, dessen Titel zunächst wie eine Karikatur traditionalistischer Kritik klingt: „Why I hate the old Latin Mass: A confession“ – „Warum ich die alte lateinische Messe hasse: eine Beichte“. Das Wort „Hass“ stammt also nicht von seinen Kritikern, sondern von Reese selbst. Noch drastischer wird er im Text: „The old Latin Mass is like a zombie.“ Man habe geglaubt, sie sei tot, aber sie stehe immer wieder auf.
Man muss sich klarmachen, worüber hier ein katholischer Priester spricht. Nicht über irgendeine folkloristische Sonderform oder die Privatmarotte einiger Traditionalisten, sondern über die über Jahrhunderte organisch gewachsene Liturgie des Römischen Ritus. In ihrer Grundgestalt reicht sie weit hinter das Konzil von Trient zurück. In dieser liturgischen Tradition feierten unzählige Heilige das Messopfer, darunter Ignatius von Loyola, der Gründer jenes Ordens, dem Reese angehört. Ausgerechnet ein Jesuit bezeichnet diese Liturgie nun als „Zombie“.
Die Pointe ist unfreiwillig: Reese ärgert sich gerade darüber, dass die Alte Messe nicht gestorben ist. Man habe nach der Liturgiereform geglaubt, sie werde verschwinden oder die Gläubigen würden sich mit einer lateinischen Feier der neuen Liturgie zufriedengeben. Doch genau das geschah nicht. Gerade Menschen, die das Zweite Vatikanische Konzil nur aus Geschichtsbüchern kennen, entdecken heute die traditionelle Liturgie. Wallfahrten wie Paris–Chartres demonstrieren Jahr für Jahr ihre erstaunliche Anziehungskraft auf junge Katholiken.
Wenn aus jesuitischer Liebe Hass wird
Reese versichert zwar, die Menschen, die diese Messe besuchen, nicht zu hassen. Viele seien „gute und fromme Menschen“. Doch gleich darauf folgt die übliche Herablassung: Mit einer „besseren Katechese“ würden sie seiner Ansicht nach die neue Liturgie schätzen lernen. Offenbar kommt ihm kaum der Gedanke, dass ein theologisch gebildeter Katholik die „alte“ Messe gerade deshalb schätzen könnte, weil er versteht, was sie ausdrückt: den Opfercharakter der Eucharistie, die Ausrichtung auf Gott, die Sakralität der Gesten, die Stille des Kanons und die Ehrfurcht vor der Realpräsenz.
Besonders bemerkenswert ist Reeses eigener Weg. Als er 1962 in das Jesuitennoviziat eintrat, wurde selbstverständlich die traditionelle Messe gefeiert. Reese gesteht sogar: „I loved it“ – er liebte sie. Den Übergang zur neuen Liturgie akzeptierte er zunächst aus Gehorsam und lernte später auch diese lieben. Nur: Warum muss aus der Liebe zur neuen Liturgie irgendwann Hass auf die alte werden? Millionen Katholiken besuchen den Novus Ordo, ohne deshalb jene Liturgie zu verachten, die ihre Eltern und Großeltern kannten. Benedikt XVI. hatte gerade deshalb mit Summorum Pontificum versucht, den liturgischen Bürgerkrieg zu überwinden. Sein berühmter Satz bleibt die präziseste Antwort auf Reese: „Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß.“
Manche Begründungen Reeses nehmen groteske Züge an. Weil bei den Festen heiliger Jungfrauen häufig das Evangelium von den klugen und törichten Jungfrauen vorkam, sei er irgendwann davon genervt gewesen: „I was sick of hearing the parable of the wise and foolish virgins.“ Vielleicht besteht der Sinn liturgischer Wiederholung aber gerade darin, dass der Mensch bestimmte Wahrheiten immer wieder hören muss. Und vielleicht gehört die Warnung Christi vor den törichten Jungfrauen, die am Ende vor verschlossener Tür stehen, sogar zu diesen Wahrheiten. Ohnehin wird bei Reese deutlich, dass ihm auch die gegenwärtige Liturgie keineswegs genügt. Er fordert weitere Reformen, andere Übersetzungen und zusätzliche Eucharistische Hochgebete. Sein programmatischer Satz lautet: „Our tradition is to change“ – unsere Tradition bestehe darin, uns zu verändern.
Frauenweihe und queere Messen
Hier dürfte der tiefere Grund des Konflikts liegen. Die Alte Messe ist für ihre Gegner gerade deshalb so provozierend, weil sie der Vorstellung widerspricht, die Liturgie sei ein Material, das jede Generation nach ihren theologischen und pastoralen Vorstellungen neu zusammensetzen könne. Sie steht wie ein steinerner Einspruch gegen den permanenten kirchlichen Umbau. Das passt zu Reeses theologischer Biographie. Der ehemalige Chefredakteur der amerikanischen Jesuitenzeitschrift America gehört seit Jahrzehnten zu den prominentesten Vertretern eines progressiven Katholizismus. Er hat unter anderem kirchliche Positionen zu Empfängnisverhütung, Frauenordination und Homosexualität infrage gestellt. Unter Benedikt XVI. musste er 2005 die Leitung von America abgeben.
Vor diesem Hintergrund bekommt sein Hass auf die traditionelle Liturgie eine zusätzliche Dimension. Denn diese Liturgie transportiert mit geradezu unerbittlicher Klarheit eine katholische Glaubenswelt, die sich nicht beliebig modernisieren lässt: Opfer, Sünde, Gericht, Erlösung, Realpräsenz, Anbetung und die absolute Vorrangstellung Gottes. Vielleicht ist genau das das eigentliche Ärgernis. Mehr als sechs Jahrzehnte nach der Liturgiereform schreibt ein inzwischen hochbetagter Jesuit einen Artikel darüber, warum er die Alte Messe hasst. Allein das zeigt, wie gründlich sich die Hoffnung ihrer Gegner, sie werde einfach aussterben, als Irrtum erwiesen hat.
Der angebliche „Zombie“ ist erstaunlich lebendig. Und vielleicht müsste man Reese deshalb nur eine einzige Frage stellen: Warum erzeugt eine Liturgie, die angeblich historisch erledigt ist, nach sechzig Jahren noch immer derartigen Hass? Benedikt XVI. hatte darauf die katholischere Antwort. Die Kirche kann nicht heute verachten, was sie gestern als heilig verehrt hat. Thomas Reese hat unfreiwillig gezeigt, wie weit sich Teile des progressiven Katholizismus von diesem Grundsatz entfernt haben. Die Alte Messe ist nicht tot. Sie kommt uns mächtiger und größer als je entgegen. Papst Leo steht derzeit vor der Wahl, ob er die Asche des Hasses weiter mit schönen, aber belanglosen Worten verwalten will oder der wahrhaft lebendigen Tradition, der Messe aller Zeiten sein Wohlwollen schenkt.
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