(David Berger) Ulf Poschardt gibt den in die Midlife-Krise geratenen Punk, verspottet den „Shitbürger“ und rebelliert mit großer Geste gegen den Niedergang Deutschlands – nur um am Wahltag wieder bei denen sein Kreuz zu machen, die diesen Niedergang mit angerichtet haben. Matthias Matussek entlarvt die große Punknummer. Und plötzlich drängt sich eine böse Frage auf: Hat Poschardt den „Shitbürger“ erfunden – oder bloß sein eigenes Spiegelbild beschrieben?
Matthias Matussek hat gegenüber vielen Kritikern Ulf Poschardts einen entscheidenden Vorteil: Er kennt ihn. Nicht nur aus Interviews, Podcasts und den mit Lederjacke bewehrten Auftritten des publizistischen Bürgerschrecks, sondern aus gemeinsamen Jahren bei Springer. Wenn Matussek deshalb die gegenwärtige Causa Poschardt kommentiert, hat seine sarkastische Kritik eine besondere Qualität.
Sein entscheidender Einwand lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Poschardt wird weiterhin diejenigen wählen, die all das angerichtet haben, was er nicht will. (Quelle) Das ist deshalb so vernichtend, weil es nicht irgendeine politische Einzelentscheidung betrifft, sondern den Kern der Poschardtschen Selbstinszenierung. Aber zitieren wir ihn selbst, denn keiner kanns so gut wie er: „Das darf doch nicht wahr sein, denkt sich da das Feuillton, der große Aufständische will weiter CDU wählen? Die ganze Punknummer mit den Shitbürgern nur ein Zitat, eine Art sampeln, DJ Posh legt auf?… erschreibt sich mit den angesagtesten rechten Positionen einen Ferrari, ein schon bewundernswertes Timing…“ (Quelle)
Der Punk macht sein Kreuz bei der CDU
Ulf Poschardt gibt seit Jahren den Rebellen. Er liebt schnelle Autos, Punk, Provokationen und das demonstrative Verachten jener bundesrepublikanischen Behäbigkeit, die sich zwischen Lastenfahrrad, Deutschlandfunk und der jeweils neuesten Haltungsempfehlung eingerichtet hat. Sein Lieblingsgegner ist seit einigen Jahren der von ihm so genannte „Shitbürger“: jener saturierte Zeitgenosse, der sich für aufgeklärt, liberal und individuell hält, tatsächlich aber erstaunlich zuverlässig das denkt und tut, was im politisch-medialen Milieu gerade als vernünftig und anständig gilt. Soweit so gut, wenn auch viel Jahre zu spät und mit Positionen, für die er damals bereits gut shitbürgerlich Kritiker an seinen Positionen in sozialen Netzwerken sperrt. Das erinnerte damals bereits eher an ein kleines beleidigtes Mädchen, dessen Bruder Durcheinander in Barbys Traumhaus angerichtet hat, als an einen coolen Punk.
Dieses Bild ist endgültig zerstört, wo der Punk wählen geht. Nach all den wortgewaltigen Abrechnungen mit dem deutschen Niedergang, nach der Kritik an Migration, Bürokratie, Bevormundung, wirtschaftlicher Selbstbeschädigung und politischer Mittelmäßigkeit landet Poschardt offenbar wieder dort, wo der bundesrepublikanische Bürger traditionell landet, wenn er zwar einmal kräftig auf den Tisch hauen, aber anschließend doch lieber nichts Grundsätzliches verändern möchte: bei der CDU.
Die Revolution findet statt. Aber bitte nur bis zur Wahlkabine. Dort wird aus Johnny Rotten wieder Friedrich Merz. Natürlich darf Poschardt CDU wählen. Nur sollte man dann vielleicht die Lautstärke der Punkmusik ein wenig herunterdrehen. Denn irgendwann wird der Abstand zwischen Rhetorik und politischer Konsequenz komisch. Man kann jahrelang vor einem brennenden Haus stehen, wortgewaltig dessen Konstruktion kritisieren, die Architekten beschimpfen und den fortschreitenden Verfall beklagen – und anschließend wieder denselben Bauträger beauftragen. Man kann es tun. Nur sollte man es nicht unbedingt Revolution nennen.
Matusseks gefährlichster Vorwurf: Harmlosigkeit
Genau deshalb trifft Matusseks Spott über Poschardts „Punknummer“ einen empfindlichen Punkt. Seine Kritik ist nicht neu. Schon Anfang 2025 bezeichnete er seinen ehemaligen Weggefährten öffentlich als „Wendehals“ und rechnete in einem offenen Brief mit ihm ab. Doch die aktuelle Kritik geht über alte persönliche Rechnungen hinaus. Sie stellt eine Frage, die Poschardt selbst beantworten müsste: Wie glaubwürdig ist eine Fundamentalkritik an den deutschen Verhältnissen, wenn man bei der entscheidenden politischen Gelegenheit weiterhin jene Partei unterstützt, die diese Verhältnisse über Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet hat?
Gerade für Poschardt ist diese Frage unangenehm. Wenn irgendein linker Feuilletonist ihn „rechts“, „radikal“ oder „populistisch“ nennt, ist das für den selbsternannten Punk fast eine Auszeichnung. Es bestätigt das Bild vom mutigen Bürgerschreck, der den saturierten Konsens aufmischt. Wenn dagegen ein alter konservativer Weggefährte sagt: Lieber Ulf, hinter deiner ganzen Punknummer steckt am Ende doch wieder ein braver CDU-Wähler, funktioniert diese Selbstbestätigung nicht mehr. Dann steht plötzlich nicht Poschardts Radikalität zur Debatte, sondern seine Harmlosigkeit.
Vielleicht ist das überhaupt die treffendste Beschreibung dieser eigentümlichen Form bundesrepublikanischer Rebellion: radikal im Ton, überschaubar im Risiko. Man verspottet das Establishment, ohne sich allzu weit von ihm zu entfernen. Man verhöhnt seine Rituale und bleibt doch innerhalb seiner gesellschaftlichen Leitplanken. Man beklagt die politischen Ergebnisse und setzt sein Kreuz anschließend wieder bei einer Partei, die über Jahrzehnte Regierungsverantwortung getragen hat. Es ist Punk mit Sicherheitsgurt, Airbag und Vollkaskoversicherung.
Der Shitbürger im Spiegel
Damit gelangt man schließlich zu Poschardts eigener Lieblingsfigur. Denn was geschieht, wenn man den Begriff des „Shitbürgers“ einmal gegen seinen Erfinder wendet? Der Shitbürger hält sich schließlich keineswegs selbst für angepasst. Im Gegenteil: Er ist von seiner Aufgeklärtheit, seiner Individualität und seinem kritischen Bewusstsein ausgesprochen überzeugt. Gerade darin liegt die Komik der Figur. Er erkennt den Konformismus überall – nur bei sich selbst nicht. Und wenn es darauf ankommt, bleibt er zuverlässig innerhalb der vorgesehenen Leitplanken.
Poschardt hat diese Figur mit beträchtlicher Beobachtungsgabe beschrieben. Umso interessanter wird die Frage, warum sie ihm offenbar so vertraut ist. Man muss daraus keine psychologische Ferndiagnose basteln. Es genügt ein Mechanismus, den die Psychologie seit langem kennt: Projektion. Menschen können Eigenschaften bei anderen mit bemerkenswerter Schärfe erkennen und bekämpfen, während ihnen verwandte Züge im eigenen Verhalten entgehen. Das abgelehnte Gegenbild hilft zugleich, das gewünschte Selbstbild zu stabilisieren.
Bei Poschardt wäre dieses Selbstbild klar: Hier der unangepasste, freiheitsliebende Punk, dort der saturierte, konformistische Shitbürger. Hier der Mann, der sagt, was andere nicht zu sagen wagen, dort jene, die brav innerhalb des gesellschaftlich vorgesehenen Korridors bleiben. Und dann kommt Matussek und stellt einen Spiegel daneben. Es ist ein wenig wie bei einem Karikaturisten, der sein Leben lang dasselbe hässliche Gesicht zeichnet. Er kennt jede Falte, jede Grimasse und jede Lächerlichkeit dieses Gesichtes und hält seine Zeichnungen triumphierend in die Öffentlichkeit. Bis eines Tages jemand neben seine Staffelei einen Spiegel stellt. Und plötzlich versteht man, warum ihm dieses Gesicht immer so leicht von der Hand ging.
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