Gastbeitrag von Frank Steinkron.
Herrscherliche Attitüde: Es ist ein bemerkenswertes Phänomen, dass monarchische Repräsentationsgelüste in der gegenwärtigen Politikerkaste immer weiter um sich greifen. Am 11. August beispielsweise fuhr Bundesministerin Dorothee Bär zur FEI-Weltmeisterschaften in Aachen mit der niederländischen Kronprinzessin Catharina-Amalia in einer historischen Prunkkarosse ein.
Und bei einem Museumsbesuch auf Schloss Ehrenstein im thüringischen Ohrdruf ließ Ministerpräsident Mario Voigt es sich nicht nehmen, ein lebensgroßes Stoffpferd zu besteigen. Dass Regierende sich dem Volke hoch zu Ross zeigen, ist gleichfalls ein Relikt aus den Zeiten der Monarchie.
Der Herrscher als Reiter, das Volk als Pferd: Besonderer gern präsentierte sich der Monarch in Reiterstandbildern. Mit ihnen verband er eine konkrete Botschaft, die heutigen Politikern nicht mehr geläufig sein dürfte: Das Pferd versinnbildlicht das Volk; und wie das Pferd dem guten Reiter willig gehorcht, so lässt sich das Volk gern von einem fähigen Herrscher lenken.
Ist der Herrscher besonders fähig, muss er das Pferd nicht einmal zügeln, es folgt ihm von selbst. So kann der Philosophenkaiser Mark Aurel auf dem Kapitol in Rom die rechte Hand leutselig zum Gruß erheben und die Linke so entspannt halten, dass die (heute verloren gegangenen) Zügel einst völlig locker zwischen Handteller und Fingern lagen. Das Pferd ist ruhig und zahm – die Seelengröße des Imperators hat sich auf das den Charakter des Tieres beziehungsweise der Untertanen übertragen.
Die Parodie des reitenden Herrschers: Dann gibt es aber auch Herrschergestalten wie den berüchtigten Baron Bomburst im Fürstentum Vulgaria. In dem Spielfilm ‚Tschitti Tschitti Bäng Bäng‘ ruckelt er unter dem Applaus seiner Hofschranzen auf einen mechanischen Holzpferd durch sein Schloss – gespielt von dem unvergesslichen Gerd Fröbe. Der Baron ist eine glänzende Parodie. Er steht nicht mehr für souveräne Herrschaft, sondern für infantile Herrschsucht.
Mario Voigt: der entrückte Parvenü: Doch was repräsentiert der auf dem Riesenpferd hockende Landesvater Thüringens? Gleichfalls kindhafte Geltungssucht?
Man beachte, dass es sich bei dem Ross um ein Schaukelpferd handelt. Steht die Szene also auch noch für unseriöse Schaukelpolitik? Gar für das Verschaukeln der Wähler?
Mit diebischer Freude: Vielsagend ist auch das Treppchen, ohne das Voigt das Pferd nie hätte besteigen können. Es wirkt wie eine Karriereleiter. Voigt hat sie mit allerlei unschönen Tricks erklommen, und nun genießt er es, oben angekommen zu sein. Zufrieden mit der Welt – vor allem aber mit sich selbst – blickt er aus erhabener Höhe in weite Fernen – mit geradezu diebischer Freude. Und wie es scheint, denkt er nicht im Mindesten daran, wieder herabzusteigen. Mache Bilder sind selbstentlarvend.
Hochmut kommt vor dem Fall: Entrückt in solch erhabene Höhen muss sich der kindliche Sonnenkönig aus Thüringen auch nicht um das Volk zu seinen Füßen kümmern! Doch spätestens bei der nächsten Wahl wird selbiges sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Hinterbeine stellen und seinen Möchtegern-Regenten abwerfen.
„Wer nicht hören will, muss fühlen“, lautet eine alte Volksweisheit. „Kinder lernen aus den Folgen“, sagt ein klassisches Erziehungshandbuch. Diese schmerzhaften Folgen erläutert ein altes Kinderlied: „Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er… Fällt er in den Sumpf, macht der Reiter plumps.“
Aus dem Sumpf, in den Voigt (zurück-)fallen wird, kann er sich dann jedenfalls nicht mehr herausziehen.
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