80 Messerangriffe – jeden Tag: Deutschland gewöhnt sich an den Ausnahmezustand

(David Berger) Es sind Zahlen, die noch vor wenigen Jahren einen nationalen Schock ausgelöst hätten. Heute rauschen sie nahezu geräuschlos durch die Nachrichten. Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2025 in Deutschland rund 29.200 Messerangriffe registriert – durchschnittlich 80 pro Tag. Anders ausgedrückt: Fast jede Viertelstunde wird irgendwo in Deutschland ein Mensch mit einem Messer angegriffen.

Was früher als erschütternde Ausnahme galt, entwickelt sich immer mehr zum bedrückenden Alltag. Besonders alarmierend ist dabei nicht nur die nackte Zahl der Taten, sondern der Wandel im Sicherheitsgefühl der Bevölkerung – und selbst bei den Einsatzkräften. Polizeibeamte berichten längst, dass Einsätze mit der „Tatwaffe Messer“ inzwischen zur Routine geworden seien. Nicht selten treffen sie auf psychisch auffällige Täter, auf aggressive Jugendliche oder auf Personen, die ohne jede Hemmschwelle zum Messer greifen. Was noch vor wenigen Jahren als außergewöhnliche Gefahrenlage galt, gehört heute vielerorts zum normalen Einsatzgeschehen.

Ein Land in Angst vor der Regierung und ihren „Goldstücken“

Dass sich selbst die Polizei an diesen Zustand gewöhnt, ist vielleicht das bedrückendste Signal überhaupt. Es korreliert mit der inzwischen sogar von der UN-Beauftragten mit Schrecken festgestellten, immer größeren Angst der Menschen in Deutschland diese Missstände zu benennen und nach den Ursachen zu fragen.

Eine Gesellschaft, die sich an permanente Gewalt gewöhnt, hat bereits begonnen, ihre Maßstäbe zu verlieren. Die Folgen spüren längst nicht mehr nur die unmittelbaren Opfer. Millionen Menschen passen ihr Verhalten dem neuen Alltag an. Besonders Frauen meiden nach Einbruch der Dunkelheit öffentliche Verkehrsmittel, Unterführungen, Parks oder bestimmte Stadtviertel. Nach Umfragen macht inzwischen die Mehrheit einen Bogen um Orte, die früher selbstverständlich genutzt wurden. Freiheit wird schleichend durch Vorsicht ersetzt.

Besonders erschreckend ist dabei das Alter vieler Täter. Immer häufiger tauchen Kinder, Jugendliche und Heranwachsende in den Polizeiberichten auf. Wer glaubt, Jugend schütze automatisch vor brutaler Gewalt, wird von der Realität täglich widerlegt. Erinnert sei an die zwölfjährige Luise F. in Freudenberg (Nordrhein-Westfalen), die im März 23 mit zahlreichen Messerstichen getötet. Die beiden Täterinnen waren 12 und 13 Jahre alt. Die Zwölfjährige war aufgrund ihres Alters strafunmündig, die Dreizehnjährige ebenfalls, da die Strafmündigkeit in Deutschland erst mit Vollendung des 14. Lebensjahres beginnt.

Spätestens seither stellt sich immer drängender die Frage: Ist ein Strafrecht, das Täter aufgrund ihres biologischen Alters privilegiert, noch zeitgemäß, wenn dieselben Täter mit der Brutalität Erwachsener handeln?

Sie töten wie Erwachsene …

Natürlich braucht ein Rechtsstaat Augenmaß. Nicht jeder Jugendliche ist ein Schwerverbrecher. Doch ebenso wenig darf der Staat die Augen davor verschließen, dass Messerattacken längst kein jugendlicher „Streich“ mehr sind, sondern lebensgefährliche Gewaltdelikte mit oft irreparablen Folgen für die Opfer. Es ist kaum vermittelbar, warum ein Jugendlicher, der bewusst zusticht und dabei den Tod seines Opfers billigend in Kauf nimmt, mit einem Strafrecht rechnen darf, das primär auf Erziehung statt auf den Schutz der Gesellschaft ausgerichtet ist. Wer wie ein Erwachsener tötet oder töten will, muss sich die Frage gefallen lassen, warum er nicht auch wie ein Erwachsener zur Verantwortung gezogen werden sollte.

Die Realität hat sich verändert – das Recht vielerorts nicht. Wenn bereits Kinder mit Messern auf Mitschüler, Lehrer oder Passanten losgehen, genügt es nicht mehr, auf Präventionsprogramme und Sozialarbeit zu verweisen. Prävention bleibt wichtig. Sie ersetzt aber nicht den Schutz der Bürger. Vor allem braucht Deutschland endlich wieder eine Justiz, die den Opferschutz an erste Stelle setzt. Zu oft entsteht der Eindruck, dass besonders Herkunft, aber auch echtes (oder gefaktes) Alter oder schwierige Biographien der Täter ausführlicher diskutiert werden als das Leid der Opfer. Wer nach einer Messerattacke dauerhaft gezeichnet ist oder einen Angehörigen verliert, empfindet solche Debatten zu Recht als Hohn. In den Medien kommen – besonders bei importierter Kriminalität – die Opfer fast nie ein Gesicht. Ihr Leid scheint nicht erwähnenswert.

Gewöhnt euch nicht an die Unfreiheit!

Eine freie Gesellschaft lebt davon, dass ihre Bürger ohne Angst Bus fahren, durch Parks spazieren oder abends nach Hause gehen können. Wenn der Staat diese elementare Sicherheit nicht mehr gewährleisten kann oder will, gerät sein wichtigstes Versprechen ins Wanken, wird der Bereitschaft zur Selbstjustiz immer mehr Vorschub geleistet. Die eigentliche Gefahr besteht deshalb nicht mehr nur in den täglich 80 Messerangriffen. Sie besteht darin, dass Politik und Öffentlichkeit beginnen, diese Zahl als normal hinzunehmen. Genau das darf nicht geschehen. Denn der Ausnahmezustand wird nicht dadurch harmloser, dass man sich an ihn gewöhnt.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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