Wie Ulrich Siegmund selbst seine Gegner gewinnt

(David Berger) Gegner entwaffnen statt beschimpfen: Wie Ulrich Siegmund mit menschlicher Größe, sympathischer Gelassenheit und Dialogbereitschaft selbst Anti-AfD-Demonstranten erreicht.

Es sind oft die kleinen Szenen am Rande politischer Veranstaltungen, die mehr über einen Politiker verraten als jede vorbereitete Rede. Ein kurzer Videomitschnitt, der derzeit in den sozialen Netzwerken kursiert, zeigt den Fraktionsvorsitzenden der AfD Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, im Gespräch mit einer Gruppe von Anti-AfD-Demonstranten. Bemerkenswert ist dabei weniger der politische Schlagabtausch als die Dynamik, die sich innerhalb weniger Minuten entwickelt.

Zu Beginn scheint die Situation von der üblichen Konfrontation geprägt zu sein. Auf der einen Seite politische Gegner, auf der anderen ein führender AfD-Politiker. Man erwartet gegenseitige Vorwürfe, lautstarke Parolen und ein schnelles Ende des Gesprächs. Doch genau das geschieht nicht. Statt Distanz aufzubauen oder die Demonstranten mit scharfen Gegenangriffen zu überziehen, sucht Siegmund auf sehr sympathische Weise das direkte Gespräch. Er bleibt ruhig, hört zu und begegnet seinen Gesprächspartnern mit einer Gelassenheit, die im heutigen Politikbetrieb selten geworden ist. Gerade diese Ruhe verändert die Atmosphäre spürbar.

Er kann es

Besonders aufschlussreich ist der Moment, in dem aus der zunächst aggressiven Stimmung persönliche Anerkennung wird. Am Ende fällt jener Satz, der inzwischen fast sprichwörtlich für viele Begegnungen zwischen AfD-Politikern und ihren Kritikern geworden ist: „Gegen Sie persönlich habe ich ja nichts.“ Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick banal. Tatsächlich offenbart er jedoch ein interessantes Phänomen. Er zeigt, dass zwischen dem mainstreammedial geprägten Bild eines Politikers und der persönlichen Begegnung manchmal ein erheblicher Unterschied besteht. Wer dem politischen Gegner unmittelbar gegenübersteht, erlebt häufig einen Menschen statt eines Feindbildes – oder umgekehrt.

(c) Aktivist Mann – Das gesamte Video finden Sie hier: YOUTUBE.

Genau darin scheint inzwischen eine besondere Stärke Ulrich Siegmunds zu liegen. Er versucht offenbar nicht mehr in erster Linie, politische Gegner inhaltlich zu besiegen. Stattdessen nimmt er ihnen die emotionale Grundlage ihrer Ablehnung. Wo Wut erwartet wird, begegnet ihnen Ruhe. Wo Eskalation naheliegt, entsteht ein Gespräch. Und wo man einen aggressiven Schlagabtausch vermutet, endet die Begegnung mit einem Handschlag oder zumindest mit gegenseitigem Respekt. In Zeiten immer größerer Polarisierung eine Tugend, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann – und die zeigt: er kann Ministerpräsident für alle!

Ganz anders als Merz & Co

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die politischen Unterschiede verschwinden. Niemand wird durch wenige Minuten Gespräch seine Überzeugungen vollständig ändern, aber er beginnt nachzudenken, die Kampagnen und Hetze der gleichgeschalteten Staatsmedien zu hinterfragen. Politische Kommunikation besteht eben nicht nur aus Programmen und Argumenten. Sie lebt – das muss derzeit Merz in umgekehrter Weise schmerzlich erfahren – auch von Vertrauen, Glaubwürdigkeit und persönlicher Ausstrahlung.  Gerade darin unterscheidet sich Siegmunds Auftreten von dem vieler Altparteien-Berufspolitiker. Während politische Debatten häufig in moralischen Verurteilungen oder gegenseitigen Beschimpfungen enden, setzt er sichtbar auf den persönlichen Kontakt. Er begegnet seinen Kritikern nicht als Gegner, die es zu demütigen gilt, sondern als Menschen, mit denen ein Gespräch überhaupt erst möglich sein muss.

Auch das erklärt seine wachsende Popularität weit über die eigene Anhängerschaft hinaus. Wer Menschen mit Respekt begegnet, schafft oft mehr Überzeugungsarbeit als durch die brillanteste Rede, die Siegmund freilich zudem beherrscht. Persönliche Begegnungen können Vorurteile schneller abbauen als monatelange Kampagnen in sozialen Netzwerken. Der kurze Videoclip liefert dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Er zeigt, dass politische Auseinandersetzung nicht zwangsläufig in Feindseligkeit enden muss. Im Gegenteil: Manchmal genügt ein ruhiges Gespräch, um aus einer aufgeheizten Konfrontation einen Moment gegenseitigen Respekts entstehen zu lassen. Gerade in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung ist das vielleicht die Botschaft, die dieses Video so besonders macht.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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