Der Gipfel der Merz-Blamage: Ausgerechnet Linnemann wird Gesundheitsminister

(David Berger) Mit seiner heutigen Kabinettsumbildung hat Friedrich Merz ein neues Level an Peinlichkeit erreicht. Viele Personalentscheidungen wirken beliebig, fachliche Kompetenz scheint erneut hinter parteipolitischen Erwägungen zurückzustehen. Den wohl unfreiwilligen Höhepunkt bildet jedoch die Ernennung von Carsten Linnemann zum Gesundheitsminister – ausgerechnet jenes Politikers, der noch vor einem Jahr selbst erklärte, warum er für dieses Amt ungeeignet sei.

Es gibt politische Zitate, die altern schlecht. Und es gibt solche, die nicht einmal ein Jahr überleben. Zu letzterer Kategorie gehört wohl eine Aussage von Carsten Linnemann aus dem Jahr 2025. Damals erklärte der heutige CDU-Politiker mit bemerkenswerter Nüchternheit: „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen. Die Leute hätten gesagt: ,Warum wird der Gesundheitsminister? Was hat der damit zu tun?‘ Deshalb: Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

Ein Satz, der damals wie ein wohltuender Rest gesunden Menschenverstands klang. Denn tatsächlich erwarteten viele Bürger früher einmal, dass Minister wenigstens eine gewisse fachliche Nähe zu ihrem Ressort mitbringen. Wer Verkehrsminister wurde, sollte sich mit Verkehr auskennen. Wer Verteidigungsminister wurde, idealerweise mit Sicherheitspolitik. Und wer das Gesundheitsministerium übernahm, wenigstens irgendeinen Bezug zum Gesundheitswesen haben.

Doch diese Zeiten scheinen endgültig vorbei zu sein. Im Zuge der Kabinettsumbildung unter Friedrich Merz wird nun ausgerechnet jener Carsten Linnemann Gesundheitsminister, der selbst noch vor wenigen Monaten öffentlich erklärte, genau dafür nicht der richtige Mann zu sein.

Hat Linnemann inzwischen Medizin studiert?

Was hat sich seitdem geändert? Hat Linnemann inzwischen Medizin studiert? Hat er jahrelang Krankenhäuser geleitet? Hat er wissenschaftlich zur Gesundheitspolitik gearbeitet? Kontakte zur Pharmaindustrie geknüpft – eventuell sogar mit Pfizer und mit Hilfe Frau von der Leyens? Oder hat er schlicht seine eigene Einschätzung widerrufen? Nichts davon ist bekannt.

Geändert hat sich vielmehr die politische Lage. Offenbar zählt in Berlin heute weniger die Frage, wer für ein Amt geeignet ist, sondern wer innerhalb der Partei gerade versorgt, eingebunden oder strategisch platziert werden muss. Ministerposten erscheinen zunehmend als Figuren auf einem parteipolitischen Schachbrett – nicht als Ämter, die nach Kompetenz vergeben werden. Besonders unerquicklich ist dabei nicht einmal die Personalentscheidung selbst. Über die Fähigkeiten Linnemanns als Minister wird letztlich seine Amtsführung entscheiden.

Peinliche Beliebigkeit bei Merz

Viel aufschlussreicher ist die völlige Beliebigkeit, mit der offenkundige Widersprüche inzwischen behandelt werden. Aussagen, die gestern noch als vernünftige Selbsteinschätzung galten, werden heute einfach ignoriert. Niemand fühlt sich bemüßigt zu erklären, warum plötzlich das Gegenteil gelten soll. Dabei wäre gerade Ehrlichkeit eine seltene Tugend in der Politik. Hätte Linnemann gesagt: „Ich habe meine Meinung geändert. Ich traue mir diese Aufgabe inzwischen zu“, könnte man darüber diskutieren. Stattdessen geschieht das, was inzwischen zum politischen Alltag geworden ist: Man setzt auf das kurze Gedächtnis der Öffentlichkeit.

Das eigentliche Problem reicht allerdings weit über diese Personalie hinaus. Es ist Ausdruck eines Politikverständnisses, bei dem Ministerien immer weniger als fachliche Leitungsämter verstanden werden, sondern als Instrumente innerparteilicher Machtbalance. Deutschland erlebt seit Jahren eine bemerkenswerte Entwertung politischer Verantwortung. Die Frage nach Qualifikation wird regelmäßig durch Loyalität ersetzt, Erfahrung durch Parteitaktik und Kompetenz durch Proporz. Dabei hatte Linnemann selbst den entscheidenden Satz bereits formuliert. „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Manchmal ist der schärfste Kommentar zur Politik eben ein Zitat des Politikers selbst.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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