(David Berger) Mit einem neuen Reformpaket will die Bundesregierung die Regeln für Krankmeldungen deutlich verschärfen. Künftig sollen Arbeitnehmer bereits ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vorlegen müssen. Gleichzeitig soll die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung entfallen. Was die Koalition als Beitrag gegen hohe Fehlzeiten verkauft, stößt nicht nur bei der Opposition, sondern auch bei Ärzten und sogar SPD-Politikern auf scharfe Kritik.

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Martin Sichert, spricht von einem „völligen Wahnsinn“. Die Pläne würden Hausarztpraxen massiv zusätzlich belasten, wertvolle Behandlungszeit vernichten und eine Kultur des Misstrauens gegenüber Millionen ehrlicher Arbeitnehmer etablieren.
„Statt die hart arbeitende Bevölkerung zu stärken, führt die Bundesregierung eine Misstrauenskultur ein“, erklärt Sichert. Die zusätzliche Bürokratie werde weder Patienten noch Ärzten helfen, sondern lediglich Wartezimmer füllen und die Versorgung verschlechtern.
Überraschend breite Front gegen die Pläne
Bemerkenswert ist allerdings, dass diese Kritik längst nicht nur von der AfD kommt. Tatsächlich findet sich inzwischen eine ungewöhnlich breite Allianz aus Ärzten, Gesundheitsexperten und sogar Politikern der Regierungsparteien. So bezeichnete Jana Husemann, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Hamburg, die Pläne als „nicht nachvollziehbare Fehlentscheidung“. Deutschland gehe damit einen Sonderweg, während in vielen anderen europäischen Staaten ein ärztliches Attest erst nach fünf bis sieben Krankheitstagen erforderlich sei. Nach ihrer Erfahrung sei Missbrauch die Ausnahme, nicht die Regel. Auch die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung lehnt sie entschieden ab.
Ähnlich äußert sich Jens Lassen, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Schleswig-Holstein. Er warnt vor einem sprunghaften Anstieg der Patientenzahlen in den Praxen. Die Folge werde sein, dass für schwer kranke Menschen weniger Zeit bleibe.
Kassenärzte fordern sogar das Gegenteil
Noch weiter geht Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Er hatte bereits Anfang des Jahres gefordert, die Attestpflicht in den ersten Krankheitstagen grundsätzlich abzuschaffen. Niemand müsse sich in den ersten drei Tagen eine Krankheit ärztlich bestätigen lassen, erklärte Gassen. Wer betrügen wolle, könne dies ohnehin auch mit Arztbesuch tun. Statt zusätzlicher Bürokratie plädiert er für mehr Vertrauen und vernünftige Lösungen.
Die Bundesregierung begründet ihre Pläne mit den zuletzt hohen Krankenständen. Ob ausgerechnet zusätzliche Arztbesuche dieses Problem lösen, erscheint jedoch fraglich. Kritiker verweisen darauf, dass gerade Hausarztpraxen bereits heute vielerorts überlastet sind. Die Folge könnte sein, dass Menschen mit leichten Erkältungen Praxen aufsuchen müssen, während chronisch Kranke oder Patienten mit ernsten Beschwerden noch länger auf Termine warten. Gleichzeitig würden infektiöse Patienten wieder vermehrt in Wartezimmern sitzen – ein Problem, das die telefonische Krankschreibung gerade entschärfen sollte.
Ob man die Position der AfD teilt oder nicht: Bemerkenswert ist, dass Martin Sichert mit seiner Kritik keineswegs allein steht. Hausärzte, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und sogar SPD-Gesundheitsminister warnen nahezu wortgleich vor mehr Bürokratie, überfüllten Praxen und einer Misstrauenskultur gegenüber Arbeitnehmern. Wenn selbst diejenigen Alarm schlagen, die das Gesundheitssystem täglich tragen oder politisch mitverantworten, sollte die Bundesregierung ihren Kurs noch einmal gründlich überdenken. Denn eine Reform, die Ärzte belastet, Patienten schadet und ehrliche Arbeitnehmer unter Generalverdacht stellt, dürfte kaum als Erfolgsgeschichte in die Gesundheitspolitik eingehen.
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