Vom Recht zu sterben zur Pflicht zu sterben? Die gefährliche Logik der Euthanasie

Die Euthanasie breitet sich in westlichen Gesellschaften immer weiter aus – begleitet vom Versprechen auf Selbstbestimmung und einen „würdigen Tod“. Doch gerade die Menschenwürde verlangt eine andere Antwort: eine neue ars moriendi, die Sterben nicht technisch beseitigt, sondern wieder als letzten Teil des menschlichen Lebens begreift. Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.

Im Schatten politischer Dauerkrisen breiten sich verschiedene Formen sogenannter Sterbehilfe klammheimlich immer weiter aus. Im ehemals christlichen Spanien ebnet die sozialistische Regierung der Euthanasie den Weg. Alle Hürden sollen fallen. Angehörigen schwerkranker Menschen soll bei einer Entscheidung bezüglich von Sterbehilfe das Mitspracherecht entzogen werden. Welche fatalen Folgen dies haben kann, zeigte jüngst ein Fall aus Kanada: Dort wurde die 83-jährige Brigitte Stegemann gegen ihren eigenen Willen und den ihrer Angehörigen zuerst zur Euthanasie überredet und schließlich vom Klinikpersonal getötet. Da das Einverständnis fehlte, ist hier weniger von „Sterbehilfe“, sondern eher von „Mord“ zu sprechen.

Nach dem berühmten Ausspruch von Goethes Leibarzt Christoph Wilhelm Hufeland, wird der Arzt, der sich anmaßt, über Wert oder Unwert des Lebens zu entscheiden, zum gefährlichsten Mann im Staate. Mit der Zulassung von Euthanasie werden Ärzte und Pflegepersonal jedoch genau in diese Entscheidungssituation gedrängt. Aufgrund der demographischen Lage der westlichen Industrienationen wird zusätzlicher politischer Druck aufgebaut: Immer weniger junge Erwerbstätige müssen immer mehr alte Menschen durch das Umlageverfahren finanziell versorgen. Diese Ausgangslage schwingt unausgesprochen im Hintergrund der Euthanasiedebatte mit. „Nicht, als ob die demographische Lage in diesem Zusammenhang als Argument auftauchte und Euthanasie als Lösung empfohlen würde. Das wäre kontraproduktiv. Der Zusammenhang entfaltet gerade als latenter seine volle Wirkung“, schrieb schon vor vielen Jahren der Philosoph Robert Spaemann. Teils aus ideologischen, teils aus ökonomischen Gründen schlägt das gesellschaftliche Klima heute massiv zugunsten der Euthanasie aus.

Nur der Mensch kann sterben

Im Zentrum der heutigen Euthanasiediskussion steht der Begriff „Menschenwürde“. Es ist schon bemerkenswert, dass sich sowohl Gegner als auch Befürworter der Sterbehilfe auf die Würde des Menschen beziehen und versuchen, diese für ihre Position in Anspruch zu nehmen. Für Sterbehilfebefürworter ist beispielsweise der assistierte Suizid ein letzter kraftvoller Ausdruck menschlicher Autonomie und damit der Menschenwürde. Gegner argumentieren hingegen, dass diese Sicht viel zu abstrakt sei, da sie die soziale Dimension des Sterbens ausblende. Anerkennung der Menschenwürde beginne immer mit einem „Ja zum Leben“ des Einzelnen. Euthanasie, in welcher Form auch immer, ist deshalb für sie nicht Anerkennung, sondern Negation menschlicher Würde.

In politischen Debatten wird der Begriff „Menschenwürde“ oft missbraucht oder sinkt zu einer wohlfeilen Floskel für Sonntagsreden herab. Zwischen Sterbehilfe und der Würde des Menschen besteht jedoch eine natürliche Verknüpfung. Denn Sterben ist etwas spezifisches Menschliches, wie bereits unsere Sprache sehr gut zum Ausdruck bringt: Die Pflanze „geht ein“, das Tier „verendet“, aber der Mensch „stirbt“. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist das Wissen um die eigene Sterblichkeit. Genau dieses Wissen gibt auch seinem Leben eine eigentümliche Prägung, der er sich nicht entziehen kann. Für den Menschen ist der Tod im Leben selbst gegenwärtig (media in vita in morte sumus). Er kann sein Leben im Angesicht des Todes ordnen, sein Sterben bewusst gestalten. „Die Sterberiten der Religionen, die meditatio mortis als Einübung ins Sterben, setzen voraus, dass das Zuendegehen des Lebens für den Menschen nicht einfach ein Verlöschen ist, sondern ein Letztes, das ihm zu tun abverlangt wird“, schreibt Spaemann dazu. Doch nicht nur der einzelne Mensch selbst, auch seine nächsten Angehörigen sind, indem sie an Sterberiten und Begräbnisfeier aktiv teilnehmen, zutiefst in das Sterben eingebunden. Durch die Teilnahme an den Riten sind die Angehörigen „Sterbehelfer“ im religiösen und psychologischen Sinn. Das Grab drückt den Wunsch nach Erinnerung, die Ehrfurcht vor dem Toten und oft die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod aus.

Die künstliche Verbannung des Todes

Wenn wir unseren heutigen Alltag betrachten, scheint diese Sicht des Sterbens jedoch völlig in den Hintergrund geraten zu sein. Die klare Unterscheidung – das Tier verendet, der Mensch stirbt – verschwimmt zusehends. Das Sterben in Krankenhäusern und Altenheimen vollzieht sich zunehmend einsam und ritenlos, gleicht sich also äußerlich dem Verenden des Tieres an. Während Hochzeiten immer pompöser gefeiert werden, werden Begräbnisfeiern immer reduzierter und kärglicher. In vielen Fällen soll es einfach nur schnell und unkompliziert gehen. Parallel zu dieser Verarmung des menschlichen Begräbnisses entsteht der eigenartige Trend, Haustiere religiös zu „beerdigen“ oder ihnen Grabsteine zu errichten – ein Verhalten, das zu früheren Zeiten zweifellos als schlimmer Frevel angesehen worden wäre.

Hinter all diesen Phänomenen steckt eine fundamental veränderte Grundeinstellung zu Tod und Sterben. Christen beteten zu früher, von „einem jähen und unvorhergesehenen Tode“ bewahrt zu bleiben. Die Menschen wollten die Gelegenheit haben, das Sterben als letzten Lebensabschnitt bewusst zu gestalten, eventuell zu beichten oder sich ein letztes Mal mit den Angehörigen auszusprechen, die Dinge für die Hinterbliebenen zu regeln. Heute herrscht eher die Einstellung „Nach mir die Sintflut“ vor. Der jähe und unvorbereitete Abbruch des Lebens ist von einem Schreckensbild zu einer Wunschvorstellung geworden. Man möchte das Leben genießen bis irgendwann das Unvermeidliche eintritt. „Hauptsache, es geht schnell und ich muss nicht leiden“, ist die menschlich verständliche Einstellung vieler.

Heute hat ein gesellschaftlicher Wandel von einer Kultur des Sterbens (ars moriendi) zu einer Kultur der Todesverdrängung stattgefunden. Der Tod, der im Leben eines jeden Menschen als „Elefant im Raum“ steht, wird ignoriert. „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr,“ lautet ein berühmter Ausspruch von Epikur. Durch den vergeblichen und hilflosen Versuch, den Tod aus dem Leben auszuschließen, wird dieser Grundsatz heute in die Praxis umgesetzt. Die Haltung zu Tod und Sterben ist bei vielen Menschen von Sprachlosigkeit und einer tiefen Verlegenheit gekennzeichnet.

Für eine neue ars moriendi

Die Verdrängung und die Entmenschlichung des Todes bieten den Nährboden für die Ausweitung der Euthanasie. Seit der Aufhebung des Verbots der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe im Jahr 2020 durch das Bundesverfassungsgericht hat sich die Zahl der assistierten Suizide fast verzehnfacht. Bereits heute befürworten über 70 Prozent der Deutschen sogar die aktive Sterbehilfe. Hinzu kommt die Ideologie eines extremen Liberalismus, der die vermeintliche Selbstbestimmung des Menschen verabsolutiert. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich dazu in einem Interview bei La Croix folgendermaßen geäußert: „Es gibt eine Kontinuität in unserem Handeln: Es geht darum, dem Einzelnen die Kontrolle über sein eigenes Schicksal zurückzugeben, sei es zu Beginn des Lebens, im Laufe des Lebens oder an dessen intimstem Ende.“ Die Aussage zeigt, dass der gleichzeitige Vormarsch scheinbar so unterschiedlicher Themen wie Abtreibung („Zu Beginn des Lebens“), Gender („im Laufe des Lebens“) und Sterbehilfe („an dessen intimsten Ende“) nicht zufällig ist. Alle drei gehen aus dem radikalisierten Linksliberalismus hervor.

Der systemische Druck auf weitere Liberalisierungen der Euthanasie ist heute enorm. Unter gleichbleibenden Umständen erscheint eine Etabilierung als reguläre medizinische Leistung wahrscheinlich. In Kanada werden bereits jetzt 5 Prozent aller Todesfälle durch „Tötung auf Verlangen“ verursacht. Die aktive Sterbehilfe hat in Kanada den assistierten Suizid nahezu vollständig ersetzt. Die Berufsethik des Arztes wird dadurch völlig auf den Kopf gestellt: Er wird vom „Diener des Lebens“ zum „Auftragsmörder“.

Denn oftmals wünscht sich nicht die betroffene Person selbst die Lebensbeendigung durch den Arzt, sondern Außenstehende: Aufgrund von Kosten-Nutzen-Rechnungen drängen Krankenhäuser Patienten immer häufiger zu dieser Art von „Sterbehilfe“. Alten, Kranken und Behinderten wird auf diese Weise das Gefühl gegeben, gesellschaftliche Schmarotzer zu sein, die besser Platz machen sollten, um die Allgemeinheit nicht weiter zu belasten. Der angeblich selbstbestimmte Tod kehrt sich dadurch schleichend um in eine „Pflicht zum Sterben“. So zynisch es klingt: in Kanada hat sich die Euthanasie bereits zum staatlichen Sparkonzept für ein massiv überlastetes Sozial- und Gesundheitssystem entwickelt. Man kann sich fragen, wann man wohl in Deutschland auf ähnliche Gedanken kommen wird.

Was der Einzelne heute vor allem tun kann, ist, die eigene Einstellung zum Sterben zu verändern, sich damit bewusst auseinanderzusetzen. Die Suche nach dem guten oder gelingenden Leben des heutigen Menschen ist an sich völlig berechtigt. Doch die Verdrängung des Todes ist ein kolossaler Selbstbetrug, der nicht glücklich machen kann und die unterschwellige Todesangst nicht beseitigt. „Wir brauchen wieder eine ars moriendi (Kunst des Sterbens), das heißt eine aktive Auseinandersetzung mit Sterben und Tod, die uns so zu einem gelingenden Leben einer ars bene vivendi (Kunst des guten Lebens) führt“, schreiben die Medizinethiker Gerrit Hohendorf und Fuat Oduncu in ihrem Buch „Vom guten Sterben“. Das Nachdenken über den Tod eröffne „neue Chancen, den Blick auf das Wesentliche im Leben zu richten.“ Nur wer gut sterben will, kann auch gut leben. Die Reflexion über die eigene Sterblichkeit, die Vorbereitung auf den Tod, sind nicht Symptom einer depressiven Verstimmung, sondern „menschlich“ im vollen Sinn des Wortes. Diese Menschlichkeit gilt es heute wiederzugewinnen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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