Ukraine-Konflikt: Deutschland ist längst Kriegspartei

(David Berger) Es kommt nicht oft vor, dass ausgerechnet die Berliner Zeitung einen Debattenbeitrag veröffentlicht, der eine derart grundlegende Frage stellt, dass man sich wundert, warum sie in der deutschen Öffentlichkeit bislang nahezu tabuisiert wurde: Ist Deutschland im Ukrainekrieg tatsächlich noch bloßer Unterstützer – oder faktisch längst Kriegspartei? Genau dieser Frage geht der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang J. Hummel in einem ausführlichen Gastbeitrag nach. 

Während Bundesregierung und große Teile der Leitmedien seit Jahren mit Nachdruck betonen, Deutschland sei „keine Kriegspartei“, hält Hummel dagegen: Entscheidend sei nicht die politische Sprachregelung, sondern die tatsächliche Art der militärischen Beteiligung.

Dabei erinnert er zunächst an frühere Konflikte. Bereits im Kosovo-Krieg 1999 habe Deutschland unmittelbar militärisch an den NATO-Luftangriffen teilgenommen, obwohl damals bewusst vermieden worden sei, von einem „Krieg“ zu sprechen. Ähnlich sei auch der Afghanistan-Einsatz offiziell nicht als Krieg bezeichnet worden, obwohl 59 deutsche Soldaten dort ihr Leben verloren. Schon diese Beispiele zeigten, dass politische Begriffe und völkerrechtliche Realität keineswegs immer deckungsgleich seien.

Besonders interessant wird seine Analyse dort, wo sie die heutige Form moderner Kriegsführung beschreibt. Denn Kriege werden längst nicht mehr nur mit Soldaten, Panzern oder Kampfflugzeugen geführt. Daten, Satellitenaufklärung, digitale Gefechtsfeldinformationen und künstliche Intelligenz sind inzwischen mindestens ebenso entscheidend wie klassische Waffen.

Deutschland finanziert einen erheblichen Teil der Satellitenaufklärung für ukrainische Militäroperationen

Nach Darstellung Hummels finanziert Deutschland einen erheblichen Teil jener Satellitenaufklärung, ohne die viele ukrainische Militäroperationen kaum möglich wären. Bezahlt würden unter anderem Starlink-Kapazitäten sowie französische und finnische Satellitendienste. Zudem existiere seit April 2026 eine offizielle Vereinbarung zwischen Bundeswehr und ukrainischen Streitkräften über den Austausch von Gefechtsfelddaten und die Analyse deutscher Waffensysteme im Kampfeinsatz. Damit gehe die Zusammenarbeit weit über bloße Waffenlieferungen hinaus.

Gerade hierin sieht Hummel den entscheidenden Punkt. Waffen zu liefern sei nach überwiegender völkerrechtlicher Auffassung für sich genommen noch keine unmittelbare Kriegsbeteiligung. Wer jedoch operative Aufklärungsdaten bereitstellt, Zielinformationen liefert und den Kampfeinsatz in Echtzeit unterstützt, überschreite möglicherweise genau jene Schwelle, an der aus einem Unterstützer ein Konfliktbeteiligter werde.

Ob diese juristische Bewertung letztlich von internationalen Gerichten geteilt würde, bleibt offen. Hummel behauptet keineswegs, die Rechtslage sei eindeutig. Er macht aber überzeugend deutlich, dass die Bundesregierung die Öffentlichkeit seit Jahren mit einer Formel beruhigt, deren Tragfähigkeit zunehmend fragwürdig erscheint. Genau diese Debatte hätte eigentlich längst geführt werden müssen.

Von Deutschland ermöglichte Angriffe tief im russischen Kernland

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der bislang kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Deutschland unterstützt nach den im Beitrag zusammengetragenen Informationen inzwischen nicht mehr nur die Verteidigung ukrainischen Territoriums. Vielmehr gehe es zunehmend auch um Angriffe tief im russischen Kernland, bei denen deutsche Technologien, Daten oder gemeinsame Entwicklungen zumindest mittelbar eine Rolle spielten. Damit steigt zwangsläufig das Risiko einer weiteren Eskalation.

Besonders nachdenklich stimmt Hummels Hinweis auf die Dynamik moderner Kriegsführung. Entscheidungen würden heute teilweise in Sekunden getroffen. Künstliche Intelligenz, automatisierte Systeme und digitale Vernetzung erhöhten die Geschwindigkeit militärischer Abläufe erheblich. Dadurch wachse zugleich die Gefahr von Fehlinterpretationen und unbeabsichtigten Eskalationen.

Gerade dieser Gedanke erinnert an Christopher Clarks viel beachtetes Werk Die Schlafwandler, auf das Hummel ausdrücklich verweist. Auch vor dem Ersten Weltkrieg habe keine der beteiligten Mächte den großen europäischen Krieg bewusst angestrebt. Vielmehr hätten Fehleinschätzungen, Missverständnisse und gegenseitige Eskalationen schließlich in die Katastrophe geführt.

Ist dieser Krieg nicht schon längst unser Krieg?

Hummels Beitrag zwingt dazu, eine Frage zu stellen, der Politik und Leitmedien seit Jahren ausweichen: Wo endet legitime Unterstützung eines angegriffenen Staates – und wo beginnt eine faktische Beteiligung am Krieg? Diese Debatte ist überfällig. Wer Milliarden in Waffen, Ausbildung, Aufklärung, Satellitendaten und operative Gefechtsfeldinformationen investiert, sollte jedenfalls nicht so tun, als ginge ihn dieser Krieg nur am Rande etwas an.

Die eigentliche Gefahr besteht nicht nur darin, dass Deutschland bereits als Kriegspartei einzustufen ist. Weitaus bedenklicher ist, dass die Bundesregierung offenbar immer tiefere Stufen der militärischen Beteiligung beschreitet, ohne darüber eine offene gesellschaftliche Diskussion zu führen. Gerade in einer Demokratie darf eine derart folgenschwere Entwicklung nicht hinter technischen Begriffen wie „Unterstützung“, „Vernetzung“ oder „Datenaustausch“ verborgen werden.

Wolfgang J. Hummel hat deshalb der öffentlichen Debatte einen wichtigen Dienst erwiesen. Sein Beitrag sollte Pflichtlektüre für alle sein, die noch immer glauben, Deutschland befinde sich lediglich in der Rolle eines unbeteiligten Beobachters.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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