Am 1. Juli 2026 wird die der traditionellen katholischen Liturgie und Weltanschauung verbundene Priesterbruderschaft St. Pius X. in Écône (Wallis, Schweiz) ohne Erlaubnis des Papstes erneut Bischöfe weihen – ein Schritt von historischer Tragweite. Während viele Beobachter die bevorstehenden Weihen zunächst mit jenen des Jahres 1988 vergleichen, sehen zahlreiche Katholiken der Tradition die Lage heute grundlegend anders. Nach einem weiteren Jahr des Pontifikats von Papst Leo XIV. sei, so ihre Einschätzung, die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr Roms zur überlieferten Lehre und Liturgie weitgehend geschwunden. Die neuen Bischofsweihen erscheinen ihnen deshalb nicht als Akt der Eskalation, sondern als notwendige Konsequenz einer kirchlichen Entwicklung, die sich über Jahrzehnte abgezeichnet habe.
Der folgende Gastkommentar* versucht, diese Sichtweise einzuordnen. Er versteht die Weihen nicht allein als organisatorische Absicherung der Priesterbruderschaft, sondern als Ausdruck einer tiefgreifenden theologischen und kirchenpolitischen Zäsur.
Nicht 1988
Die Weihen vom 1. Juli sind folgerichtig. Wenn es nicht zu deterministisch klingen würde, könnte man sie auch unausweichlich nennen. Warum? Natürlich fällt einem sofort die durchaus zutreffende Antwort ein, dass das Werk der Tradition langfristig nur so gesichert werden kann. Wollte man die Dinge aber nur so betrachten, so wäre dies vielleicht ein wenig zu materialistisch gedacht. Warum also wirklich? Ich glaube, und es würde sich vielleicht einmal lohnen, diese These wissenschaftlich zu bearbeiten, ich glaube also, dass diese Weihen deswegen folgerichtig sind, weil sich in der Kirche etwas wesentliches verändert hat. Während nämlich die ersten Konzilspäpste noch die Fiktion aufrechterhalten haben, dass sich durch das Konzil und das, was danach kam, nichts wesentliches in der Kirche geändert habe, haben Bergoglio und Prevost diese Fiktion nun aufgegeben. Sie haben damit auch jede Hoffnung zerstört, dass die Kirche jemals zur Normalität zurückfinden, dass Rom sich m. a. W. bekehren könnte.
Solange Bergoglio noch regierte, konnte man diesen Zustand noch als Ausreißer betrachten und hoffen, dass die Kirche sich nach seinem Tode, vielleicht gerade aufgrund der schockierenden Erfahrung dieses Pontifikats, reformieren würde. Nun aber, nach einem Jahr Prevost, hat sich diese Hoffnung auf Bekehrung einmal mehr und, so scheint es, final als trügerisch erwiesen. Die logische Konsequenz dieser Bestandsaufnahme ist, dass es für die Tradition keinen Sinn mehr hat, länger auf Rom zu warten. Rom wird nicht kommen.
Eine Mozzetta macht noch keinen guten Papst
Ich bin mir sicher, dass dieser Schritt, den die Piusbrüder nun gehen, auf die Gemeinschaft und ihr Apostolat wie ein Aufbruchssignal wirken wird. Die Freude über die neuen Bischöfe wird deutlich ungetrübter sein können als 1988. Man kann das jetzt schon an den Kommentaren in sozialen Medien ablesen. Das Vertrauen in Rom ist bei vielen Katholiken zusammengebrochen, und zwar noch in seinen letzten Resten. Die Krise der Kirche stellt sich immer mehr als bloße Zweigstelle der großen Krise der Institutionen in der westlichen Welt dar. Dass in dieser Situation der Bruderschaft weltweit eine ganz andere Relevanz zuwächst als nach 1988, liegt auf der Hand. Während also die Weihen aller Voraussicht nach zu einem Aufblühen der Tradition führen werden, wird sich der Niedergang der Konzilskirche nun wohl beschleunigen. Wie lang der Goodwill anhält, der bei mehr auf Äußerlichkeiten achtenden Katholiken Prevost entgegengebracht wird, bleibt abzuwarten. Mozettam induere atque stolam pontificalem bis mutare per diem plane non sufficit (frei übersetzt: „Das Anlegen der Mozzetta und der häufige Wechsel der päpstlichen Stola allein machen noch keinen Kurswechsel des Pontifikats aus.“). Unter zu kritischem Denken befähigten Menschen ist jedenfalls schon sein einiger Zeit Ernüchterung eingetreten.
Wie lässt sich das alles nun theologisch einordnen? Klar ist, dass diese Bestandsaufnahme auch unter Anhängern der Tradition unter theologischen Gesichtspunkten auf Kritik oder Unverständnis stoßen wird. Ist der Kirche nicht anderes verheißen? Ist der Fels Petri nicht jener Fels, von dem es heißt, dass die Pforten der Unterwelt ihn nicht überwinden werden? Darauf wird wohl zu antworten sein, dass allen nüchtern denkenden Menschen klar sein sollte, dass die Priesterbruderschaft seit ihrer Gründung nichts anderes gewesen ist, als die Arche, die diese Verheißung erfüllt. Es ist ja interessant, dass nach der Malachias Prophetie Benedikt XVI. der letzte mit einem Vatizinium bedachte Papst gewesen ist. Nach der Glorie des Ölbaums springt sie zum Ende der Zeiten, von dem es heißt, dass dann Petrus Romanus in der letzten Verfolgung die Kirche führen wird. Was in der Zwischenzeit an Päpsten noch figurieren mag, wird der Erwähnung bezeichnenderweise nicht für würdig erachtet. Uns ist es leider beschieden, diese Zeiten nun durchleben und ertragen zu müssen.
Wachsende Rolle der Traditionalisten
Doch ist damit zu rechnen, dass insbesondere auf die Bruderschaft noch größere Herausforderungen warten. Denn mit steigender gesellschaftlicher Relevanz wird es für die Bruderschaft und ihr Apostolat notwendig werden, aus ihrem bisherigen Nischendasein heraus zu treten. In dem Maße, indem sie zu einem kulturellen Faktor wird, werden sich ihr breitere Schichten zuwenden, auch Kulturkatholiken, deren Motivation sich möglicherweise stark vom Mindset des klassischen „Tradi“ unterscheiden wird. Auch ihnen werden sich ihre Priester zuwenden und Wege der Ansprache finden müssen.
Es wird notwendig werden, verstärkt über die Rolle der Tradition in der Gesellschaft und für die Gesellschaft zu sprechen. Und auch Kirchenferne anzusprechen werden die Piusbrüder in Zukunft lernen müssen, ohne in die Falle des Modernismus zu tappen. Nach der Warnung, die die Kirchengeschichte der letzten 60 Jahre bereithält, sollte diese Herausforderung aber zu meistern sein.
*Name und Wohnort des promovierten Theologen, der den Aufsatz verfasst hat, sind PP bekannt.
Einen ersten Einblick in die Arbeit der Piusbruderschaft bietet z.B. dieses ganz aktuelle Video:
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