
(David Berger) Ceuta ist längst mehr als ein Brennpunkt illegaler Migration. Die Bilder der vergangenen Tage werfen eine viel grundsätzlichere Frage auf: Hat Europa den Willen verloren, seine eigene Identität zu verteidigen? Darüber diskutieren Matthias Matussek und Daniel Matissek in einem Gespräch, das bewusst über die Tagespolitik hinausgeht und die religiösen, historischen und kulturellen Dimensionen der aktuellen Krise in den Blick nimmt.
Manchmal verdichtet sich Geschichte in wenigen Bildern. Die Szenen aus Ceuta gehören dazu. Tausende junge Männer stürmen unter „Allahu Akbar“-Rufen auf europäischen Boden. Polizeiketten geraten ins Wanken. Die Außengrenze Europas wird zum Schauplatz eines Ereignisses, das weit über Fragen der Migrationspolitik hinausweist.
Denn Ceuta ist nicht irgendeine Grenzstadt. Seit Jahrhunderten ist die spanische Exklave das Tor Europas nach Afrika – und zugleich ein Symbol dafür, dass das Abendland seine Freiheit niemals als Selbstverständlichkeit betrachten durfte. Über der Stadt wacht Nuestra Señora de África, Unsere Liebe Frau von Afrika. Seit Generationen vertrauen sich die Einwohner ihrem Schutz an. Gerade in diesen Tagen gewinnt dieses alte Marienpatrozinium eine überraschende Aktualität.
Woher bezieht Europa seine Immunkraft?
Wer die Geschichte Europas kennt, erkennt sofort die tiefere Symbolik. Bereits einmal stand der Kontinent vor einer existenziellen Herausforderung durch die islamische Expansion. Damals schien das Osmanische Reich unaufhaltsam vorzurücken. Erst als sich die christlichen Mächte Europas trotz aller politischen Gegensätze zusammenschlossen, kam es 1571 zur entscheidenden Seeschlacht von Lepanto. Papst Pius V. hatte die Christenheit zuvor zum Rosenkranzgebet aufgerufen und die Flotte der Heiligen Liga unter den Schutz der Gottesmutter gestellt. Der Sieg wurde deshalb von den Zeitgenossen nicht nur als militärischer Erfolg, sondern als Gnade Mariens verstanden. Bis heute erinnert das Rosenkranzfest an dieses Ereignis.
Zwischen Lepanto und Ceuta liegen mehr als vierhundertfünfzig Jahre. Die Bedrohungen haben ihre Gestalt verändert, doch die entscheidende Frage bleibt dieselbe: Besitzt Europa noch den geistigen Willen, seine eigene Kultur, seine Geschichte und seine religiösen Grundlagen zu bewahren?
Gerade darüber wird heute kaum gesprochen. Die öffentliche Debatte kreist nahezu ausschließlich um Asylverfahren, Grenzschutz, Sozialleistungen oder internationales Recht. Doch diese Fragen greifen zu kurz. Hinter jeder politischen Krise steht letztlich eine kulturelle und geistige Krise. Eine Zivilisation verliert ihre Zukunft nicht zuerst an ihren Grenzen, sondern in ihrem Selbstverständnis.
Das folgende Gespräch zwischen Matthias Matussek und Daniel Matissek versucht deshalb bewusst, tiefer zu gehen. Es fragt nach den religiösen Ursachen der gegenwärtigen Entwicklungen, nach der Bedeutung des Christentums für die Entstehung Europas und nach den Folgen einer Gesellschaft, die ihre eigenen geistigen Wurzeln preisgibt. Dabei geht es nicht um Ressentiments gegenüber einzelnen Menschen oder Völkern, sondern um die nüchterne Frage, ob eine Kultur überleben kann, wenn sie den Glauben verliert, aus dem sie einst hervorgegangen ist.
Grenzkontrollen alleine genügen nicht
Bemerkenswert ist dabei, dass beide Gesprächspartner immer wieder auf einen Punkt zurückkommen: Europa wird seine Identität nicht allein durch schärfere Grenzkontrollen oder neue Gesetze zurückgewinnen. Eine wirkliche Erneuerung beginnt tiefer – mit der Wiederentdeckung des Heiligen, der eigenen Geschichte und der christlichen Tradition, die über Jahrhunderte das Fundament der europäischen Kultur bildete.
Ob man allen Schlussfolgerungen zustimmt oder nicht: Das Gespräch greift Fragen auf, die in Politik und Medien meist vermieden werden. Es erinnert daran, dass Ceuta mehr ist als ein Brennpunkt illegaler Migration. Ceuta ist zu einem Symbol geworden – für den Zustand Europas und für die Frage, ob der Kontinent den Mut findet, sich seiner eigenen geistigen und christlichen Identität erneut bewusst zu werden.






