Nach dem 2. Vatikanischen Konzil erlebte die katholische Kirche eine tiefe Glaubenskrise. Das religiöse Leben verflachte, viele Menschen kehrten der Kirche den Rücken. Der neue Frühling der Kirche, den sich Johannes XXIII. erhofft hatte, blieb aus. Es schien, als hätte man mit dem 2. Vatikanum an den Fundamenten der Kirche rütteln wollen. Galten die alten Glaubenswahrheiten noch? War der katholische Glaube jetzt nurmehr eine Religion unter vielen? Sollte sich die Kirche nicht mehr um das Heil der Seelen, das ewige Leben, sondern um soziale Probleme kümmern? Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.
Maßgeblich befeuert wurde die Verunsicherung durch liberale Theologen und Medien, die versuchten das Konzil für ihre Zwecke zu kapern. So entstand der Eindruck, die katholische Kirche sei von ihren festen Glaubenssätzen abgerückt und würde nur noch einen seichten Humanismus verkünden. Aus dieser Sicht ist die katholische Kirche nur noch eine Organisation von vielen, die versucht auf ihre Weise die Welt zu verbessern. Jedem, der sich einmal ernsthaft mit den Konzilstexten auseinandergesetzt hat, wird klar sein, dass ein solches Bild in keiner Weise der Realität gerecht wird. Dennoch hat sich diese Interpretation im Allgemeinen durchgesetzt. Benedikt XVI. sprach in diesem Zusammenhang treffend vom „Ungeist des Konzils.“ Er unterschied zwischen dem, was das Konzil wirklich sagte und wollte, und dem was interessierte Kreise aus ihm gemacht hatten.
Die Kirche im Selbstzerstörungsmodus
Das Pontifikat von Paul VI. fiel in die unmittelbare Nachkonzilszeit. Von Zeitgenossen wurde Montini als Papst mit „zitternder Hand“ beschrieben. Montini war intellektuell veranlagt und verfügte über ein sensibles Gewissen. Seinen Auftrag, den Glauben der Kirche treu zu bewahren, nahm er außerordentlich ernst. Gleichzeitig wollte er moderne Entwicklungen nicht pauschal verurteilen und ihnen soweit möglich entgegenkommen. Es ging ihm darum, der Wahrheit in allen Bereichen die Ehre zu geben. Oft wurde er deshalb als skrupulös und zögerlich wahrgenommen. Schon bald jedoch erkannte Paul VI. die gravierenden Missstände nach dem Konzil und benannte sie in drastischen Worten:
„Die Kirche macht eine Stunde der Unruhe, der Selbstkritik, man könnte sogar sagen, der Selbstzerstörung durch (…) als würde die Kirche auf sich selbst einschlagen.“
Eine notwendige Intervention des Oberhirten
Montini war sich bewusst, dass er als Papst selbst eingreifen musste, um die Verwirrung zu beenden. Er veröffentlichte deshalb das „Credo des Gottesvolkes“ als feierliches Glaubensbekenntnis. Dadurch wollte er den Gläubigen Klarheit und Sicherheit verschaffen. Durch das Credo sollten die Fragen, die das Konzil aufgeworfen hatte, geklärt werden. Mit dem neuen Glaubensbekenntnis wollte Paul VI. deutlich machen: Auch nach dem Konzil glaubt die Kirche das, was sie immer geglaubt hat. Der Glaube ist auch heute vollständig und unversehrt erhalten geblieben. Das Konzil wollte den Glauben nicht ändern, sondern ihn vertiefen. Wie Paul VI. selbst sagt, sollte sein neues Credo den Gläubigen und allen Menschen „Erleuchtung“ über den Glauben bringen:
„Es war Unser Wille, dass Unser Glaubensbekenntnis vollständig und klar genug sei, um in einer Weise Antwort zu geben, die dem drängenden Wunsch nach Erleuchtung angepasst ist, der von so vielen gläubigen Seelen und von allen Menschen in der Welt empfunden wird, die – ganz gleich welcher geistigen Gemeinschaft sie angehören – auf der Suche nach der Wahrheit sind.“
Ich werde im Folgenden einige zentrale Punkte des Credos herausgreifen, die mir in der heutigen Glaubenskrise wichtig erscheinen.
Die Erbsünde ist eine Realität
Moderne Irrlehren und Utopien beruhen meistens auf einem falschen Menschenbild. Beispielsweise stimmen sowohl Marxismus wie humanistischer Fortschrittsglaube darin überein, dass jeder Mensch an sich gut sei. Fehlverhalten und Verbrechen sind in beider Sicht das Ergebnis von gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Missständen. Bei gerechten Lebensbedingungen gäbe es keine Verbrechen mehr. Dass der Mensch tatsächlich Böses wollen kann, wird negiert.
Die katholische Sicht ist hier wesentlich realistischer. Die Kirche glaubt, dass der Mensch in seiner Natur zum Bösen geneigt ist und der Erlösung bedarf. Es wird ihm nie gelingen, aus eigener Kraft den „alten Adam“ zu überwinden. Die Kirche glaubt, dass durch die Erbsünde die an sich gute Natur des Menschen wesentlich in Mitleidenschaft gezogen ist. Paul VI. schreibt: „Die menschliche Natur ist also eine gefallene Natur, beraubt der Gnade, die sie bekleidete, verwundet in ihren eigenen natürlichen Kräften und dem Reich des Todes unterworfen, der auf alle Menschen übergegangen ist. Das ist der Sinn, dass jeder Mensch in Sünde geboren wird.“ Insofern ist der gefallene Mensch nicht an sich gut, er bedarf Taufe und Bekehrung, um vor Gott gut zu leben.
„Abrahamitische Religionen“: Brüder im Glauben?
Eine Vorstellung, die der modernen Mentalität sehr schmeichelt, ist die, dass im Grunde alle Religionen gleich sind und dasselbe wollen. Unterschiedliche Glaubenssätze seien nur auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen. Also viele religiöse Sprachen, die aber alle ein und dasselbe meinen. Es ist klar, dass gemäß dieser Sichtweise eine „wahre Religion“ eine unsinnige und rückständige Vorstellung sein muss.
Eine der umstrittensten Aussagen des Konzils ist sicher die, dass Christen und Moslems gemeinsam zum einen Gott beten. Wie ist das zu verstehen? Das Glaubensbekenntnis greift den Konzilstext auf und erklärt ihn zugleich näher. Zunächst heißt es: „Wir sagen indessen der göttlichen Güte Dank für die Tatsache, dass sehr viele gläubige Menschen mit uns vor der Welt die Einzigkeit Gottes bezeugen können, obwohl sie das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit nicht kennen.“ Hier wird also nicht mehr von einem gemeinsamen Gebet, sondern einem gemeinsamen Zeugnis für den einen Gott gesprochen.
Die Dreifaltigkeit ist das Grunddogma der christlichen Religion. Gott ist Mensch geworden und hat sich uns darin als dreifaltiger Gott geoffenbart. Wie das Johannesevangelium sagt, möchte Gott „in Geist und Wahrheit“ angebetet werden. Das Credo sagt dazu entsprechend: Immer „muss also die Einheit in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehrt werden.“
Die gottgewollte Verehrung ist die Verehrung Gottes als dreifaltigem Gott. Gottesvorstellungen, die die Dreifaltigkeit Gottes ausdrücklich ablehnen – wie dies im Islam und Judentum der Fall ist – stimmen deshalb wesentlich nicht mit dem christlichen Gottesbild überein. Deshalb ist es irreführend und falsch zu behaupten, die monotheistischen Religionen würden zum „selben“ oder zum „wahren“ Gott beten.
Himmel und Hölle existieren
„Sogar in christlichen Kreisen denken viele, das Christentum bemühe sich um eine Verbesserung der Welt. Aber das Ziel des Christentums ist nicht die Verbesserung der Welt, der materiellen, veränderlichen Welt“, betont Paul VI. im Gespräch mit dem Philosophen Jean Guitton. Ohne Zweifel ist eines der größten Probleme der nachkonziliaren Kirche die einseitige Fokussierung auf diesseitige Themen. Vielerorts wird die Kirche schlicht als NGO wahrgenommen.
Für unseren Glauben ist es aber zentral, dass Christus kommen wird „zu richten die Lebenden und die Toten.“ Der Tod ist nicht das Ende. Es ist auch nicht so, dass „automatisch“ alle Menschen in den Himmel kommen. Nach dem Tod wird sich für jeden Menschen die Ewigkeit entscheiden: Himmel oder Hölle. Das Credo des Gottesvolkes schärft diese Glaubenswahrheit erneut mit deutlichen Worten ein:
„Jene, die der Liebe und dem Erbarmen Gottes entsprochen haben, werden eingehen zum ewigen Leben; jene aber, die bis zum Ende ihres Lebens die Liebe und das Erbarmen Gottes ablehnten, werden dem Feuer überantwortet, das niemals erlischt.“
Die Kirche: Heilig und heilsnotwendig
Gerade mit Blick auf Missbrauchsskandale und anderen Verfehlungen kirchlicher Amtsträger wird die Kirche oft ausschließlich in ihrer menschlichen und sozialen Dimension gesehen. Es entsteht so der Eindruck einer „sündhaften Kirche“. Wie uns der Glaube sagt, ist sie jedoch weit mehr als eine menschliche Vereinigung. Es ist nicht falsch von der Kirche als „Volk Gottes“ zu sprechen, doch sie ist zuallererst der mystische Leib Jesu Christi, wie das Credo betont. Die Kirche in diesem Sinn kann deshalb nie irren oder sündigen, sie ist absolut heilig. Das Glaubensbekenntnis führt dazu aus:
„Die Kirche ist deshalb heilig, auch wenn sich in ihrer Mitte Sünder befinden, weil sie selbst kein anderes Leben besitzt, als das der Gnade. Das heißt, dass sich ihre Glieder heiligen, wenn sie an ihrem Leben teilnehmen, und dass sie, wenn sie ihr Leben preisgeben, der Sünde und Unordnung verfallen, die den Glanz ihrer Heiligkeit verdunkeln. Deshalb leidet und büßt die Kirche für diese Verfehlungen; sie hat die Gewalt, ihre Gläubigen davon zu heilen durch das Blut Christi und die Gabe des Heiligen Geistes.“
Die Identität und das Leben der Kirche ist die Heiligkeit. Diese Heiligkeit, die von Gott kommt, können Menschen durch ihre Sünden niemals schmälern oder wegnehmen. Das Fehlverhalten der Gläubigen kann lediglich dazu führen, dass das Wesen der Kirche schwerer erkannt wird. Gerade in der heutigen Zeit können wir hier an den bekannten Ausspruch aus dem „Kleinen Prinzen“ denken: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Die Kirche ist der Leib Christi. Durch die Sakramente wirkt Christus beständig in der Kirche und füllt sie mit seinem Leben. Die Kirche ist deshalb heilsnotwendig. Paul VI. bekräftigt wiederum: „Wir glauben, dass die Kirche heilsnotwendig ist, denn Christus, der alleinige Mittler und Weg zum Heil, ist für uns gegenwärtig in seinem Leib, der die Kirche ist.“
Die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers auf Kalvaria
In Folge der Liturgiereform nach dem 2. Vatikanum haben sich schwerwiegende Missverständnisse über den Sinn der Liturgie eingeschlichen. In weiten Teilen wird die heilige Messe nur noch als Versammlung oder symbolische Mahlgemeinschaft verstanden. Was daraus folgt, ist oftmals eine völlige Banalisierung und Entstellung der Liturgie. Auch die Kirche selbst wird häufig weniger als Haus Gottes wahrgenommen, das Ehrfurcht und Stille gebietet, sondern eher als Versammlungsort der Gemeinde.
Paul VI. bezeugte demgegenüber aufs Neue, dass die heilige Messe zuallererst Sühnopfer ist. Sie ist die erneute Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers auf Golgotha. In diesem Opfer ist Christus erneut wirklich gegenwärtig:
„Wir glauben, dass die heilige Messe, wenn sie vom Priester, der die Person Christi darstellt, kraft der durch das Weihesakrament empfangenen Gewalt, gefeiert und im Namen Jesu Christi und der Glieder seines mystischen Leibes dargebracht wird, das Opfer von Kalvaria ist, das auf unseren Altären sakramental vergegenwärtigt wird.“
Die reale Gegenwart Jesu Christi bleibt auch nach der heiligen Messe in der Hostie erhalten. Der Tabernakel, in dem die Hostien auf bewahrt werden ist, wie Paul VI. sagt, „die Herzmitte“ einer jeden Kirche. Eindringlich mahnt er dabei die Gläubigen:
„Es ist Uns eine heilige Pflicht, das fleischgewordene Wort, das unsere Augen nicht erblicken können und das, ohne den Himmel zu verlassen, sich uns vergegenwärtigt, in der heiligen Hostie, die unsere Augen sehen können, anzubeten und zu verehren.“
Eine Stärkung im Glauben
Mit dem Credo des Gottesvolkes bot Paul VI. den Gläubigen eine authentische Auslegung des Konzils. Bedauerlicherweise ist das Credo, das den Katholiken wieder neue Kraft im Glauben geben sollte, fast ungehört verhallt. Von den Theologen wurde es weitgehend totgeschwiegen oder als „vorkonziliar“ abqualifiziert. Manche meinten eben, besser als der Papst zu wissen, wie die Konzilstexte wirklich zu verstehen seien.
Im Jahr 1969 äußerte Montini über das Konzil: „Auf zahlreichen Gebieten hat uns das Konzil bis jetzt nicht die innere Ruhe gebracht, sondern eher Unruhe und Probleme ausgelöst, die der Erstarkung des Reiches Gottes in der Kirche und in den Seelen nicht förderlich sind.“ Diese Worte des Papstes sind heute aktueller als je zuvor. Nach wie vor herrscht große Verunsicherung und Glaubensschwund in der Kirche.
Das 2. Vatikanum hat viele Fragen aufgeworfen. Auch heute fragen sich noch viele Gläubige, ob die Kirche noch glaubt, was sie immer geglaubt hat. Gerade für verunsicherte Gläubige lohnt es sich also, den Text einmal zur Hand zu nehmen und eingehend zu studieren. Der Philosoph Jaques Maritain schrieb einmal über das Credo des Gottesvolkes: „Es wird zahlreiche verwirrte Seelen wieder aufrichten“.
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