Junge Skandinavier entdecken den katholischen Glauben: Die Sehnsucht nach Wahrheit wächst

Ausgerechnet im weitgehend säkularisierten Norden Europas wächst das Interesse an der katholischen Kirche. Immer mehr junge Menschen suchen dort nach religiöser Orientierung und finden zum katholischen Glauben. Viele von ihnen sind ohne Religion aufgewachsen oder haben sich zuvor mit alternativen Formen der Spiritualität beschäftigt.

Jahrzehntelang galt Skandinavien als Musterregion einer Gesellschaft, die sich von ihren christlichen Wurzeln verabschiedet hatte. Religion wurde zur Privatsache, traditionelle Familienvorstellungen verloren an Bedeutung, und die sexuelle Revolution prägte das gesellschaftliche Selbstverständnis. Doch ausgerechnet dort, wo die Säkularisierung besonders weit fortgeschritten ist, zieht die katholische Kirche zunehmend junge Menschen an. So verzeichnen katholische Pfarreien in Norwegen steigende Zahlen bei erwachsenen Konvertiten, Firmungen und der religiösen Unterweisung. Unter den Interessenten befinden sich Menschen, die zuvor mit heidnischen Vorstellungen oder New-Age-Spiritualität experimentiert haben, während andere das Christentum überhaupt erst im Erwachsenenalter entdecken.

Für Ragnhild Aadland Høen, Sprecherin der norwegischen katholischen Bischöfe, ist diese Entwicklung kein Zufall: „Dies ist eine der säkularsten Regionen der Welt, und viele haben die vorherrschende Weltanschauung ausprobiert und sie leer gefunden.“ Tatsächlich scheint sich gerade in den westlichen Wohlstandsgesellschaften eine Ernüchterung auszubreiten. Materielle Sicherheit, individuelle Selbstverwirklichung und persönliche Freiheit beantworten nicht die Frage nach dem letzten Sinn des Lebens. Hier bietet die katholische Kirche einen Gegenentwurf, dessen Anziehungskraft offenbar gerade in seiner Unvereinbarkeit mit manchen gesellschaftlichen Leitvorstellungen liegt. Ihre Sakramente, ihre zweitausendjährige Tradition und ihre Morallehre stehen für einen Wahrheitsanspruch, der nicht von wechselnden Mehrheiten abhängt. Schwester Anna Mirijam Kaschner, Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz, formuliert es so: „Die Kirche bietet eindeutig ein anderes Wertesystem als die heutige liberale, freizügige Gesellschaft, und das zieht Menschen an.“

Vom Internet in die katholische Kirche

Dass diese Suche keineswegs auf Norwegen beschränkt bleibt, zeigen ähnliche Berichte aus Schweden und Dänemark. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Internet, über das junge Menschen erstmals mit katholischer Theologie, christlicher Apologetik oder der traditionellen Liturgie in Berührung kommen. Aus anfänglicher Neugier entsteht nicht selten der Wunsch, eine Messe zu besuchen und sich intensiver mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Dabei scheint gerade die Andersartigkeit des Katholizismus anziehend zu wirken: Eine Kirche, die nicht einfach die vorherrschenden gesellschaftlichen Überzeugungen bestätigt, sondern einen verbindlichen Wahrheitsanspruch erhebt, wird wieder als ernstzunehmende Alternative wahrgenommen. Zur größeren Sichtbarkeit des Katholizismus haben auch bekannte Konvertiten beigetragen. Der norwegische Literaturnobelpreisträger Jon Fosse trat 2012 zur katholischen Kirche über. Der schwedische Kardinal Anders Arborelius konvertierte bereits als junger Erwachsener und wurde später zum ersten Kardinal seines Landes ernannt.

Noch allerdings handelt es sich um eine kleine Minderheit. In Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden zählt die katholische Kirche rund 406.000 Mitglieder, die von etwa 419 Priestern und 349 Ordensschwestern betreut werden. Ein erheblicher Teil ihres zahlenmäßigen Wachstums geht auf die Einwanderung katholischer Christen zurück, insbesondere aus Polen. Das zunehmende Interesse einheimischer Skandinavier am katholischen Glauben lässt sich damit jedoch nicht vollständig erklären. Die Bischöfe haben inzwischen begonnen, auf diese Entwicklung zu reagieren. Während in Oslo die erste Diözesansynode vorbereitet wird, soll in Schweden ein landesweiter Glaubenskurs für Menschen entstehen, die einen Übertritt zur katholischen Kirche erwägen.

Von einer Rekatholisierung Skandinaviens kann angesichts dieser Zahlen noch keine Rede sein. Dennoch deutet sich an, dass die fortschreitende Säkularisierung keineswegs zwangsläufig das letzte Wort haben muss. Die Fragen nach Gott, Wahrheit, Schuld und Erlösung verschwinden nicht, nur weil eine Gesellschaft sie für überholt erklärt. Gerade darin könnte für die katholische Kirche eine neue missionarische Chance liegen: nicht durch Anpassung an den Zeitgeist, sondern durch die selbstbewusste Verkündigung dessen, was sie seit zweitausend Jahren lehrt. Dass junge Menschen ausgerechnet in den Hochburgen des europäischen Säkularismus den katholischen Glauben entdecken, gibt Anlass zur Hoffnung – weit über Skandinavien hinaus.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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