Das verschwundene Interview: Wie der NDR einen unbequemen Politiker nachträglich „einordnet“

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Erst veröffentlichte der NDR ein ausführliches Interview mit dem früheren SPD-Minister Mathias Brodkorb über dessen neues Buch „Böse Wörter“. Dann verschwand der Beitrag und wurde durch eine journalistische „Einordnung“ ersetzt. Der Sender räumt die Depublikation inzwischen ausdrücklich ein – und liefert eine bezeichnende Begründung.

Am 2. Oktober veröffentlichte der NDR ein ausführliches Interview mit dem früheren SPD-Kultus- und Finanzminister Mecklenburg-Vorpommerns Mathias Brodkorb. Thema war dessen neues Buch „Böse Wörter“, in dem er sich kritisch mit Sprachverboten, Genderideologie und dem moralischen Kulturkampf um einzelne Begriffe auseinandersetzt. Doch wenige Tage später war das Interview unter der ursprünglichen Internetadresse verschwunden. Stattdessen fanden Leser dort einen neuen Beitrag unter der Überschrift „Dürfen wir noch alles sagen? Zwei Positionen in der Sprachdebatte“. Darin wird Brodkorbs Position mit den Auffassungen eines Diversity-Experten kontrastiert.

Brodkorb reagierte auf Facebook mit deutlicher Kritik: „Wird die Geschichte jetzt schon in Echtzeit gereinigt?“ Besonders aufschlussreich ist die inzwischen veröffentlichte Erklärung des NDR. In einer redaktionellen Anmerkung heißt es, die frühere Fassung sei depubliziert worden, weil sie nicht den journalistischen Standards des Senders entsprochen habe. Konkret beanstandet der NDR, dass rassistische Begrifflichkeiten und Zuschreibungen ohne ausreichende Einordnung verwendet worden seien.

Nanny-TV

Damit bestätigt der Sender den entscheidenden Vorgang selbst: Ein Interview, in dem ein ehemaliger SPD-Minister seine sprachphilosophischen Positionen erläutert, wurde nachträglich aus dem Netz genommen, weil die Redaktion dessen Darstellung offenbar nicht für ausreichend eingeordnet hielt. Gerade darin liegt die eigentliche medienpolitische Brisanz. Muss ein öffentlich-rechtlicher Sender die Argumente eines Gesprächspartners nachträglich durch Gegenpositionen relativieren, damit sie seinem Verständnis journalistischer Standards entsprechen? Oder sollte es nicht gerade Aufgabe eines Interviews sein, auch unbequeme Positionen unverfälscht zur Diskussion zu stellen? Immerhin: Ganz verschwunden ist das Gespräch nicht. Die 26-minütige Radiosendung vom 4. Oktober ist weiterhin über ARD Sounds abrufbar.

Und die ursprüngliche Internetfassung hat das Internetarchiv Wayback Machine bewahrt.

Der Fall zeigt damit vor allem eines: Die Auseinandersetzung um die Freiheit der Sprache findet längst nicht mehr nur in Büchern und politischen Debatten statt. Sie erreicht inzwischen auch die Frage, welche Äußerungen öffentlich-rechtliche Redaktionen ihrem Publikum ohne nachträgliche pädagogische Begleitung zumuten wollen.

Etwas ganz Ähnliches habe ich vor vielen Jahren mit dem WDR erlebt:

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