Frankreich brennt – und der Erbe seiner Könige meldet sich zu Wort

(David Berger) Brennende Rathäuser, geplünderte Geschäfte, Straßenschlachten und geschändete Kirchen: Frankreich erlebt eine Krise, die längst über gewöhnliche politische Auseinandersetzungen hinausgeht. Während die Regierung Macron mit der Wiederherstellung staatlicher Autorität komplett überfordert ist, erinnert Louis de Bourbon, Nachkomme des heiligen Königs Ludwig IX., an eine beinahe vergessene Alternative: die christliche Monarchie.

Die Bilder aus Frankreich sprechen eine bedrückende Sprache. In zahlreichen Städten kam es Mitte Oktober zu schweren islamogauchistischen Ausschreitungen, bei denen staatliche Einrichtungen angegriffen, Geschäfte geplündert und Straßen verwüstet wurden. Die Berichte über das Ausmaß der Gewalt und die Reaktion der Sicherheitsbehörden werfen Fragen nach der Handlungsfähigkeit des Staates auf. Gerade eine Republik, die Sicherheit, Freiheit und Rechtsordnung gewährleisten soll, muss sich daran messen lassen, ob sie diese elementaren Aufgaben noch erfüllt.

Hinzu kommt eine Krise, die tiefer reicht. Im einst als „älteste Tochter der Kirche“ gerühmten Frankreich werden Gotteshäuser immer wieder Ziel von Schändungen und Zerstörung. Anfang Oktober wurde die Kirche Saint-Hilaire in Soullans profaniert und musste zeitweilig geschlossen werden. Auch bei den Protesten am vergangenen Wochenende kam es zu Schändungen katholischer Statuen und Kapellen. Solche Übergriffe zeigen, wie wenig selbstverständlich die Achtung vor dem Heiligen in einem Land geworden ist, dessen Geschichte über Jahrhunderte vom katholischen Glauben geprägt war.

Ein Bourbon bietet Frankreich seine Dienste an

In dieser Situation gewinnen die Worte eines Mannes besondere Bedeutung, dessen Vorfahren Frankreich über Jahrhunderte regierten. Louis de Bourbon, Herzog von Anjou und von den französischen Legitimisten als Ludwig XX. betrachtet, hat seine Bereitschaft erklärt, dem Land als König zu dienen, sofern die Franzosen selbst die Rückkehr der Monarchie wünschen. Er spricht von einer Monarchie über den Parteien, die Frankreich wieder einen könnte: „Die Lage war noch nie so ernst; die Fünfte Republik steht vor dem Zusammenbruch. Meine Familie hat Frankreich seit Jahrhunderten gedient, und wenn Frankreich mich ruft, werde ich ihm zu Diensten stehen. Die unentbehrliche Bedingung ist, dass Frankreich die Rückkehr der Monarchie wünscht – einer Monarchie über den Parteien, die vereint.“

Dahinter steht eine Frage, die seit der Revolution von 1789 nie wirklich zur Ruhe gekommen ist: Was hält eine Nation zusammen, wenn ihre politischen Institutionen an Autorität verlieren und ihre geschichtlichen und religiösen Bindungen schwinden? Louis de Bourbon erinnert an ein anderes Verständnis politischer Herrschaft. Der König soll nicht Vertreter einer Partei oder Ideologie, sondern Diener des ganzen Landes sein. Seine Verantwortung endet nicht mit der nächsten Wahlperiode. Er steht in einer geschichtlichen Kontinuität, die Generationen verbindet und ihn verpflichtet, seinen Nachfolgern kein zerstörtes Erbe zu hinterlassen.

Der heilige Ludwig und die christliche Krone

Seit der Taufe Chlodwigs war die französische Monarchie aufs Engste mit dem katholischen Glauben verbunden. Frankreichs Könige trugen den Ehrentitel Rex Christianissimus, „Allerchristlichster König“. Ihre Krönung in Reims war nicht lediglich ein staatlicher Festakt, sondern eine religiöse Zeremonie, die ihre Verantwortung vor Gott und dem Volk sichtbar machte. Die eindrucksvollste Verkörperung dieses Königtums ist der heilige Ludwig IX. Der König, der Armen persönlich diente, Recht sprach und sein Herrscheramt als christliche Verpflichtung verstand, wurde zum Maßstab einer Autorität, deren Größe sich nicht in ihrer Unbeschränktheit, sondern in ihrer Bindung an die göttliche Gerechtigkeit zeigte. Louis de Bourbon ist ein Nachkomme dieses heiligen Königs. Auch die heilige Jeanne d’Arc lässt sich ohne diese Vorstellung nicht verstehen. Ihr Kampf galt der Befreiung Frankreichs und der Wiederherstellung seines rechtmäßigen Königtums. Dass Karl VII. in Reims gekrönt werden sollte, gehörte zum Kern ihrer Sendung. Frankreichs Geschichte und seine christliche Berufung waren für sie untrennbar verbunden.

Noch eindringlicher erinnerte der heilige Papst Pius X. an diese Berufung. Anlässlich der Seligsprechung Jeanne d’Arcs im Dezember 1908 forderte er die Franzosen auf, das geistliche Erbe des heiligen Remigius, Karls des Großen und Ludwigs IX. zu bewahren. Dieses Erbe fasste er in dem Ruf der Jungfrau von Orléans zusammen: „Es lebe Christus, der König der Franken!“ In der Treue zu Christus sah er die Grundlage der wahren Größe Frankreichs. Seine scharfe Kritik am antiklerikalen Republikanismus verband Pius X. mit der Hoffnung auf eine religiöse Wiedergeburt der ältesten Tochter der Kirche. In einer Ansprache von 1911 verglich er Frankreich mit Saulus auf dem Weg nach Damaskus: Eines Tages werde das Land erneut die Stimme Christi vernehmen, die es zur Umkehr auffordere. Frankreich solle die Erinnerung an seinen Bund mit Gott wiedererwecken und als „erstgeborene Tochter der Kirche“ den Namen Christi erneut vor die Völker und Könige der Erde tragen. Dabei ging es Pius X. nicht einfach um die Wiederherstellung vergangener politischer Verhältnisse, sondern um die Rückkehr Frankreichs zu seiner christlichen Berufung. Denn nicht die Krone allein macht einen christlichen König, sondern seine Anerkennung der Königsherrschaft Christi.

Der katholische Schriftsteller François-René de Chateaubriand hatte bereits nach der Französischen Revolution einen verwandten Gedanken formuliert. Mit dem Namen des Königs verbanden sich für ihn die legitime Autorität, die Ordnung, der Friede und die Freiheit, aber auch die Erinnerungen an das alte Frankreich, seine Religion und seine Familien. Die Krone verkörperte die geschichtliche Einheit der Nation.

Was von Frankreichs christlicher Ordnung geblieben ist

Gewiss war auch das französische Königtum nicht frei von Schuld, Machtmissbrauch und politischen Irrwegen. Doch die Revolution beseitigte nicht nur eine Dynastie. Mit dem Anspruch, die gesellschaftliche Ordnung aus dem souveränen Willen des Menschen neu zu erschaffen, verband sich eine grundsätzliche Abkehr von jenem christlichen Herrschaftsverständnis, nach dem auch der Mächtigste einem höheren Gesetz unterworfen bleibt. Die Hinrichtung Ludwigs XVI. und die Verfolgung der Kirche zeigten die Radikalität dieses Bruchs. Hier liegt der eigentliche Stachel der Worte Louis de Bourbons. Er erinnert daran, dass politische Macht nicht sich selbst gehört. Der Staat ist kein Selbstzweck, das Volk keine Verfügungsmasse wechselnder Mehrheiten und die Nation keine beliebig umgestaltbare Verwaltungsgröße.

Die katholische Kirche schreibt den Völkern keine bestimmte Staatsform vor. Auch eine Republik kann dem christlichen Gemeinwohl dienen. Aber ebenso wenig ist die Republik eine Glaubenswahrheit, die jeder Kritik entzogen wäre. Gerade deshalb verdient die Frage nach den geistigen und moralischen Grundlagen der politischen Ordnung neue Aufmerksamkeit. Ob die Franzosen jemals wieder einen Bourbonen auf den Thron rufen werden, steht dahin. Die monarchistische Bewegung ist weit davon entfernt, eine politische Mehrheit zu besitzen. Doch die Erinnerung an das christliche Königtum wirft eine unbequeme Frage auf: Was bleibt von einer Nation, wenn sie ihre Geschichte, ihren Glauben und ihre überlieferten Bindungen zunehmend nur noch als Hindernisse des Fortschritts betrachtet?

Frankreich braucht nicht einfach einen anderen Präsidenten. Es braucht die Wiederentdeckung jener Ordnung, in der auch der Herrscher weiß, dass er nicht Gott ist, sondern über ihm eine höhere Macht steht, vor der er sich eines Tages für sein Handeln verantworten muss.

***

Wir verzichten auf aufdringliche Spendenaufrufe, kein Beitrag verbirgt sich hinter einer Paywall – Bitte vergessen Sie uns trotzdem nicht: Ohne Ihre Hilfe kann hier kein einziger Satz erscheinen:

PAYPAL (Stichwort Schenkung)

Oder per Überweisung auf

David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung

ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

Trending

VERWANDTE ARTIKEL