In der spanischen Exklave Ceuta zeichnet sich eine sexuelle Revolution ganz eigener Art ab: Plötzlich erklären sich 90 % der Immigranten für homosexuell und wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt. Nicht etwa, weil dort die Regenbogen-Mission ungeahnte Missionserfolge feiert, sondern möglicherweise, weil sich herumgesprochen hat, dass Homosexualität unter bestimmten Umständen ein ausgesprochen nützlicher Asylgrund sein kann. So wird aus sexueller Selbstbestimmung ganz nebenbei ein migrationspolitisches Geschäftsmodell.
Zunächst war die Sache noch ziemlich unromantisch. Tausende Migranten aus Marokko wollten nach Spanien, weil es dort mehr Arbeit, mehr Geld und bessere Lebensbedingungen gibt. Verständlich, aber asylrechtlich leider wenig ergiebig. Arbeitslosigkeit ist schließlich noch kein anerkannter Verfolgungsgrund. Nicht einmal in der Europäischen Union. Doch dann geschah das Wunder. Offenbar sprach sich herum, dass Europa zwar nicht jeden Arbeitslosen aufnehmen muss, wohl aber Menschen Schutz gewähren kann, die wegen ihrer Homosexualität verfolgt werden. Und siehe da: Nach Angaben spanischer Polizeikreise berufen sich inzwischen rund 70 Prozent der jüngsten Asylbewerber auf genau diesen Grund. Ein Polizeigewerkschafter spricht sogar von 90 Prozent.
Passiert hier gerade die „große Verschwulung“ (Akif Pirinçci)?
Eine derart rasante Veränderung der vorgetragenen sexuellen Identitäten dürfte selbst die kühnsten Erwartungen der europäischen Queer-Beauftragten übertreffen. Ob sich hier bereits jene „große Verschwulung“ vollzieht, von der Akif Pirinçci einst sprach? Jedenfalls scheint die wundersame Vermehrung homosexueller Asylbewerber nicht ganz ohne Aufklärung auszukommen. Welche Rolle dabei die Beratung durch Flüchtlings-NGOs spielt, wäre eine interessante Frage. Sollte dort tatsächlich erklärt werden, welche Verfolgungsgründe im Asylverfahren besonders erfolgversprechend sind, hätte die europäische Flüchtlingshilfe eine bemerkenswerte neue Disziplin hervorgebracht: die asylrechtlich optimierte sexuelle Selbstauskunft. Man muss schließlich nicht jeden gleich zum echten Homosexuellen machen. Manchmal genügt es schon, ihm die Vorzüge einer entsprechenden Erklärung nahezubringen. Wenn das bei dem Status als Frau, Mann oder Fuchs geht, muss es ja hier erst recht funktionieren.
Vielleicht sollte man Ceuta zum europäischen Zentrum der LGBTQ-Forschung erklären. Jahrzehntelang haben Sexualwissenschaftler über die Entstehung sexueller Orientierungen gestritten. Dabei hätten sie offenbar nur die spanische Asylgesetzgebung studieren müssen. Was Freud und Magnus Hirschfeld nicht gelang, schafft möglicherweise ein gut informierter Migrationsberater in wenigen Minuten. Gestern noch arbeitslos, heute homosexuell und verfolgt. Welch bemerkenswerter Erkenntnisfortschritt!
Großer Bewerberandrang für Prüfkommission
Natürlich gibt es tatsächlich verfolgte Homosexuelle in Marokko. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen von Männern sind in gerade jenen Ländern, die die „Queers for Palestine“ als Paradies feiern, verboten, werden hart bestraft. Gerade deshalb wäre es ein besonders perfider Missbrauch des Asylrechts, wenn sich jemand mit einer erfundenen Homosexualität einen Schutzstatus erschleichen wollte, der für wirkliche Verfolgte gedacht ist. Aber wer möchte in Zeiten der sexuellen Selbstbestimmung schon unangenehme Fragen stellen? Schließlich gehört es zu den Errungenschaften unserer Epoche, dass jeder seine Identität selbst definieren darf. Dass eine solche Selbstauskunft im Asylverfahren allein nicht genügt, könnte sich noch als ärgerlicher Rückfall in die finstersten Zeiten des Rechtsstaats erweisen. Man stelle sich nur den entsetzten europäischen Bürokraten vor, der plötzlich zwischen einer behaupteten und einer tatsächlich verfolgungsrelevanten Homosexualität unterscheiden soll. Ein Albtraum! Am Ende müsste er womöglich sogar einen Sachverhalt prüfen, statt ein Bekenntnis entgegenzunehmen.
Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska hat diese Zumutung bereits angekündigt: Eine bloße Behauptung genüge nicht. Die Verfolgungsgefahr müsse glaubhaft gemacht werden. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten satirischen Kreisen verlautet, soll die Nachricht von einer möglichen Prüfkommission inzwischen eine regelrechte Bewerbungsflut ausgelöst haben. Herren vorgerückten Alters aus ganz Europa und den USA drängen angeblich nach Ceuta, um dort ehrenamtlich die Glaubwürdigkeit der homosexuellen Selbstauskünfte zu überprüfen. Die Bewerber versichern übereinstimmend, sie seien ausschließlich an einer gewissenhaften, möglichst persönlichen und selbstverständlich diskreten Einzelfallprüfung interessiert. Über die genaue Ausgestaltung dieser Prüfungen schweigen sich die Interessenten bislang aus. Die Warteliste soll bereits länger sein als diejenige der Asylbewerber.
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