Bach, die Seele und der Irrtum des Materialismus

(David Berger) Markus von Hänsel-Hohenhausen hat mit „Vom Barock in die Romantik“ ein ungewöhnliches, gelehrtes und streitbares Buch vorgelegt. Was zunächst wie eine musikhistorische Untersuchung über Bach, die Blockflöte und den Übergang vom Barock zur Romantik erscheint, erweist sich bald als sehr viel grundsätzlicheres Unternehmen: als Kritik jenes materialistischen Menschenbildes, das unsere Gegenwart so selbstverständlich beherrscht, dass seine Voraussetzungen kaum noch wahrgenommen, geschweige denn hinterfragt werden.

Es gibt Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten ahnt, dass ihr eigentlicher Gegenstand ein anderer ist als jener, der auf dem Titel steht. Das gilt in besonderer Weise für Markus von Hänsel-Hohenhausens umfangreiche Untersuchung „Vom Barock in die Romantik“. Gewiss, es geht um Musik, um Johann Sebastian Bach, um die Blockflöte und ihre eigentümliche Karriere, um Aufführungspraxis und Kompositionsgeschichte. Doch all dies bildet gleichsam nur den Resonanzraum für eine sehr viel weiter reichende Frage: Was ist in der europäischen Geistesgeschichte geschehen, als an die Stelle eines christlich geprägten, geistig-leiblichen Verständnisses des Menschen jenes materialistische Weltbild trat, dessen Erben wir bis heute sind?

Endete mit Bach eine Welt?

Hänsel-Hohenhausen ist dafür bekannt, dass er vor großen Thesen nicht zurückscheut. Das macht die Lektüre bisweilen anstrengend, häufig provozierend, niemals aber belanglos. Vor allem seine Auffassung, mit Bach sei nicht allein ein musikalischer Gipfel, sondern in gewisser Weise der Endpunkt einer ganzen abendländischen Kultur erreicht, fordert zum Widerspruch heraus. Der Thomaskantor erscheint bei ihm als musikalischer Vollender jener Philosophia Perennis, die über Jahrhunderte hinweg Theologie, Philosophie und Kunst miteinander verbunden habe. Seine Musik sei eine „erstaunliche, wohl nur dem Schaffen des Heiligen Thomas vergleichbare Syntheseleistung“. Das ist ein gewaltiger Anspruch. Und natürlich drängt sich sogleich die Frage auf: Ist nach Bach denn keine wirkliche große Musik mehr entstanden? Was geschieht in einem solchen Geschichtsbild mit Mozart und Beethoven, mit Schubert, Brahms oder Bruckner?

Ganz so einfach macht es sich der Autor aber nicht. Er weiß sehr wohl, dass auch eine Epoche, deren geistige Voraussetzungen er für ärmer hält als diejenigen des christlichen Abendlandes, Kunstwerke höchsten Ranges hervorbringen kann. Ausdrücklich spricht er von der „ganz großen Musik“ der Romantik, „die heute niemand missen möchte“. Der Gedanke, der ihn beschäftigt, ist subtiler. Nicht das einzelne Kunstwerk soll an einer schematischen Verfallskurve gemessen werden. Vielmehr fragt Hänsel-Hohenhausen danach, ob sich hinter der Veränderung der musikalischen Formen nicht eine tiefere Verschiebung des europäischen Welt- und Menschenbildes erkennen lässt: weg von einer Wirklichkeit, in der das Stoffliche auf das Geistige verweist, hin zu einer Welt, die sich zunehmend selbstgenügsam als Materie versteht.

Über die Einzelheiten dieser musikhistorischen Deutung wird man trefflich streiten können. Und vielleicht ist das sogar gut so. Auch wenn der Verfasser dieser Zeilen in diesem fröhlichen Wechsel und Streit – aufgrund mangelnder Kenntnisse – keinen Platz hat. Denn die eigentliche Stärke des Buches beginnt dort, wo seine Überlegungen über Bach und die Musik hinausführen. Im Mittelpunkt steht dann eine Frage, die für unsere Gegenwart von kaum zu überschätzender Bedeutung ist: Was geschieht mit dem Menschen, wenn wir ihn nur noch als Materie begreifen?

Der Materialismus besitzt heute einen eigentümlichen Vorteil. Er tritt gewöhnlich gar nicht mehr als philosophische Position auf. Er erscheint vielmehr als etwas längst Bewiesenes, als selbstverständliche Konsequenz naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Dass unser Denken, Wollen und Lieben, unser Erleben von Schönheit und Trauer, unsere Erinnerung und unser Gewissen letztlich nichts anderes seien als außerordentlich komplizierte Vorgänge im Gehirn, gilt vielen bereits als ausgemachte Sache. Der Geist wird zum Nebenprodukt der Biochemie; Freiheit erscheint, wenn überhaupt, als subjektive Illusion eines Organismus, der von Ursachen bestimmt wird, die sich prinzipiell naturwissenschaftlich beschreiben lassen.

Gerade diese scheinbare Selbstverständlichkeit greift Hänsel-Hohenhausen an. Und er tut es mit einer bemerkenswert einfachen Überlegung. Die Behauptung, dass es keinen von der Materie unabhängigen Geist gebe, ist selbst kein Ergebnis naturwissenschaftlicher Messung. Man kann sie weder wiegen noch im Labor beobachten. Sie ist eine philosophische Vorentscheidung. Der Autor formuliert das mit erfreulicher Klarheit: „Die Nichtexistenz des von der Materie unabhängigen Geistes ist die Grundlagenthese des modernen westlichen Weltbildes kontinental-europäischer Prägung, für die es weder einen analytischen Beweis noch eine sinnliche Erfahrung gibt, die sie bewahrheiten könnte.“ Und wenig später folgt der entscheidende Satz: „Der Materialismus befindet sich im Rang einer Idee und ist daher keineswegs zwingend, ja nicht einmal wahrscheinlich.“ Ich würde radikaler ergänzen, dass er gar keine Philosophie ist, sondern die geistige Beschränktheit schlechthin, verbunden mit etwas die Sinne trübendem Schwefeldampf diabolischer Besessenheit.

Hier liegt meines Erachtens das eigentliche Verdienst dieses Buches. Es zwingt dazu, die Rollen neu zu verteilen. Nicht derjenige, der von Geist und Seele spricht, trägt allein die Beweislast. Auch der Materialist muss Rechenschaft darüber ablegen, weshalb ausgerechnet seine metaphysische Voraussetzung als wissenschaftliche Gewissheit gelten soll.

Der Mensch als Reiz-Reaktionsroboter

Noch gewichtiger wird der Einwand, sobald es um die Freiheit geht. Denn hier stößt das materialistische Menschenbild auf einen Widerspruch, den unsere Gesellschaft täglich praktiziert, ohne ihn auflösen zu können. Wir behandeln den Menschen nämlich ganz selbstverständlich als verantwortliches Wesen. Wir loben und tadeln ihn. Wir rechnen ihm seine Handlungen zu. Wir erwarten von ihm, dass er zwischen Gut und Böse unterscheidet. Unsere gesamte Rechtsordnung setzt voraus, dass der Mensch nicht bloß der Ort ist, an dem physikalische, chemische und biologische Kausalreihen zusammenlaufen, sondern Urheber seiner Handlungen sein kann.

Hänsel-Hohenhausen bringt diesen Zusammenhang in einer jener zugespitzten Formulierungen auf den Punkt, an denen sein Buch reich ist: „Ohne den Geist, der frei ist, läßt sich die Freiheit des Menschen nicht begründen, der sich für seine Entscheidungen vor Gericht verantwortet. Ohne die Freiheit des Geistes gibt es keine Schuld, und es dürften weder Gericht noch Gefängnis geben.“

An anderer Stelle verdichtet er die Konsequenz des Materialismus in ein geradezu brutales Bild: Er degradiere uns „zu Sklaven der Körperchemie und zu Reiz-Reaktionsrobotern“. Das ist scharf formuliert, aber der Einwand trifft einen neuralgischen Punkt. Ist nämlich der Verbrecher in seinem Handeln vollständig durch Gehirnchemie, genetische Ausstattung, Sozialisation und äußere Reize determiniert, dann wäre Schuld im klassischen Sinne tatsächlich ein kaum noch verständlicher Begriff. Man könnte einen solchen Menschen unschädlich machen oder behandeln; man könnte versuchen, sein Verhalten zu verändern. Aber ihn moralisch zur Verantwortung zu ziehen setzte jene Freiheit voraus, die der konsequente Materialismus gerade nicht zu erklären vermag.

Darin liegt eine der merkwürdigsten Inkonsistenzen unserer Epoche. In ihren theoretischen Selbstbeschreibungen neigt sie dazu, den Menschen immer weiter zu naturalisieren; in ihrer moralischen und rechtlichen Praxis muss sie ihn weiterhin als freie Person behandeln. Sie bestreitet im einen Augenblick die Voraussetzungen, von denen sie im nächsten lebt.

Für einen abendländischen Leser erhält diese Auseinandersetzung noch einmal ein besonderes Gewicht. Denn das christliche Menschenbild hat den Leib niemals geringgeschätzt. Gerade die christliche Lehre von der Auferstehung des Fleisches verbietet jeden billigen Spiritualismus. Der Mensch ist nicht eine Seele, die zufällig in einem Körper gefangen wäre. Aber ebenso wenig ist er bloß Körper. In klassisch thomistischer Sprache wäre hier sogar präziser von der substantiellen Einheit von Leib und geistiger Seele zu sprechen als von einem Dualismus im neuzeitlich-cartesianischen Sinne. Gerade diese Einheit bewahrt die Dimension des Geistes, ohne den Menschen in zwei beziehungslos nebeneinanderstehende Substanzen zu zerlegen. Wo die geistige Dimension zugunsten der Materie aufgelöst wird, verändert sich deshalb nicht allein eine philosophische Theorie. Es verändert sich das Bild vom Menschen selbst.

Und an diesem Punkt wird Hänsel-Hohenhausens Buch politisch und ethisch brisant. Denn wenn der Mensch wesentlich Material ist, liegt die Frage nicht mehr fern, welchen Wert dieses Material besitzt. Ist es gesund oder krank, leistungsfähig oder pflegebedürftig, erwünscht oder unerwünscht, gesellschaftlich nützlich oder belastend? Der Schritt von der Beschreibung des Menschen als biologischem Organismus zu seiner Bewertung nach biologischen oder sozialen Kriterien ist keineswegs zwingend. Aber die Geschichte zeigt, wie gefährlich kurz er sein kann.

Hänsel-Hohenhausen misst deshalb die Höhe einer Zivilisation nicht zuletzt daran, ob sie die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens anerkennt. Der eigentliche Gegensatz seines Buches verläuft letztlich gar nicht zwischen Blockflöte und Symphonie, zwischen Barock und Romantik, zwischen Bach und der Moderne. Er verläuft zwischen zwei Vorstellungen vom Menschen: Ist der Mensch Person – oder ist er Material?

Was das „Dona nobis pacem“ über den Menschen weiß

Plötzlich versteht man, weshalb die Musik in diesem Buch eine so bedeutende Rolle spielt. Denn Musik ist für Hänsel-Hohenhausen gerade ein Beispiel für jene Erfahrungen, an denen das materialistische Modell eigentümlich hilflos wird. Selbstverständlich kann man einen Ton physikalisch beschreiben. Man kann seine Frequenz messen, seine Lautstärke bestimmen, die neuronalen Vorgänge untersuchen, die er im Gehirn hervorruft. Aber hat man damit erklärt, was eine Melodie ist? Hat man erklärt, warum uns bestimmte Töne zu Tränen rühren, warum Musik Erinnerung hervorruft, warum sie Trost spendet oder eine Ahnung von etwas vermittelt, das größer ist als wir selbst?

Die naturwissenschaftliche Beschreibung ist richtig. Aber sie ist nicht das Ganze. Hänsel-Hohenhausen findet dafür gegen Ende seines Buches ein großartiges Bild. Für den einzelnen Menschen, schreibt er, übertreffe „die Bedeutung von Bachs ‚Dona nobis pacem‘, das es überwältigt und das Ganze und das Glück seiner Existenz anschaulich macht, die Bedeutung des Abzählens von Elektronen“. Man sollte diesen Satz nicht als Geringschätzung der Naturwissenschaft missverstehen. Das wäre banal und würde dem Buch nicht gerecht. Elektronen zu zählen kann von größter Bedeutung sein. Naturwissenschaftliches Wissen hat das menschliche Leben in einem Maße verbessert, wie frühere Generationen es sich kaum hätten vorstellen können. Aber kein Mensch lebt vom Abzählen der Elektronen allein.

Wir leben von Freundschaft und Liebe, von Erinnerung und Hoffnung, von Schönheit und Wahrheit. Wir kennen Schuld und Vergebung, Trauer und Freude. Und wir stellen jene eine Frage, die sich hartnäckig jeder Laboranordnung entzieht: wozu das Ganze? Gerade deshalb besitzt die Kunst eine Erkenntniskraft eigener Art. Sie sagt uns etwas über den Menschen, das keine chemische Analyse widerlegt, weil sie auf einer anderen Ebene spricht. Man kann selbstverständlich untersuchen, welche Vorgänge sich im Gehirn abspielen, wenn ein Mensch das „Dona nobis pacem“ aus Bachs h-Moll-Messe hört. Aber selbst die vollkommenste Kartierung sämtlicher neuronaler Prozesse würde noch nicht erklären, warum dieses Dona nobis pacem den Menschen ergreift – und erst recht nicht, was der Friede bedeutet, um den dort gebeten wird.

An dieser Stelle gewinnt Hänsel-Hohenhausens zunächst etwas gewagt erscheinende Verbindung von Musikgeschichte und Anthropologie ihre eigentliche Überzeugungskraft. Und sie gewinnt heute zusätzliche Aktualität. Denn niemals zuvor ist die Versuchung größer gewesen, den Menschen als berechenbares Wesen zu betrachten. Künstliche Intelligenz, Neurowissenschaften und Transhumanismus stellen auf sehr unterschiedliche Weise die Frage, was am Menschen einzigartig und unersetzbar ist. Wenn Maschinen immer größere Bereiche dessen übernehmen können, was wir bislang für spezifisch menschliche Leistungen hielten, wird die Frage nach dem Wesen der Person nicht überflüssig. Im Gegenteil: Sie wird dringlicher.

Hänsel-Hohenhausen erinnert daran, dass der Mensch „durch keine Maschine gültig ersetzt werden“ könne, wo er schöpferisch tätig werde, wo er musiziere, male, tanze und von seiner Existenz erzähle. Auch darüber mag man diskutieren. Aber die dahinterstehende Frage lässt sich nicht mehr beiseiteschieben: Lässt sich der Mensch vollständig simulieren, wenn man ihn nur hinreichend genau berechnet – oder bleibt in ihm etwas, das grundsätzlich nicht in Berechnung aufgeht? Vielleicht liegt hier der tiefste Grund dafür, weshalb ein Buch über Bach und die Blockflöte plötzlich zu einem Buch über unsere Zukunft wird.

Man muss Markus von Hänsel-Hohenhausen nicht auf allen Wegen folgen. Manche seiner historischen Urteile sind so kühn, dass man ihnen widersprechen möchte; manche Zuspitzung hätte vielleicht durch eine stärkere Differenzierung gewonnen. Insbesondere die Vorstellung, mit dem Tode Bachs im Jahre 1750 sei gleichsam die Wasserscheide zwischen einer geistig erfüllten und einer zunehmend materialisierten Kultur erreicht, wird nicht jeden überzeugen. Mich überzeugt sie in dieser Ausschließlichkeit ebenfalls nicht. Doch das schmälert den Wert des Buches kaum. Im Gegenteil: Man wünscht sich mehr Bücher, die noch den Mut besitzen, eine große These zu wagen, anstatt sich in vorsichtigen Spezialuntersuchungen einzurichten, deren Ergebnisse schon vor der Lektüre niemanden beunruhigen können.

„Vom Barock in die Romantik“ ist ein solches Wagnis. Hinter seinen musikhistorischen Provokationen steht eine Verteidigung des Menschen gegen seine Reduktion. Das macht das Buch lesenswert – gerade auch dort, wo es zum Widerspruch reizt. Denn die Frage, die nach mehr als dreihundert Seiten zurückbleibt, betrifft längst nicht mehr Bach und die Blockflöte. Sie betrifft uns selbst: Was bleibt vom Menschen, wenn wir den Geist aus unserem Menschenbild streichen? Hänsel-Hohenhausens Antwort ist ebenso schlicht wie bedenkenswert: weniger, als der Mensch ist.

Und vielleicht versteht man nach der Lektüre auch besser, warum die alte abendländische Rede von der Seele keineswegs jene naive Vorstellung war, für die eine selbstgewisse Moderne sie lange gehalten hat. Sie bewahrte das Wissen darum, dass der Mensch zwar einen Leib besitzt und leiblich existiert, dass er darin aber nicht aufgeht; dass er nicht bloß Objekt von Ursachen, sondern Subjekt seiner Handlungen ist; nicht bloß ein berechenbares Stück Natur, sondern Person. Wer danach Bachs Bitte „Dona nobis pacem“ hört, mag sie anders hören als zuvor. Und womöglich sieht er auch den Menschen mit anderen Augen.

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Markus von Hänsel-Hohenhausen: Vom Barock in die Romantik. Die Hergabe des dualen Denkmodells an den modernen Materialismus, Frankfurter Literaturverlag, Erscheinungsdatum:30.10.2026, ISBN:978-3-8372-4025-2; 68 € Hier vorbestellen und Portorfrei liefern lassen.

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(c) Pixabay überarb.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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