(David Berger) Friedrich Merz bleibt noch eine Woche länger im Urlaub, das meldet heute die Hauptstadtpresse. Er schaffe es kräftemäßig noch nicht, wie geplant zurückzukehren. Warum auch nicht? Schließlich hat kaum ein Bundeskanzler vor ihm so viel ertragen müssen: schlechte Umfragen, böse Bürger, undankbare Wähler – und nun erwartet man allen Ernstes auch noch, dass er sich mit den Problemen Deutschlands beschäftigt.
Friedrich Merz bleibt noch eine Woche länger im Urlaub. Diese Nachricht sollte man nicht mit Häme aufnehmen, sondern mit tiefem Mitgefühl. Der Mann braucht Erholung. Dringend. Seinen letzten offiziellen Auftritt vor der längeren Sommerpause hatte der Bundeskanzler am 29. Juli. Wie der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille gegenüber der dts Nachrichtenagentur erklärte, ist davon auszugehen, dass das Kabinett erst am 26. August wieder unter Leitung des Kanzlers zusammentritt. Sollte Merz nicht einige Tage früher zurückkehren, wäre er damit beinahe einen ganzen Monat weitgehend von der öffentlichen Bildfläche verschwunden.
Fast vier Wochen! Und sofort werden wieder diese herzlosen Fragen gestellt: Wo ist der Kanzler? Warum kommt er nicht zurück? Hat ein Regierungschef in schwierigen Zeiten nicht besondere Pflichten? Typisch Deutschland. Immer nur fordern. Dabei sollte man einmal überlegen, was dieser Mann in den vergangenen Monaten alles durchmachen musste. Friedrich Merz hat Dinge erlebt, die seine Vorgänger vermutlich nicht einmal ihren engsten Mitarbeitern hätten zumuten wollen.
Irgendwann ist auch der stärkste Sauerländer erschöpft
Was waren dagegen schon deren Probleme? Konrad Adenauer musste lediglich einen zerbombten Staat wiederaufbauen, Millionen Vertriebene integrieren und die junge Bundesrepublik im Westen verankern. Helmut Schmidt hatte RAF-Terrorismus, Öl- und Wirtschaftskrisen sowie den NATO-Doppelbeschluss am Hals. Helmut Kohl musste sich mit solchen Nebensächlichkeiten wie dem Zusammenbruch des Ostblocks und der deutschen Wiedervereinigung beschäftigen. Aber keiner von ihnen musste ertragen, was Friedrich Merz zugemutet wird: Die Leute sind gemein zu ihm.
Sie buhen ihn aus. Sie lachen über ihn. Sie machen Witze über ihn. Die Umfragen entwickeln sich nicht so, wie es einem Mann seines Formats eigentlich zustünde. Journalisten stellen unangenehme Fragen. Und im Internet schreiben Bürger sogar ihre Meinung über Friedrich Merz, ohne vorher beim Bundespresseamt nachzufragen, ob diese Meinung genehm ist. Irgendwann ist auch der stärkste Sauerländer erschöpft.
Nun könnte ein besonders boshafter Zeitgenosse einwenden, ein Bundeskanzler könne sich angesichts der politischen und wirtschaftlichen Lage vielleicht keine derart ausgedehnte Sommerpause leisten. Doch das Kanzleramt hat für solche Miesepeter eine beruhigende Nachricht: Friedrich Merz sei „natürlich immer im Dienst“. Das nimmt einem sofort alle Sorgen. Man darf sich diesen Dienst vielleicht ungefähr so vorstellen: Irgendwo befindet sich ein Mobiltelefon. Es ist vermutlich eingeschaltet. Und sollte Deutschland vollständig untergehen, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass jemand versucht, den Bundeskanzler zu erreichen. Wegen kleinerer Vorkommnisse sollte man dagegen nicht gleich hysterisch werden. Zum Beispiel wegen eines Waldbrandes.
Nordrhein-Westfalen brennt – aber bitte nicht so laut
Im Hürtgenwald kämpften zeitweise bis zu 1.800 Einsatzkräfte gegen einen Brand, der rund 300 Hektar erfasste und als wohl größter Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens gilt. Menschen mussten evakuiert werden, schweres Gerät kam zum Einsatz, Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen. Das klingt natürlich dramatisch. Aber Politik bedeutet schließlich, Prioritäten zu setzen. Wald wächst nach. Sommerurlaub nicht.
Deshalb wäre es geradezu herzlos gewesen, vom Bundeskanzler zu verlangen, wegen einiger hundert brennender Hektar seine wohlverdiente Erholung zu unterbrechen, nach Nordrhein-Westfalen zu fahren, Einsatzkräften persönlich zu danken oder wenigstens durch einen demonstrativen öffentlichen Auftritt den Eindruck zu erwecken, das Schicksal seines Landes könne seinen Tagesablauf beeinflussen. Wo kämen wir denn da hin? Am Ende könnten die Bürger noch glauben, ein Bundeskanzler sei nicht bloß Inhaber eines Amtes, sondern müsse in Krisensituationen tatsächlich sichtbar führen.
Immer im Dienst
Besonders hübsch wird die Geschichte beim Blick zurück auf Anne Spiegel. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal geriet die damalige rheinland-pfälzische Umweltministerin massiv unter Druck, weil sie kurz nach der Katastrophe für mehrere Wochen in den Familienurlaub gefahren war. Der Vorgang trug später wesentlich zu ihrem politischen Absturz bei. Damals herrschte offenbar noch eine geradezu archaische Vorstellung von politischer Verantwortung: Wer ein hohes Amt bekleidet, sollte in außergewöhnlichen Krisensituationen verfügbar und möglichst sogar vor Ort sein. Wie wunderbar weit wir uns seitdem entwickelt haben.
Heute wissen wir: Ein Politiker kann selbstverständlich gleichzeitig im Urlaub und „immer im Dienst“ sein. Jedenfalls dann, wenn er Bundeskanzler ist und Friedrich Merz heißt. Vielleicht sollte die Bundesregierung daraus gleich eine neue Staatsdoktrin entwickeln: Regieren durch Abwesenheit. Das Modell besitzt erhebliche Vorzüge. Wer nicht auftritt, kann sich nicht versprechen. Wer keine Interviews gibt, kann keine neuen Kontroversen auslösen. Wer nicht unter Menschen geht, kann nicht ausgebuht werden. Und wer möglichst wenig regiert, hat zumindest weniger Gelegenheit, beim Regieren Fehler zu machen. Und er kann vor allem keine Versprechungen machen, die er morgen schon wieder kassiert. Vielleicht ließe sich dieses Konzept sogar über die Sommerpause hinaus verlängern.
Deutschland muss endlich lernen, an Friedrich Merz zu denken
Überhaupt sollten die Deutschen aufhören, ständig nur von ihren eigenen Problemen zu reden. Die Wirtschaft? Immer diese Wirtschaft. Steuern und Abgaben? Wie kleinlich. Kommunale Finanznot, Migration, Wohnungsnot, Infrastruktur, soziale Spannungen? Man kann es mit der Anspruchshaltung auch übertreiben. Hat eigentlich einmal jemand gefragt, wie es Friedrich Merz damit geht?
Dieser Mann muss morgens aufwachen und wissen, dass irgendwo in Deutschland schon wieder jemand mit seiner Politik unzufrieden ist. Er muss damit leben, dass Wähler sich an frühere Versprechen erinnern. Besonders grausam: Manche vergleichen sogar das, was Friedrich Merz vor der Wahl gesagt hat, mit dem, was Friedrich Merz nach der Wahl tut. Welcher Mensch hält so etwas dauerhaft aus? Vielleicht braucht dieser Kanzler deshalb tatsächlich Ruhe. Ruhe vor den Bürgern. Ruhe vor den Umfragen. Ruhe vor den Kritikern. Ruhe vor den eigenen Versprechen. Ruhe vor Nordrhein-Westfalen.
Und womöglich sogar ein wenig Ruhe vor dem Regieren. Gönnen wir sie ihm. Denn nach allem, was Friedrich Merz in den vergangenen Monaten Friedrich Merz zugemutet hat, hat sich einer seinen Urlaub wirklich verdient: Friedrich Merz.
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